Deutsche Reichstagsakten, Reichsversammlungen 1556 – 1662 Der Reichstag zu Regensburg 1594 bearbeitet von Josef Leeb

Missachtung ksl. Restitutionsdekrete bezüglich entzogener Stifte und Kirchen durch Kurpfalz. Übermäßige finanzielle Belastung des Klerus durch Kurpfalz. Eingriffe in die bfl. Jurisdiktion durch die Stadt Worms. Behinderung des Wormser Direktoriums im Oberrheinischen Kreis. Aktuelle Eingriffe von Kurpfalz in Kondominaten.

Den katholischen Reichsständen übergeben und im Ausschuss der katholischen Stände vorgelegt1 am 15. 7. 1594. Von diesen kopiert am 21. 7.

HHStA Wien, MEA Religionssachen 7 Fasz. 2, fol. 105–107’ (Kop. mit den Inhalt zusammenfassenden Randvermerken. Dorsv.:Memorial und kurtze anzeig etlicher beschwerden, so dem hochwürdigen fürsten und herrn, herrn Georgen, bischoffen zue Wormbß, und ihrer f. Gn. anbevolhenen stifft von kfl. Pfaltz und andern protestirenden stenden wider religion- und prophan frieden zugefuegt. Von anderer Hd.:Praesentatum Ratisbonae in coenobio praedicatorum 15. Julii 94. Von anderer Hd.:Lectum Regenspurgkh, den 21. Julii anno 1594.) = Textvorlage. HStA München, KÄA 3231, fol. 64–66 (Kop. Überschr. wie Dorsv. in Textvorlage; knapper:Praesentatum Ratisbonae, 15. Julii anno 94. Lectum-Vermerk fehlt.) = [B]. HStA München, Hst. Freising K. blau 221/5, fol. 236–239’ (Kop. Aufschr.:Geschriben am 21. Julii anno 94.) = [C]. LAV NRW R, Kurköln VI Nr. 152, fol. 223–226’ (Kop.). HASt Köln, K+R A 198, fol. 151–154 (Kop.).

Mit wörtlichen Auszügen referiert bei Brück, Bistum, 177 f.; knapper bei Keilmann, Bistum, 183; erwähnt bei Stieve, Politik I, 459, Anm. 2.

Die meisten Beschwerdepunkte wurden in die Gravamina der katholischen Stände [Nr. 418] übernommen.

/105/ Der Bf. beschwert sich, dass Kurpfalz fünf unterschiedliche, bei RDTT, Partikulartagen und am ksl. Hof ergangene Dekrete missachtet und die Restitution des Stifts Neuhausen und anderer eingezogener gemeinschaffts kirchenwie in Ladenburg, Lampertheim, Neckarhausen, Dirmstein, Laumersheim, Hofheim etc. bis auf den heutigen Tag verweigert2. Ohnangesehen daß hiezwüschen zu allem uberfluß derhalb commissarii verordnet, ist dannocht von gedachter kfl. Pfaltz bevlißenlich gesuechten einstreuens und vermeinter behauptung die commission zerschlagen worden3: Daß es bei jetzund angeregten beschwerden nit verblieben, sonder hernacher in ihr f. Gn. dörffer zu Hemspach, Sultzbach und Laudenbach an der bergstraßen mit einnehmung der kirchen, veränderung der religion, verwüstung und blünderung, uffstellung der praedicanten kfl. Pfaltz gleichmeßigs geüebt wie noch4.

Welches dann unserm gnedigen fürsten und herrn zum schwehrlichsten fellt, daß ihr f. Gn. hoff capellen zu Laudenburg, so an dem saal daselbsten5 vor unverdenckhlichen jarn gebaut, vom jahr 86 biß uff heuttigen /105’/ tag von außen mit einem starckhen schloß von kfl. Pfaltz verrigelt und verspert, daß derentz6 die gemeinschaffts underthonen, so der catholischen religion zugethon, an ihrem gotsehligen catholischen exercitio verhindert, und, daß mehr ist, dieselbigen mit harten straffen darvon von kfl. Pfaltz werden abgehalten.

Wegen dieser und andern von kfl. Pfaltz unserm gnedigen fürsten und herrn zugefuegten turbationen und inträgen haben ihr f. Gn. am ksl. cammergericht noch ohnerorterte 16 rechtfertigungen, darin dann unser gnediger fürst und herr allwegen kläger ist7.

Darbei solches noch nicht will verbleiben, sonder gleichmeßige turbationes heuffen sich von tag zu tag, und wan man dan bei kfl. Pfaltz und deren cantzlei derhalben mit allem müglichen anerbiethen ansuecht, so ist khein audientz noch bescheidt zu finden, also unser gn. fürst und herr neue rechtfertigungen, so sonsten wol mit geringerem kosten möchten hingelegt werden, an die hand zunehmen, verursacht.

Der clerus zue Wormbß wurdt dermaßen mit ohnerschwinglichen exactionibus, so man mit einem sondern nahmen landtsrettung oder soldgellt nent, geschetzt, auch mit arresten und andern vilen beschwerden hefftig beladen8. Deßwegen ihre f. Gn. und dero clerus in andern stiffts beschwerden /106/ bei kfl. Pfaltz sich wehnig zuerfreuen, sondern werden dardurch inskhünfftig wegen bewilligter thürckhenhülff vil verhindert; welches dan ksl. Mt. allergnedigst in achtung nehmen woll.

Uber daß wurdt gedachter clerus zue Wormbß, kfl. Pfaltz praedicanten heuser und höff uff dem land nach ihrem gefallen mit großem, uberflüßigem kosten zu bauen, getrungen9, und waß man ihnen heut baut, daß wollen sie morgen widerumb geendert haben. Seind aber also gebauet, wan schon einer vom adel darinnen solte wohnen, sich deßen nicht zubeschemen het. Und wan man sich hierin, wie billich, deß ubermeßigen, ohnnöttigen kostens beschwehret, so will man von zehenden und andern stiffts gefällen, in kfl. Pfaltz gelegen, nichts volgen laßen.

Zuedem darff man sich understehn und dem stifft Wormbs zumuthen, daß man ihre praedicanten gantz unnd gar soll erhalten. Und wan man sich hierin weigert, understehet man, den weinzehenden eigens gewalts einzuziehen; wie dan vor jarn zu Wimpfen geschehen.

Die weltlich obrigkheit zu Wormbß, dem geistlichen gericht wie auch ihr f. Gn. hoffgericht daselbsten rechtlichen lauff zuverhindern, sich nicht scheucht10: Alß dan vor jaren geschehen, man den official daselbsten brachium seculare pro executione in zehent sachen /106’/ rund abgeschlagen und davon appellirt; alles zu verhinderung geistlichen proceß. Man darff auch den burgern verbiethen, bei einer schweren straff bei dem geistlichen consistorio nit zuerscheinen. Gleichergestallt, wan ihre f. Gn. an dero loblichem hoffgericht zeugen bederffen, so verbeut man den burgern zu Wormbß, uff außgangne citation ad testificandum zuerscheinen. Welches dann wider die verträg, so zwüschen einem herrn bischoffen zue Wormß und der statt daselbsten wol uffgericht seindt.

So understehn etliche stend deß oberrheinischen kreiß, so der augspurgischen confeßion sein, ihr f. Gn. registratur bemeltes kreiß, so allwegen vor unverdenckhlichen jahren bei einem bischoff zue Wormbß alß deß kreiß mit auschreibenden fürsten gewesen, zu transferirn und ihr f. Gn. wider alle billigkheit zuentziehen. Ebner gestalt ihrer f. Gn. zu kreißtägen abgeordneten ratione directorii ein großer intrag geschicht, auch denselbigen zihl und maß geben, wie sie die vota colligiren sollen11.

Unser gnediger fürst und herr hat mit kfl. Pfaltz etliche dorffer in gemeinschafft, darin kfl. Pfaltz vor kurtzer zeit die frevelthädigung12 allein von den underthonen einzufordern understanden, auch de facto ohne ihr f. Gn. vorwißen erheben laßen. Die stiffts und geistliche personen werden ohnverschulter sachen von kfl. Pfaltz gefenglich angenohmen, verstrickht /107/ und gethürnt, auch hernach mit großer gelltstraff angefochten.

Unser gnediger fürst und herr hette gleichwol noch mehr dergleichen beschwerden in specie zunennen, wollen aber uff dißmahl es bei diesem bewenden laßen.

[Ohne Unterzeichnung].

Anmerkungen

1
 Kurmainz B, fol. 68 [Nr. 237, Abschnitt A].
2
 Übernahme der folgenden Beschwerden gegen Kurpfalz in die katholischen Gravamina [Nr. 418, fol. 53–54: Dann menigclich bewust … friden zuwider.].
3
 Bezugnahme auf die rigorose Konfessionspolitik Kf. Friedrichs III. von der Pfalz mit der Konfiszierung von Kirchengut und der Calvinisierung von Kirchen in Kondominaten mit dem Bf. von Worms 1564/65, begründet mit Schutz- und Pfandrechten (vgl. zu diesen: Brück, Bistum, 171–173): Stift St. Cyriacus in Neuhausen (dazu das oben nicht erwähnte, dem Bf. von Speyer unterstehende Stift St. Michael in Sinsheim), Kirchen in den Kondominaten Ladenburg, Lampertheim, Neckarhausen, Dirmstein, Laumersheim und Hofheim [Stadt Lampertheim]. Missachtung der Restitutionsdekrete des RKG (1564/65) und Ks. Maximilians II. 1565 (Lanzinner/Heil, RTA RV 1566, Nr. 313 S. 1317, Anm. 6); Beschluss der Reichsstände beim RT 1566 zur Supplikation des Bf. von Worms, Ks. möge Kf. Friedrich die Restitution auferlegen (ebd., Nr. 460 S. 1470–1479, bes. 1475–1477); Dekret des Ks. vom 14. 5. 1566 mit Erneuerung des Restitutionsbefehls (ebd., Nr. 313 S. 1316–1319), Abmilderung zugunsten einer Sequestration der strittigen Kirchen (ebd., Nr. 326 S. 1369; vgl. Edel, Kaiser, 181–183, 185–189, 212–225; Hollweg, Reichstag, 48–50, 331–382 passim). Infolge der Ablehnung der Sequestration durch Kurpfalz neuerliche Beratungen beim RKT 1567 (Wagner/Strohmeyer/Leeb, RTA RV 1567, Nr. 136 S. 575 f.; Nr. 139 S. 579 f.) sowie jeweilige Bestätigung des Sequestrationsdekrets beim KFT Fulda 1568 (Lanzinner, RTA RV 1570, Nr. 119 S. 414, Anm. 3) und beim RT 1570 (ebd., Nr. 563 S. 1130–1133); beim RT 1576 nochmalige Restitutionsforderung in einem ksl. Dekret (Edel, Kaiser, 239–244). Eine erste von Ks. Maximilian II. angeordnete Kommission 1565 scheiterte auch am Widerstand des durch die ksl. Mandate begünstigten Bf. von Worms (Edel, Kaiser, 186, 191). Sodann wohl Bezugnahme auf die nach dem RT 1566 angeordnete Kommission für die Durchführung der Sequestration und deren Verhinderung durch Kurpfalz (vgl. ebd., 239–241; Haag, Dynastie, 583 f., 1427; Hollweg, Reichstag, 397 f.). Später waren Kurmainz und Hessen als Kommissare tätig (Ehrenpreis, Gerichtsbarkeit, 131).
4
 Zu den strittigen Kurpfälzer Rechtsansprüchen in Hemsbach, Sulzbach und Laudenbach: Brück, Bistum, 171 f. Spätere Kurpfälzer Eingriffe in Kondominaten (v. a. mit dem Bf. von Speyer) seit 1571: Edel, Kaiser, 244.
5
 Ladenburg war zwar an Kurpfalz verpfändet, doch sollten beide Territorialherren die Stadt „beiderseits pro indiviso“ besitzen. Dennoch führte Kf. Friedrich III. die Reformation ein und besetzte die Pfarrkirche, dem Bf. von Worms blieb lediglich die dortige bfl. Residenz im „Saal“ [= Bischofshof] (Brück, Bistum, 171).
6
 = ‚derenden‘, dort.
7
 Klagen Bf. Dietrichs II. von Worms am RKG gegen Kurpfalz in den Jahren 1564/65 (keine Nachweise für aktuelle Klagen): Edel, Kaiser, 181 f.; Haag, Dynastie, 583; Brück, Bistum, 175; Hollweg, Reichstag, 50.
8
 Übernahme der Beschwerde in die katholischen Gravamina [Nr. 418, fol. 57’: Uber dz an vilen … zuschiessen konnen.].
9
 Übernahme der Beschwerde in die katholischen Gravamina [Nr. 418, fol. 58 f.: Es wollen sich auch die predicanten … zehenden zuschlagen.].
10
 Übernahme der Beschwerde in die katholischen Gravamina [Nr. 418, fol. 56’: In gleichem werden die strittigen … unnd mitgethailt.].
11
 Bezugnahme wohl auf die Spaltung des Oberrheinischen Kreises seit 1592 infolge des Straßburger Bischofskonflikts. Auf Differenzen bei der Einnahme der Voten und der Mehrheitsfindung beim KT im September 1592, zu dem Karl von Lothringen, Bf. von Straßburg, wohl auf Veranlassung des Bf. von Worms hin geladen wurde (Malzan, Geschichte, 160 f.) und der sich ohne Abschied auflöste, verweist ein hessischer Bericht vom 21. 9. (11. 9.) 1592 (StA Marburg, 4e Nr. 3127, unfol. Or.). Beim KT im Oktober 1593 wiederholten sich Vorwürfe der protestantischen Mehrheit gegen den Bf. als ausschreibender F. (Malzan, Geschichte, 162 f.; vgl. ebd., 157–165; Sturm, Pfalzgraf, 137–142). Daneben Bezugnahme auf die seit 1591 vorgebrachte Forderung Pfgf. Johanns von Zweibrücken, das Kreisarchiv aus der bfl. Residenz in Ladenburg wegen der besseren Einsichtsmöglichkeit nach Worms umzulagern (ebd., 199 f.; Keilmann, Bistum, 183, Anm. 178).
12
 = Frevelteidigung: Verhängung und Überprüfung der Frevelgelder (DRWIII, 892).