Deutsche Reichstagsakten, Reichsversammlungen 1556 – 1662 Der Reichstag zu Regensburg 1594 bearbeitet von Josef Leeb

Textvorlage: Kurmainz, fol. 9’–111.

Zurückweisung der Magdeburger RT-Vollmacht durch Kf. Wolfgang von Mainz.

/9’/ Die Gesandten Mgf. Joachim Friedrichs von Brandenburg, postulierter Administrator des Erzstifts Magdeburg, erhalten Audienz bei Kf. Wolfgang von Mainz und bringen vor: Vor ungefähr 28 Jahren hat Joachim Friedrich bei Ks. Maximilian II. nach der Postulation als Administrator in Magdeburg zu annemmung deßelben umb erlaubnuß angehalten. Welches ime der gestaltt bewilligt, daß ir f. Gn. sich wider einstellen soltten. Darbey ein vergleichung zu Preßburg /10/ getroffen worden, da waß in sachen, das Reich und dergleichen betreffendt, vonn ir Mt. an das dhombcapitel daselbst geschrieben, sie daßelb an gehörig ortt gelangen lassen soltten2. Welches bißhero also in usu gewesen und gehaltten, auch solche und dergleichen sachen durch ire f. Gn. verrichtet worden. Derwegen, und ob wol caesar daß dhombcapitel zu diesem reichstag beschrieben3, solches auch an ire f. Gn. gelangt, weren sie vonn derselbigen abgefertigett, weil sie in aigner person auß ehafften nitt erscheinen könten, diesem reichstag beyzuwohnen. Wie sie dann bevelch, iren gewaltt zuüberraichen. Batten, denselben anzunemmen, mitt erbietten, mitt und neben andern alles daß jenig zulaisten und zuthun, waß der ksl. Mt. und dem Reich zum besten geraichen und kommen mag.

Kf. Wolfgang lässt vom Kanzler antworten: Kf. hat kein aigentliche nachrichtung, wie eß mitt irem beschehenem anbringen geschaffen oder damit vor ein gelegenheitt habe. Soviel hetten aber ire kfl. Gn. berichts vonn der kaiserlichen cantzley, daß Brandenburg4 nitt zu diesem reichstag, sonnder das capitel beschrieben. Derwegen so wist man den gewaltt nit anzunemmen noch der ksl. Mt. hierinnen vorzugreiffen. Dennest wollte man sie gebetten haben, Maintz hierunder zuverschonen und sie, daß sie one vorwissen irer Mt. sich anderst nitt resolvirn könten, vor entschuldigt zuhalten.

Replik der Magdeburger Gesandten: Sind beauftragt, da man in annemmung gewaltts bedenckhen, kurtzlich allein nur zue bericht der sachen /10’/ anzumelden, daß sie ettliche schreiben bey handen hetten, welche uff die preßburgische handlung an iren hern gelanget, und waß yederzeit ans capitel gelangett, durch iren hern in crafft der wortt „an gehörige ortt zuverweisen“, verrichtet worden. Über das auch ire ksl. Mt. selbst viel und offtsmals irem hern den titul deß administrators gegönnett. Zu dem so were anno 82 bey der meintzischen cantzley durch vorigen cantzler Dr. Faber ir gewaltt vonn wegen Magdeburg angenommen5, darzu sie sich auch legitimirt. Und würde irem hern sehr frembdt fürkommen, da sie yetzo abgewiesen werden soltten. Hette daß ansehen, alß ob ir Mt. oder Meintz irer f. Gn. wider nemmen woltten, waß ir vonn Gott gegönnet. Item hette doch Magdeburg anno 82 sein session gehabtt, und wehre nur stritt zwüschen Salzburg und irem hern gewesen der session halber, yedoch sich mitt einander verglichen, wie ettwa hiebevor auch zwüschen ertzbischove Albrechten, cardinalen, und Salzburg auch geschehen6. Were auch Salzburg uff erregte disputation abgewichen, Magdeburg plieben; gestaltt[!] sich auch Salzburg entschuldigt hette, daß eß vonn ir nitt, sonnder auß anstifften Burgundt herfliesse7. Betten nachmals, sie mitt keinem schimpff anzusehen, dann derselb nitt allein iren hern, sonnder daß gantz hauß Brandenburg beruren thette. Weren auch kfl. brandenburgische und andere gemeinett gewesen, inen yetzo beyzudretten und ein beystandt zuleisten, so sie vor uberflussig geachtett. Versehen sich, man werde gewaltt annemmen und sie zulassen. Da dann yemandts waß an sie derwegen zu sprechen, woltten sie demselben zu recht stehn. Dann da sie an yetzo removirt, würden ire f. Gn. deß nidersechsischen kreis, deßen obrister und director ehr wehre, nitt mehr mechtig sein noch sie iren f. Gn. in furfallenden gemainen Reichß- und kreis sachen nitt mehr gehorsam sein. Würden also die stende desto weniger leisten, waß sie schuldig und verbunden wehren8. Derwegen sie sich guetter moderation zu Meintz versehen, /11/ in noch weitterer erwegung, daß auch ir her vonn vielen Reichs stenden, auch catholischen, wie also baldt darzuthun und zubeweisen, vermög der Reichs außtreg zu richter, auch sonsten zu commissarien in furfallenden sachen ersucht und ernent worden, auch derselben sich underfangen und gebrauchett. Darumb sie auch weitter nitt suchen, dann waß an sich selbst billich; wie one daß Magdeburg einen standt im Reich verdretten müste. Dann waß einem yetzo begegnet, daß könt einem andern morgen auch widerfahren.

Erwiderung für Kf. Wolfgang von Mainz: Lest eß bey voriger erclerung bewenden, wüsten sich deßwegen in kein disputation einzulassen noch der ksl. Mt. vorzugreiffen. Wehren auch, daß sie in deme ire Mt. respectirn müsten, nitt zuverdenckhen.

Magdeburg: Bitten und erwarten, dass Mainz die Angelegenheit dem Ks., auf den der Kf. sich beruft, möglichst zügig vorbringt, damit sie bald Bescheid erhalten.

Anmerkungen

1
 Danach knapp ausgewertet bei Stieve, Politik I, 203; vgl. Droysen, Geschichte, 388.
2
 Vgl. Anm. 12 bei Nr. 329.
3
 Vgl. Einleitung, Kap. 2.4.
4
 = Administrator Joachim Friedrich als Mgf. von Brandenburg.
5
 Die Magdeburger Vollmacht, ausgestellt von Administrator Joachim Friedrich und dem Domkapitel, wurde am 4. 7. 1582 von der Mainzer Kanzlei ohne Einwände akzeptiert, wenngleich sie nicht unterschrieben war (Leeb, RTA RV 1582, Nr. 457 S. 1441, Anm. 54).
6
 Streit nur um den Vorrang mit der angesprochenen Regelung: Leeb, RTA RV 1582, Nr. 235 S. 903; Leeb, Sessionsstreit, 8; Lossen, Sessionsstreit, 629–631, 634 f. Vertrag 1530 zwischen Magdeburg (Kardinal Albrecht von Brandenburg) und Salzburg (Beilegung des Vorrangstreits mit der täglichen Alternierung des Vorsitzes): Leeb, Sessionsstreit, 7; Dopsch, Legatenwürde, 279; Willich, Rangstreit, 103–105; Druck der ksl. Bestätigung des Vertrags vom 17. Oktober 1530 mit inseriertem Vertragsinhalt: Ebd., 119–121.
7
 Salzburger Verzicht auf die FR-Teilnahme im Anschluss an den Protest gegen den Magdeburger Vorrang. Im Hintergrund wirkte nicht Burgund, sondern vorrangig L. Madruzzo als päpstlicher Legat gegen Magdeburg (Leeb, RTA RV 1582, Nr. 235 S. 903–906, Nr. 243 S. 928–930; Leeb, Sessionsstreit, 8–10; Lossen, Sessionsstreit, 630 f.; Foerster, Sessionsstreit, 33–35).
8
 Bezugnahme auf die eilende Türkenhilfe des Niedersächsischen Kreises. Vgl. Nr. 313 mit Anm. 4.