Deutsche Reichstagsakten, Reichsversammlungen 1556 – 1662 Der Reichstag zu Regensburg 1594 bearbeitet von Josef Leeb

Magdeburger Sessionsstreit im RR. Beratungen der geistlichen Kff. und der katholischen Stände des FR. Unterrichtung des Ks. und Bitte um dessen Entscheidung. Verhandlungen der katholischen mit den CA-Ständen des FR sowie der geistlichen mit den weltlichen Kff.

Bericht Hg. Maximilians von Bayern an Hg. Wilhelm V. vom 13. 7. 1594 = Textvorlage1.

Zu vgl. sind die Protokolle für KR (Nr. 29), FR (Nr. 81) und die Beratungen der katholischen Stände (Nr. 236).

/391/ Bei der heutigen Sitzung des RR, einberufen für die Verlesung der Triplik des Ks. zum 1. HA (Türkenhilfe)2,ist der Magdeburger Kanzler Dr. Meckbach in den rath khommen, mit der session strackhs nach Würtzburg3, dessen L. aber personlich da gewest, sich einzetrüngen unnderstannden. Wie er sich dann gegen den protestierenden stennden unnd sonnst ohne scheüch soll vernemmen lassen, er habe bevelch von seinem herrn, Gott geb, unnd ungeachtet, was ir Mt. unnd die catholischen fürsten und stende dargegen thuen unnd es nicht wellen zuegeben, die session de facto zu occupirn unnd die mit gewalt zuerhalten.

Es ist aber der herr ertzbischove zu Saltzburg dessen /391’/ unbefuegten, gewalttattigen fürhabens bald avisiert worden. Wie nun die drey geistliche churfürsten, deßgleichen der administrator der Chur Sachsen in persona unnd der andern zwen weltlichen churfürsten räthe ir stell eingenommen, darauf die fürsten, stend und abgesandten unnd zu gleich mit denselben vorgemelter magdenburgischer cantzler strachs nach Würtzburg sich wollen setzen, hat wolermelter herr ertzbischove überlautt angefanngen, er solle hinwegg gehen, ime gebüre diß ortts khain session. Dargegen der magdenburgische gesagt, er habe bevelch, unnd gebüre ime, von seines herrn wegen zusitzen. Daß ime herr ertzbischove widersprochen. Als aber der magdenburgische darauf repliciert, er habe resolution von irer ksl. Mt., ist ime abergedachter[!] herr ertzbischove in die red gefahren, da ir Mt. sich resolvirn wollen, solle und müesse solliches dem tertio absque praeiudicio geschehen. Hat unnder sollichem den magdenburgischen starckh beim mantl gefasst unnd hinweckh ziehen wellen, doch nachgelassen unnd zu den catholischen anwesenden gesagt, sy sollen /392/ alle sambt mit ime abtretten. Welliches also geschehen.

Unnd seind die drey geistliche churfürsten (mit denen auch Chur Sachsen administrator, wellicher aber hernacher aus dem churfürsten rath zu den protestierenden ab- unnd zue ganngen und unnderhanndlung gepfleget, sambt den kfl. räthen4 hinaus gangen), auch alle catholische fürsten, stennde, pottschafften unnd gesanndten abgetretten unnd in die stuben ganngen, da man sonnst im ausschuß pfleget zusamen zekhommen.

Nach gehabter unnderredung5 hat man der catholischen thaills zu dem kfl. collegio6 geschickhet unnd sich des unfuegs, dene der magdenburgische canntzler diß ortts in völligen chur- und fürsten rath, denselben allen sambt zu nicht wenigem despect unnd vercleinerung yebe, beclagt, auch zuvernemmen begeret, was sy, die churfürsten, dabey fürzenemmen gesynnet; mit dem verrneren anhang, die catholischen fürsten, stende unnd der abwesenden gesandten khöndten oder wolten dem gegenthaill disfalls nichts praejudicierlichs einraumen noch gestatten. Auf welliches von den geistlichen churfürsten zur antwort ge- /392’/ volget, wolermelte geistliche churfürsten hetten die fürüberganngene differenz im fürsten rath und wessen der angebene magdenburgische sich understanden, ganntz ungern vernommen. Unnd dieweil solliches attentat dem haylsamen, hochbeteurten religion friden strackhs zuwider und ein praejudicierlich werckh, also khöndten sy so wol gewissens als auch des religion fridens halben dasselbe khains wegs approbiern oder guetthaissen noch auch mit verner hanndlung verfahren, biß die ksl. Mt. dessen eingefallnen stritts nach notturfft berichtet unnd derselben ksl. resolution ervolgt seye.

Die geistlichen Kff. und die katholischen Stände des FR verordnen eine Delegation, der neben den Kff. für FR die Gesandten von Österreich, Bayern, Salzburg, Burgund und Würzburg angehören, welliche zu irer Mt. alsbalden ganngen unnd den bißhero erzelten verlauff angebracht. Ire Mt. haben sich darüber allergenedigist ercleret, wellicher gestalt ir Mt. ob /393/ diser eingefallnen disturbio khain wolgefallen, unnd das sy solliches, als dieweil es zu verhünderung und aufzug der hochnottwendigen berathschlagung des haubtwerchs[!] geraichte, nicht gern angehört. Sy wolten aber nicht umbgehen, diß werckh seiner wichtigkhait nach berathschlagen zelassen unnd sich gegen den catholischen chur-, fürsten unnd stenden, auch gesanndten unverlenngt zu resolvirn.

Inmittels haben die protestierende fürsten unnd stend, auch gesandten (welliche heraus an dem gewondlichen ortt, da man plenum consilium helt, beysamen, bey denen der magdenburgische angegebene, auch auf einer seiten absonderlich des administrators der Chur Sachsen räthe als weinmarische gesanndten auch nicht so gar eben und aufs nechste bey den anndern gebliben) den Quaden7 sambt ainen württenbergischen unnd pfaltz-neuburgischen zu den catholischen8 geschickht unnd inen anzaigen lassen, der magdenburgische canntzler were allain da, audientz zubegern unnd von seines herrn wegen anbrüngens zehtun. Wurden inen derhalben verhoffenlich /393’/ die catholischen stennde nicht entgegen sein lassen, ime, magdenburgischen, der audientz zugestatten unnd denselben anzuheren.

Hierüber hat nach gepflegner underredung der herr ertzbischove9 den protestierenden abgeordneten zur antwortt geben, die catholische fürsten, stend unnd gesandten wellen dem magdenburgischen der audientz nicht zugegen sein, doch das er derselben, wie gebreüchig, bey maintzischer canntzley sueche unnd sich des ortts oder stell gebrauche unnd sein werbung verrichte, wie anndere abgesanndten10, aber der angemassten session allerdüngs enthalte. Und damit auch die protestierende stennde sehen, das es die catholischen mit inen aufrecht unnd guet mainen, seyen dieselben des erbiettens, mit inen, der augspurgischen confessions verwohnten stennden, wie bißhero beschehen, also hinfüro auch zuheben unnd zulegen, doch des endtlichen versehens, sy, die augspurgischer confessions verwohnte stende, werden inen, den catholischen, nichts zuemuetten oder dergleichen aufzetrüngen begern, so dem religion friden strackhs zuwider, wie eben dises magdenburgische gesuechte session /394/ werckh seye.

Als auch die catholischen von einander gewolt unnd sich zuvor noch einmal bey den geistlichen churfürsten anmelden lassen, ist begert worden, sich noch ein clains zugedulden, dann der administrator der Chur Sachsen unnd die anndern kfl. räthe haben inen, den geistlichen churfürsten, ain mitl proponiert, darüber sy gleich in berathschlagung sitzen11.

Haben sich also die catholischen fürsten, stennde unnd potschafften noch lennger aufgehalten. Seind über ein khlains hernacher aus dem churfürsten rath etliche deputierte neben dem maintzischen canntzler zu den catholischen stenden khommen12 unnd hat der maintzische canntzler geredt, es hetten der Chur Sachsen administrator unnd die anndern kfl. räthe den geistlichen churfürsten angebracht, demnach sich wegen des magdenburgischen canntzlers die bewüsste dissension unnd zwispalt in dem fürsten rath zuetragen unnd das kfl. collegium in sollichem stritt unnd zue hinlegung desselben gleichsamb der obman sein solte, so wolten sich die geistliche churfürsten von inen disfalls nicht absondern. Haben aber die geistliche churfürsten inen zur /394’/ antwort geben, wie das diß allen catholischen ein gemaines, hoch praejudicierliches, gewissens halber unleidenliches werckh und dem hoch verpeenten religion friden durchaus zuentgegen. Khöndten sich derhalben die geistliche churfürsten von den andern catholischen fürsten unnd stenden nicht ansondern. Dweil auch dise eingefallene strittigkhait für ir Mt. gehörte und derselben alberaith angebracht, seye nunmehr irer Mt. resolution zuerwartten. Die werden disen düngen wissen, gebürenden ausschlag zugeben.

Damit die catholischen wol zufriden gewest, unnd ist man nach beschechener erzelung dessen, was die catholischen stende dem Quaden unnd mit deputirten auf ir ansuechen geantwortt, von einannder ganngen.

Hat sich diser stritt von 8 uhren biß umb 11 verweilet. Seind die protestierende umberzue13 [!] an obangeregtem ortt beysamen verbliben unnd erst nach den catholischen abgezogen14.

Wird über die weitere Entwicklung berichten. Regensburg, 13. 7. 1594. Unterzeichnet von Hg. Maximilian und Gewold.

Anmerkungen

1
 HStA München, KÄA 3232, fol. 391–395’. Or.; präs. 15. 7. Vgl. u. a. anhand dieses Berichts die Darstellung bei Stieve, Politik I, 231–233. Abweichend vom Editionskonzept wird der Bericht im Volltext dokumentiert, um als Ergänzung zu den Protokollen, die aufgrund der besonderen Verhandlungssituation am 13. 7. infolge des Sessionsstreits nach den jeweils beratenden Gremien aufgeteilt werden (KR, FR, geistliche Kff. allein und zusammen mit den katholischen Ständen des FR, CA-Stände, interkonfessionelle Verhandlungen), die Beratungsabfolge anhand des Berichts im Zusammenhang wiederzugeben.
2
 Nr. 252.
3
 Alle Protokolle nennen hier abweichend Salzburg.
4
 = den Räten der geistlichen Kff. Zum Verhalten der kursächsischen Räte vgl. Kursachsen, fol. 285 [Nr. 29].
5
 = der katholischen Stände nur des FR.
6
 Zunächst Sitzung nur der geistlichen Kff., zu denen sodann eine Abordnung der katholischen Stände des FR kommt. Vgl. Kurmainz, unfol. [Nr. 236].
7
 Lutter Quadt zu Wickrath, Kurpfälzer Gesandter, der im FR die Session für Pfalz-Lautern vertrat.
8
 = den katholischen Ständen des FR. Vgl. zu dieser gemeinsamen Beratung: Österreich, fol. 60’ f. [Nr. 81].
9
 = der Ebf. von Salzburg.
10
 Gemeint: andere nicht-reichsständische Gesandte.
11
 Vgl. Kursachsen, fol. 287–288 [Nr. 29].
12
 Vgl. Kurmainz, unfol. [Nr. 236].
13
 = immerzu.
14
 Vgl. die Beratungen der protestantischen Stände [Nr. 212].