Deutsche Reichstagsakten, Reichsversammlungen 1556 – 1662 Der Reichstag zu Regensburg 1594 bearbeitet von Josef Leeb

Keine Kooperation mit Calvinisten: Verstoß gegen das Gebot Gottes und die CA, Bestätigung falscher Aussagen von päpstlicher und calvinistischer Seite, Infragestellung des Religionsfriedens, Förderung des Calvinismus zum Nachteil der CA.

Im Rahmen der Pfalz-Neuburger RT-Vorbereitung vorgebracht am 22. 4. (12. 4.) 15942. Beim RT an ausgewählte Stände weitergereicht.

HStA Dresden, GA Loc. 10203/4, fol. 184–187 (Kop. Aufschr.:Dis vortzeichnus hat pfaltzgraf Philips Ludwig etc. ubergeben.) = Textvorlage. HStA München, K. blau 275/1, fol. 47–50’ (Konz. Dorsv.:Dr. Heylbronner etc., aus was ursachen mit den calvinisten nit fur ein man in causa religionis zusteen. Praesentirt Neuburg, 12. Aprillis [22. 4.]anno 94.) = B. GStA PK Berlin, I. HA GR Rep. 10 Nr. Xx., fol. 434–437’ (Kop. Dorsv.:Bedenncken, warumb man mit den calvinisten in religions sachen nit fur einen man stehen soll.) = C. AP Stettin, AKS I/201, pag. 1455–1461 (Kop.). HAB Wolfenbüttel, Cod. Guelf. 8.4 Aug. Fol., fol. 249–254’ (Kop. Aufschr.:12. Aprilis [22. 4.]1594. Dorsv.:Bedencken, ob man mit den calvinisten in negotio religionis für einen mann stehen möge. Praesentatum Neuburg, 12. Aprilis [22. 4.]1594.).

/185/ Kurtze vortzeichnus der ursachena, warumb manb mit den calvinisten in religions sachenc nicht kan noch soll fur einen mann stehen.

1) Mandatum dei: Ne ducatis iugum cum incredulis. Quod enim consortium iustitiae cum iniustitia, aut quae communio luci cum tenebris, aut quae concordia Christo cum belial, aut quae pars fideli cum infideli, aut quid convenit templo dei cum simulachris? Quapropter exite e medio illorum et separemini ab illis, dicit dominus, et immundum ne tangite. Et ego suscipiam vos et ero vobis loco patris et vos eritis mihi vice filiorum ac filiarum, dicit dominus omnipotens3. Psal. 1: Beatus vir, qui in consilio impiorum non ambulavit et in via peccatorum non stetit et in cathedra illusorum non sedit4.

2) Wir theten wider die augspurgische confession, zu dero wir unns alls dises theils symbolum bekennen, darinnen, wie Reichs kundigk, die calvinische unnd zwinglische lehr vom heyligen abenntmal verworffen: articulo 105. Anderer artickel, so der augspurgischen confession zuwider dvon ihnen geleret werden–d, dißmahl zugeschweigen.

3) Wir wurden damit die bapstische lesterunge bestettigen, quod confessio augustana sit sentina et receptaculum omnium haereseon.

4) Wir wurden damit der calvinistene lugen bestettigen, das sie auch der augspurgischen confession seyen. Welches wir ihnen doch mit nichten gestenndigk sein können unnd mit unwidertreiblichem bericht zuwiderlegen wissen.

/185’/ 5) Sie, die calvinisten, wurden in ihren greulichen unnd gotslesterlichen irthumben mehr gesterckt, fauch ihrem gebrauch nach daher ursach nemen, sich ad omnem posteritatem zuberuhmen, das ihre lehr unnd religion von den stennden augspurgischer confession gutt geheißen worden–f, die schwachgleubigen aber geergert mit denen gedanncken, als ob wir selber den streit zwischen unns unnd den calvinisten so geringschetzig achteten.

6) Wir theten contra praxim ecclesiae et statuum confessionis augustanae inde a primo exordio istius controversiae, da die stennde augspurgischer confession den schweitzern propter religionis diversitatem die offtbegerte bundnus beharrlich abgeschlagen, den oberlenndischen stetten aber alls dann erst bewilliget, da sie sich in der lehre vom heyligen abenntmahl zu unnserm theil bekennet6; wie solches in historia sacramentaria, so im namen unnd aus bevhelich der dreyer welltlichen churfursten anno 1583 gefertiget7, wie auch in dem buchlein, welches vorg zweien jharenh unnder dem namen etzlicher fursten theologen ausgeganngen, stattlich ausgefuhret8. iDartzu auch die aufm Reichs tage zu Ausgpurgk anno 66 vorgeweste religions hanndlunge gehörigk–i,9. Wir wurden damit zuerkennen geben, das der christliche eifer unnd starcker glaube, der damahls bey den churfursten, fursten unnd stenden augspurgischer confession gewesen, seithero nicht wenigk nachgelassen unnd erkalltet.

/186/ 7) Domahls ist furnemblich nur von einem articel, nemblich vom heyligen abenntmal, gestritten worden, unnd man hat dannoch, mit ihnen, fur einen mann zustehen, bedennckens gehabt10. Wieviel mehr soll man sollches an itzo keines wegs verwilligen, da sie seithero sovil schreckhliche artickell auf die bahn gebracht, gegen welche ihre verfuhrische lehre vom heyligen abenntmal gering zuachten. Dero aller wurden wir unns mit bosem gewissen theilhafftig machen, wann wir mit unnd neben disen spöttern in ihrem consilio sitzen und in causa religionis mit ihnen fur einen mann stehen sollten - wider Gottes bevhel, das man sich frembder sunden nicht theilhafftig machen soll (1 Timo. 5)11.

8) Wir wurden den bapisten das schwerdt in die handt geben, das sie den geschwornen unnd hochbeteuerten religion friden zuhallten nicht schuldigkj, weil von ihnen mit wahrheit könndte gesagt werden, das wir demselben selbst nicht nachkommen, weil wir unnter dem titull unnd namen oder, wie sie schreiben, unter clientell, schutz unnd abtrag der augspurgische[n] confession unnd religion fridens die zudecken, derk [!] der confession wissentlich nicht zugethan unnd des fridenns nicht vehigk, sonndern davon ausgeschlossen sein.

9) Es wurde gewißlichen kein gluck darbey sein, quia fierit contra mandatum dei et mala conscientia. lDann wie könnte ein gutt gewissen darbey sein, do unns /186’/ doch das gewissen uberzeugt, das wir in religione mit ihnen nicht einigk, unnd sollten doch in causa religionis mit ihnen fur einen mann stehen–l. Quod autem non sit ex fide m(hoc est mala aut haesitante conscientia)–m peccatum est (Rom. 14)12.

10) Es haben fromme fursten darunter furnemblich die exempla frommer konige - Assa, Josaphat unnd Jesiae13 - zubedenncken, welche sich allermeist damit versündiget, auch dardurch in ungluck, angst unnd noth kommen, das sie sich in bundtnus eingelassen, auch sonsten zuvil vertreuliche freundtschafft gehabt mit denen, die ihrer religion nicht gewesen, sonndern den herrn, das ist die ware religion und rechten Gottes dinst, gehasset.

11) Mann hette die röm. ksl. Mt. desto weniger zuverdenncken, wann auf die angebrachte gravamina gar keine oder abschlegige antwort erfolgete.

12) Gesetzt, das die calvinisten mit unnsers theils beistandt unnd zuthun die offtbegerte freystellunge erhallten sollten, welches doch uf die weise untzweifenntlich nicht geschehen wirdt, hetten wir Gott unnd seiner heyligen kirchen ein sehr schlechten dinst ertzeigt, in dem wir dartzu gerathen unnd geholffen hetten, das sie eine gottlose unnd Gotts lesterliche religion anstadt des vordambten bapstumbs einfuhren. Wann sie sich in ein nest setzeten, sie wurden die unnserige ebenso wenigk darzu kommen lassen alls die bapisten, ja wann sie je lenger, /187/ je stercker werden sollten, weren wir eben so wenigk unnd vil weniger fur ihnen sicher alls vor den bapisten. Dann es erscheinet aus ihren schrifften unnd hanndlungen, was sie fur ein teufelischen neidt unnd haß auf unns tragen. So ist genungsam[!] bekanndt, was sie fur einen unruichen geist haben, unnd schrecken unns nicht unbillich die greuliche verfollgungen, so die arrianer vor zeitten angerichtet14, dero historia unnd practicken der zwinglischen sonnst sehr gleich sehen.

Man darfn die christen, welche hin unnd wider umb deß willen, das sie vom bapstumb abgewichen, verfollgunge leiden, nicht verdammen. Man kan einen wegk alls den andern, doch ohne zuthun der calvinischen lesterer unnd overfolger unnsere christliche sehlige fursten bitten–o unnd uf mittell gedenncken, wie ihnen zu mehrer unnd besserer erkenntnus der wahrheit zuhellffen.

Anmerkungen

1
 Jakob Heilbrunner (auch Heilbronner) (1548–1618), 1575 Hofprediger in Zweibrücken, 1581 Generalsuperintendent der Oberpfalz, 1585 von Pfgf. Johann Casimir als Lutheraner entlassen, sodann Hofprediger bei Pfgf. Philipp Ludwig in Neuburg (Wolgast, Gewissenszwang, 243, Anm. 88).
2
 HStA München, K. blau 274/12, fol. 85–89’, hier 85’ (Protokoll der Beratung in Neuburg). Nicht zutreffend ist die Aussage bei Arumaeus, Commentarius, 424, die Schrift sei beim RT iussuKuradministrator Friedrich Wilhelms von Sachsen verfasst und vorlegt worden. Missverständlich auch bei Wolff, Corpus, 31, Anm. 146. Vgl. Gotthard, Zäsur, 278 f. mit Anm. 17.
a
 ursachen] Korr. nach B und C. In der Textvorlage verschrieben: vorfahren.In C wird „vorfahrenn“ korr. zu „ursachen“.
b
 man] Eingefügt nach B und C. Fehlt in der Textvorlage irrtümlich.
c
 in religions sachen] In B Hinzufügung am Rand.
3
 2 Kor 6, 14–18.
4
 Ps 1, 1.
5
 Art. 10 der CA von 1530 (Seebass/Leppin, Confessio, 104).
d
–d von … werden] In B Hinzufügung am Rand.
e
 calvinisten] In B danach eingefügt, dann wieder gestrichen: weltkündige.
f
–f auch … worden] In B Hinzufügung am Rand.
6
 Bezugnahme auf die Confessio Tetrapolitana 1530 (Neuser, Confessio, 459–494; Abendmahlslehre in Art. XVIII: 481 f.). Ein Bündnisangebot an die protestantischen Schweizer Kantone, falls sie sich der Tetrapolitana anschlössen, wurde von Zwingli zurückgewiesen. Dagegen Aufnahme der oberdeutschen Städte, die die CA neben der Tetrapolitana anerkannten, in den Schmalkaldischen Bund (ebd., Einleitung, 451 f.).
7
 = die 1583 verfasste Gründliche, Warhafftige Historia von der Augspurgischen Confession, wie die anno 1530 geschrieben […], wider deß gedichten, vnauffrichtigen Ambrosii Wolffii gefelschte Historiam […]. Gestellet durch etliche hiezu verordnete Theologen. Leipzig 1584.Die Schrift erschien 1584 zusammen mit der Apologia, Oder Verantwortung deß Christlichen Concordien Buchs, […]. Desgleichen ein warhafftige Historia der Augspurgischen Confession in vnd von der Lehre des heiligen Abendmals […]. Gestellet durch etliche hierzu verordnete Theologen im Jar […] 1583. Dresden 1584.
g
 vor] In B: erst vor. C wie Textvorlage.
h
 vor zweien jharen] In B Hinzufügung am Rand und korr. aus: unlengs.
8
 Fragliche Bezugnahme auf: Drey, zu dieser letzten gefehrlichen Zeit, sehr nützliche Schrifften: Wie sich ein jeder Christ, nach anleitung Gottes Worts gegen die schedlichen Sacramentirer vnd jre falsche Lere verhalten soll. Jena 1592(enthält u. a. eine Schrift von Tilemann Hesshus: Trewe Warnung […] für der Unchristlichen gemeinschafft mit den Gottlosen vnd hochschedlichen Calvinisten.).
i
–i Dartzu … gehörigk] In B Hinzufügung am Rand.
9
 Vgl. nachfolgende Anm.
10
 Wiederholte Aussagen namentlich Pfgf. Wolfgangs von Zweibrücken-Neuburg und Hg. Christophs von Württemberg, sich ohne ausreichende Erklärung Kf. Friedrichs III. von der Pfalz zur Abendmahlslehre der CA nicht gemeinsam nach außen (gegenüber dem Ks.) resolvieren zu können (Lanzinner/Heil, RTA RV 1566, Nr. 263 S. 1070–1077, Nr. 275 S. 1105–1121, Nr. 307–309 S. 1269–1311. Vgl. Edel, Kaiser, 213–218, 229; Luttenberger, Kurfürsten, 293–295; Haag, Dynastie, 1427 f.).
11
 1 Tim 5, 22.
j
 zuhallten nicht schuldigk] In B korr. aus: nicht halten.
k
 der] In B: die. C wie Textvorlage [!].
l
–l Dann … stehen] In B Hinzufügung am Rand.
m
–m (hoc … conscientia)] In B Hinzufügung am Rand.
12
 Röm 14, 23.
13
 Kgg. von Juda: Asa (911–871 v. Chr.), Josaphat (871–848 v. Chr.), Josia (640/639–609 v. Chr.) (BBKLIII, 659 f.; 714–716). Vgl. auch Anm. 4 bei Nr. 395.
14
 Arianismus (Konzil von Nikaia 325): TREIII, 692–719.
n
 darf] In B danach: darumb. C wie Textvorlage.
o
–o verfolger … bitten] In B: verfolger unser christlichen religion für sie bitten. C wie Textvorlage. [Auch die Kop. in AP Stettin wie Textvorlage.]