Deutsche Reichstagsakten, Reichsversammlungen 1556 – 1662 Der Reichstag zu Regensburg 1594 bearbeitet von Josef Leeb

1. HA (Türkenhilfe): Replik des Ks. Strittige Erhöhung der Steuerbewilligung des SR.

/53’/ (Vormittag, 7 Uhr) städterat[Regensburg, Köln, Nürnberg, Straßburg, Ulm, Lübeck, Nördlingen, Worms, Rottweil, Speyer, Überlingen, Frankfurt, Heilbronn, Hagenau, Schwäbisch Gmünd, Colmar, Memmingen, Pfullendorf1].

/54/ Regensburg proponiert: Beratung der Replik des Ks. zum 1. HA (Türkenhilfe)2im Plenum oder im Ausschuss des SR? Zunächst Verlesung der Replik im Plenum?

Umfrage. Beschluss: Verlesung der Replik und Beratung im Plenum.

[Verlesung.] 1. Umfrage zur Replika. Votum Nürnberg: Befürworten, dass 20 monat uff Laurentii und Omnium Sanctorum schirist khünfftig zu einer eilenden und zu einer beharrlichen hilff in den nechsten 4 jaren 48 monat, das ist /54’/ jedes jarr zwelf monat, zu zweyen zihlen, nämblich Laetare und Nativitatis Mariae, und also 68 monat zu bewilligen.

Überlingen schließt sich Nürnberg an.

Ulm: Votieren, dass dem Ks. umb der vorschwebenden noth willen 30 monat zur eilferttigen, aber zu beharrlicher hilff 34 monat, in zweyen jaren zu bezahlen, zu bewilligen sein solten.

Dagegen votiert die Mehrheit, das es nochmals bei den 50 monaten zu lassen3, und diß uß den alberait firbrachten[!] und andern mehr ursachen, so beneben den vorigen conditionen zu allegiern.

2. Umfrageb. Nürnberg: Verlesen ein schriftliches Votum, wonach man es bei verwilligung der 20 monaten eilender hilff wie auch der zuvor benanten ziel verbleiben lassen und noch 48 monat in den nechsten vier jaren nach einander, alls jedes jarrs zwelff monat zu zweyen ziehlen, wie obgemelt, und also in allem 68 monat zu bewilligen sein sollt; doch mit der angehenckhten condition (sovil die 48 monat beharrlicher hilff belangen thett), wo firnemblich der stött gravaminibus vor dem ersten ziel, das ist uff Laetare deß 95. jarrs, abgeholffen wurdec.

Nürnberg schließen sich an: Nördlingen, Rottweil, Überlingen, Heilbronn, Schwäbisch Gmünd, Memmingen sowie letztlich auch Lübeck und Regensburg, doch mit der Bedingung, woferr die stett endtlich und schließlich bei solcher summa verharrn und sich nit weiter wurden beladen oder tringen lassen.

/55/ Dagegen beharren die Städte der rheinischen Bank4mehrheitlich bey vorigem voto der 50 monat.

Votum Speyer: Dieweil dise contribution ein freywillige gaab, so nit ex debito, sonder mera libertate herflüeßen thette, so were niemandt yber sein vermegen zuspannen.Die Stadt Speyer ist mit RKG-Personal und anderen gefreiten Personen ybersetzt, die burgerschafft aber an der zahl und unvermegen[!] gering, von welchen die contribution müeßte erholen werden. Camerales aber und andere gefreyte hett[en] inn- und usserhalb der statt die beste güeter an sich gebracht und contribuirten nichts.Sie, die Gesandten, wollen deshalb nicht mehr bewilligen, als die Stadt aufbringen kann. Dann zusagen und halten seindt wol beyeinander, aber vil versprechen undt wenig laisten, were nit rüemlich, und ksl. Mt. mehr damit gedient, das die stött irer Mt. ein zimblichs zusagten und dasselbig laisteten, alls das man ubermessigs verspreche und sich hernacher ein difficultas oder impossibilitas in praestando befinden solt. Uff welchen fall dann die fiscalische process sich am ksl. cammergericht mercklich heuffen, andere notwendige sachen aber damit steckhen und doch zu erlangung der contribution nichts ußgericht wurde, in ansehung, das gegen die jhenigen, bey denen sich die unmüglichait befünden wurde, ad condemnationem in poenam dupli oder banni, alls die allein wider manifeste contumaces und[die] in dolo befunden, stat hat, wurde procediert werden könden. So seindt[!] auch ires ermessens in diser contribution furnemblich uff den armen man, der alles dargeben müeßte, /55’/ zusehen, und zuerwegen, ob denselben auch so ain schwere contribution erschwinglich und ertreglich sein werde.Obwohl ihre Instruktion die vom SR in der letzten Resolution bewilligten 50 Römermonate bei Weitem nicht vorgibt, wolten sie sovil yber sich nemmen, das ire herrn und obern solchen irem anschlag nach uff maaß, zeit und zihl, wie in angeregter erclerung bestimbt, auch würden richtig machen; doch alles mit den conditionen, anhengen und vorbehaltnußen, wie in mehrbesagter erclerung gemellt. Und zweifeln nit, wann der ksl. Mt. solcher und dergleichen motiven und ursachen, warumb der stött und irer armen burger mit weitterm zumuothen zuverschonen, außfüerlich zu gemüet gefüert wurde, es wurden ire Mt. mit der ersten bewilligung allergnst. zufriden sein.Wollen zu den weiteren Modalitäten der Kontribution später votieren.

Votum Frankfurt für sich und für die mit Vollmacht vertretenen Städte Goslar, Wetzlar und Friedberg: Haben conditionaliter erclert, das sie sich mit dem jenigen, was durch das mehrer geschlossen wurde, vergleichen wolltten, wover man nemblich sich dißmahls endtlich resolvirn wurde, uber diejenige quantitet, deren man sich jetztmals per maiora entschliessen würdt, sich weiter nit treiben zu lassen. Dieweil man aber dessen /56/ sich dißmahl endtlich nit resolvirt, ist das franckhforttische votum conditioniert blieben.

3. Umfrage. Beschluss: Weil man erfährt, dass in KR und FR zu diesem Punkt noch ein zimbliche discrepantia votorum,und man deshalb nicht absehen kann, wie sie entscheiden werden, wird die Beratung im SR vertagt, bis der Beschluss von KR und FR bekannt ist.

Votum Köln: Haben in jeder Umfrage ire uff die 26 jarr durch kriegs weßen erlittene schäden und der statt unvermegen allegiert und sich rund erclert, alle dieweil solche ire beschwerden nit wircklich abgeholffen und die commertia ire freyen, sichern gang haben wurden, das sie nichts contribuiren könden. Da inen aber gebettener massen abgeholffen und zeit gelassen wurde, das sie sovil meglich auch zuthun und zulaisten urbittig.

Pfullendorf: Bewilligung der 50 Römermonate nur vorbehaltlich der eigenen Moderation.

Anmerkungen

1
 Teilnehmer gemäß Umfrageliste in Speyer A, fol. 361–362’.
2
 Nr. 250.
a
 zur Replik] Nürnberg (fol. 90) differenzierter: zur Frage, ob und in welchem Umfang die Steuerzusage erhöht werden soll. Speyer A (fol. 361) mit weiteren Voten: Köln: Wie bei den bisherigen Beratungen. Nürnberg: Wie oben. Straßburg: Keine Erhöhung der Bewilligung und deren Limitierung auf die Kriegsdauer. /361 f./ Ulm: Wie oben. /361’/ Lübeck: Anschluss an die Mehrheit. Nördlingen: Erwarten Weisung. Worms: Anschluss an die Städte, die am wenigsten bewilligen. Beharren auf der Zusage von nur 50 Römermonaten. Rottweil: Anschluss an KR und FR, jedoch Limitierung der beharrlichen Hilfe auf die Kriegsdauer. Speyer: Türkenhilfe kann als mitleidenliche hilff niemants ex debito verbünden.Aufgrund der allgemeinen Verarmung keine höhere Bewilligung als 50 Römermonate. /362/ Überlingen: Höhere Bewilligung wie Nürnberg. Frankfurt: Anschluss an die Mehrheit. Heilbronn: Anschluss an KR und FR. Hagenau: Keine Höherbewilligung. Schwäbisch Gmünd: Anschluss an KR und FR. Colmar: Wie Speyer. Memmingen: Keine Höherbewilligung. Pfullendorf: Wie Speyer. Eigene Steuerleistung nur vorbehaltlich der Moderation. /362’/ Regensburg: Zwar Bereitschaft zu einer höheren Bewilligung, aber Anschluss an die Mehrheit im Beharren auf 50 Römermonaten.
3
 So die Zusage in der zweiten Resolution des SR zum 1. HA [Nr. 267].
b
 2. Umfrage] Köln (fol. 79) zusätzlich vor dem Folgenden: Regensburg proponiert als weitere Unterpunkte: 1) Soll SR die Klärung der reichsstädtischen Gravamina als Vorbedingung der Hilfe wiederholen? Regensburg befürwortet dies, weil der Mainzer Kanzler im Konz. für die Antwort der Reichsstände zum 1. HA angeregte condition hette außgelassen.2) Fragliche Reaktion auf weitere Punkte der ksl. Replik: Münzsorten für die Erlegung der Steuer, Restanten, Söldnerbestallung. Speyer A (fol. 362’) differenzierter mit Einzelvoten: Köln: Wie Nachtrag oben. Nürnberg: Wie oben. /363/ Straßburg: Den stetten nit zuthun, uff die hohere[Stände] zusehen, sünder ein jeder in seins herrn beutel.Deshalb Beharren auf der vorherigen Resolution. Ulm: Belassen es bei 20 Römermonaten eilender Hilfe; zu beharrlicher hilff 44 monat in 4 jaren, jedes jars 11 monat.Lübeck: Wie die Mehrheit für Beharren auf 50 Römermonaten. /363’/ Nördlingen: Wie Nürnberg. Worms: Wie in 1. Umfrage. Rottweil: Entsprechend Nürnberg. Speyer: Vgl. oben. Überlingen: Wie Nürnberg. Frankfurt: Vgl. oben. Heilbronn: Wie Nürnberg. /364/ Hagenau: Wie zuvor. Schwäbisch Gmünd: Wie Nürnberg. Colmar: Wie Speyer. Memmingen: Wie Nürnberg. Nachtrag durch Lübeck: Wann sich die stett entlich mit einander vergleichen, mehr nicht dann wie Nurmberg thun und daruber bestendig verhalten wolten, dz er disem voto sich […] auch beipflichtig machen wolte.Pfullendorf: Wie in 1. Umfrage. Regensburg: Entsprechend Nürnberg.
c
 wurde] Nürnberg (fol. 91) zusätzlich mit weiteren Bedingungen: Befristung der beharrlichen Hilfe auf die Dauer des Kriegs, Abzug der bei den Reichskreisen antizipierten Gelder von der Steuer [Köln (fol. 79 f.) differenzierter: Nürnberg hat mehr als 30 Römermonate an Antizipationen geleistet. Beharren auf deren Abzug von den 48 Römermonaten beharrlicher Hilfe]. Der vom Ks. in der Replik angesprochene Vorteil der Reichsstädte mit dem Handel nach Ungarn und Österreich [vgl. Nr. 250, fol. 315] ist zurückzuweisen, dann die stett keinen so hohen genieß davon hetten, inmassen ihrer Mt. eingebildt worden, dann die fürgangene fallimenten dz widerspül clarlich an tag legen. Köln (fol. 79’) zusätzlich: Obwohl Nürnberg bereits erfahren hat, dass KR die Zusage auf 80 Römermonate erhöhen wird, soll SR sich dem nicht anschließen, auch weil die Kff. von Köln, Trier, Pfalz und Brandenburg woll bewilligen hulffen, aber doch nichtzt[!] geben wurden.
4
 Das Votum der Straßburger Gesandten (vgl. Anm. a, b) entsprach in den Grundzügen einer verspäteten Weisung des Rates vom 11. 7. (1. 7.) 1594: Anschluss an jene Städte, /47/ die zum wenigsten sich zu dergleichen übermaß und unerschwinglichen anlag werden bewegen lassen.Beharren auf der Bindung an die Gravamina (AVCU Strasbourg, AA 846, fol. 47–48’, hier 47 f. Or.; präs. 18. 7. {8. 7.}).