Deutsche Reichstagsakten, Reichsversammlungen 1556 – 1662 Der Reichstag zu Regensburg 1556/57 bearbeitet von Josef Leeb

Keine Einigung zu den Bedingungen der geistlichen Stände für das Kolloquium. Beschluss einer geteilten Resolution an den Kg.

/127’/ (Vormittaga Religionsausschuss. Mainzer Kanzler proponiert: Fortsetzung der Beratung vom vergangenen Samstag.

1. Umfrage. Kurtrier: Beharren darauf, dass auch die beiden strittigen Bedingungen der geistlichen Stände für das Kolloquium1  expresse specificiert2.

Kurköln: Wie Kurtrier.

/128/ Kurpfalzb , 3 : Es weren von dreisig jaren her wege gesucht, wie man mochte religion vergleichen. Darundter dan letzlich vier wege furgefallen, under welchen konig und stendt inen colloquium gefallen lassen. Und wurde numeher daran sein, das man uff die wege einer reformation und christlichen vergleichung gedechte, darunther der grundt das heilig wort Gottes. Und nachdem hievor colloquia gehalten, weren verhinderungen furgangen, darumb sie one frucht. Solche verhinderungen weren yetzt abzuschneiden. c–Erinnerten sich auch actorum colloquii, anno 41 gehalten, darin man sich etlicher puncten verglichen, die ubrige aber, so unverglichen, sambt den andern an keiser gelangt. Keiser solchs den stenden furpracht, stendt die unberatschlagt dem kaiser widerumb zugestelt, die sambt dem legato zuberatschlagen. Aber were verplieben und verschoben in ein concilium, demselbigen die fürzupringen–c , 4. Was /128’/ nun in mittel fur concilia gehalten, wuste man, namblich partheyischd , 5. Und nachdem die catholici hievor concilium urgiert, biß konig ir decretum interponiert6, und numeher widerumb uf ein solch concilium getrungen, konten sie sich der gedancken nit erweren, das man hernachmals die acta disses colloquii wolte in ein concilium wie hievor gelangen. Und wuste man nun, das ein solch concilium, als protestanten vil jar begert, noch bei menschen gedencken nit zuerhalten. e–Und wurde darauß erfolgen, das diß colloquium allein simuliert sein soll. Wen es die meinung, mochte man es außtrucklich sagen, domit man nit zeit verluhere–e , f. Aber ires ermessens were neher hinzu zu gehen, das man gedechte, wie man zu einer christlichen reformation komen moge, deren gaistlichen vor andern vonnoten. Und konte solche reformation im colloquio wol geschehen. Da aber ein concilium zuhalten, wie es ante primatum pontificis gehalten, /129/ were inen nit zuwider. Aber seither pabst primatum erhalten, were darzu nit zekomen. Darumb ersuchen, gaistlichen wolten nit lenger difficultieren, nam hilarem datorem diligit deus7. Und, alß oblaut, das die zwo unverglichene qualitates auf inen diß und alle vorige verhinderung der colloquien tragen, konten sie nit darin bewilligen, dan sie besorgen, nach dem colloquio werden geistlichen acta colloquii an das concilium wellen verschieben und sich nichst reformieren und nichst endern. Wen solchs sein solte, were es pesser, das man nichst anfinge dann also. Sonst kgl. Mt. zweierlei bedencken fürzupringen8, oder wolten ad partem konig ursachen furtragen.

Kursachsen: /129 f./ Passauer Vertrag und RAb 1555 geben Religionsverhandlungen im Ausschuss mit der Ergänzung vor, dass der Religionsfrieden weiter Bestand haben soll, falls die Vergleichung scheitert9 /129’/ Darauß zuverstehen, das sie concilio nichst derogieren. Das aber gesetzt werden solte, das dem concilio nichst begebeng, truge auf ime, das man es deuten wolte auf papistische concilia; welchs inen unleidlichen. Und musten auf den fal zugesetzt werden solche effectus, das es, concilium, seye, wie es confessions verwandte begert, nemblich frei etc. Sovil aber standt, eheren unverwißlich etc. [betrifft], were zuzesetzen: Doch der reformation unvergrifflich. Welchs aber weitleufftig. Und solte auch zugesetzt werden, das es, colloquium, confession verwandten unverletzlich. Aber zu vermeidung aller restriction schliessen sie mit Pfaltz.

Kurbrandenburg: Da die qualitates erwogen, weren sie nit /130/ hoch zu bestreiten. Aber propter vitandam calumniam weren sie zuumbgehen auß sonderlichen ursachen, das colloquium sol unverpuntlich sein und das man nachmals notturfft furzuwenden. Erachten, das forma colloquii ex anno 46 furzunemen10, und wes darauß ab- oder zuzethun, zuberatschlagen.

Kurmainz11 : Wie Trier und Köln, damit es nit hernachmals darfur gehalten, alß hette man den weg colloquii eligiert und concilium excludiert.

Österreich: /130 f./ Haben keine Einwände gegen die explizite Vorgabe der Bedingungen. Da dies aber von den CA-Ständen /130’/ difficultiert und ires ermessens die qualitates alle under dem general begriffen, alß weren sie des bedenckens, das der stilus, wie hievor in andern colloquiis gepraucht, genomen und die consultation nit lenger aufzuhalten12. Im fal aber die catholici nit abstehen wolten, alßdan kgl. Mt. zweyerlei bedencken fürzupringen.

Bayern: Weil man vermeint, die qualiteten, so gestritten, das dieselbige under den andern begriffen13, so weren Bayerns erachtens die qualitates auch zuexprimieren außtrucklichen, kunfftige disputationes zuvermeiden. Halten sie die auch also geschaffen, das sie augspurgischer confession unnachtheilig. Wofer man sich nit zuvergleichen, alßdan mit gespaltenem bedencken für den konig zu komen.

Salzburg: Wie Bayern in effectu.

Pfalz-Zweibrücken: Wie der weltlichen churfursten rethe.

/131/ Augsburgh : Da man sich zur Entscheidung strittiger Punkte allerseits auf die Heilige Schrift beruft, sich aber vielerlei parten in unterschiedlicher Auslegung darauf stützen, so muste ein concilium sein ad definiendum, quia potestas est concilii, ut definiat. Darumb weren sie bewegt worden, concilium furzubehalten. Und da man nit außtrucklichen inserieren wurde disse qualitet, so wurde erfolgen, obe hetten gaistlichen ichtes begeben, das inen nit gepurei. Derhalb fiat specificatio istius qualitatis. Were ire meinung nit, das man solte dardurch confessions verwandten ichtes vernachtheiligen. Der andern puncten halben: Were nit zu zweivel[n], das /131’/ menniglichen reformatio abusuum annemblich, zweiveln auch nit, ein yeder gaistlicher leiden werde mogen correctionem abusuum. Aber solche correction were alwegen per universale concilium ergangen, wie auch solchs der ordenlich weg. Das dan keiser hievor anno 41 articulos non conciliatos colloquii ad concilium gelangt, were auß guten ursachen beschehen, dan solchs ordenlich. Schleust in summa mit Bayern, alle obscuritates zuvermeiden, et quod lex dicatur expresse.

Brandenburg-Ansbach: Wie Kursachsen.

Württemberg: [Auf] die form der alten colloquien zugehen und weitleufftigkait zuvermeiden. Alioquin referantur opiniones regi.

Hessen: Wie der weltlichen churfursten rethe, aut fiat regi relatio.

Prälaten: Konnen in kein colloquium willigen, dardurch /132/ auctoritati concilii ichtes prejudiciert.

Wetterauer Gff., Stadt Straßburg: Wie die weltlichen Kff. Geteiltes Referat vor Kg.

Stadt Schwäbisch Gmünd: j– Geteiltes Referat vor Kg., ansonsten wie zuvor –j.

Kurmainz: Geteiltes Referat vor Kg. oder weiterer Kompromissversuch?

/132 f./ 2. Umfrage. Einhelliger Beschluss: Übergabe einer geteilten Resolution an den Kg.

/132’ f./ Fazit: Keine Einigung zu beiden strittigen Bedingungen für das Kolloquium, da die geistlichen Stände sowie Bayern und die Stadt Schwäbisch Gmünd auf deren expliziter Festlegung beharren. Deshalb Beschluss, dem Kg. eine geteilte Resolution zu übergeben.

Daraufhin formuliert Mainz das Konzept für die Resolution des Ausschusses. Da aber Kursachsen /133/ und etliche meher sich horen lassen, das sie bedacht, ire meinung selbst zu fassen und in eim sondern papier kgl. Mt. furzupringen14, stehet ferner de forma relationis zuratschlagen15.

Anmerkungen

a
 Vormittag] Kursachsen A (fol. 431’) differenzierter: 7 Uhr.
1
 Konzilsvorbehalt, Amtsklausel (keine Beeinträchtigung von Stand und Amt der Geistlichen).
2
 Vgl. zur Begründung die Beratung des katholischen Ausschusses am 19. 1. (Kurmainz A, fol. 127 [Nr. 407]) sowie den Bericht der kursächsischen Gesandten an Kf. August vom 24. 1. 1557: /140/ Ohne explizite Festlegung des Konzilsvorbehalts mochte es einen solchen verstandt haben, als were es zu jeder zeit, do auch gleich dasselbige fruchtbar konte angestelt werden, keines concilii notig, sondern man hette sich desselbigen durch das angestelte colloquium begeben. So konten sie auch nicht achten, das uns [den CA-Ständen] ir standt und ampte /140’/ zuwider, und das denselbigen etwas dardurch solte benomen oder zu nachteil gereichen (HStA Dresden, Loc. 10192/6, fol. 136–145’, hier 140 f. Or.; präs. Dresden, 29. 1.).
b
 Kurpfalz] Hessen (fol. 112’) differenzierter: Eberhard von der Tann für Kurpfalz.
3
 Auszüge aus diesem und dem folgenden Votum Augsburgs bei  Bucholtz VII, 366 f.
c–
 Erinnerten ... fürzupringen] Kurpfalz B (fol. 43) knapper: Fruchtlosigkeit der früheren Kolloquien ist daraus ervolgt, das keiser, auch gemeine stendt, die acta nit berattschlagt noch deliberirt.
4
 Als Ergebnis des neben dem RT in Regensburg 1541 veranstalteten Religionsgesprächs wurde Ks. Karl V. am 31. 5. das „Regensburger Buch“ vorgelegt, das die verglichenen und nicht verglichenen Glaubensartikel enthielt (Druck: Pfeilschifter, Acta VI, 21–88, lat.; Ganzer/zur Mühlen, ADRG III, Nr. 150/151 S. 268–391, lat. und dt.). Daneben übergaben die Protestanten eine Aufstellung der unverglichenen Gegenartikel (ebd., Nr. 152/153 S. 392–437, lat. und dt.). Der Ks. reichte die Schlussrelation am 8. 6. an die Reichsstände um deren Urteil (ebd., Nr. 167 S. 465–468). Die katholischen Stände lehnten mehrheitlich eine Debatte ab und stellten die Entscheidung Papst und Konzil anheim. Sie setzten durch, dass der Ks. Kardinallegat Contarini in die Beratungen einbezog, um dessen Urteil über die strittigen Artikel zu berücksichtigen (ebd., Nrr. 199, 200 S. 571–573). Contarini behielt jegliche Entscheidung allein Papst und Generalkonzil vor. Trotz des Widerstands der Protestanten (ebd., Nr. 232 S. 709–713) remittierte der Ks. die Verhandlungen letztlich an ein Generalkonzil, im Falle von dessen Scheitern an ein Nationalkonzil oder einen RT (ebd., Nr. 225 S. 694–700). Festlegung im RAb 1541, §§ 21–23: Neue Sammlung II, 434. Vgl. Hollerbach, Religionsgespräch, 157–160; zur Mühlen, Reformation, 42 f.; Luttenberger, Kaiser, 129–134 (bes. zum Wirken Contarinis). Vgl. auch Anm.15 bei Nr. 322.
d
 partheyisch] Kursachsen A (fol. 432) differenzierter: parteiisch und vordechtig und zu underdruckung gotlichs worts furgenomen etc.
5
 Bezugnahme auf die Tagungsperioden des Konzils von Trient 1545–1547/48, 1551/52. Vgl. Anm.6 bei Nr. 322.
6
 Bezugnahme auf die Replik des Kgs. zum 1. HA (Religionsvergleich) [Nr. 428].
e–
 Und ... verluhere] Kurpfalz B (fol. 43’) eindeutig: Und hette bei inen diesen verstand, das die geistlichen kein reformation leiden wolten und mochten, ob sie [die Kolloquiumsakten] schon durch die colloquenten uberwiesen. So were eben so gut, sie sagten rundt heraus, das sie sich nit wolten reformiren lassen. So khondt zeit und arbeit erspart werden.
f
 verluhere] Kursachsen A (fol. 432’) zusätzlich: Sie [die Kurpfälzer Gesandten] sagen es aber niemands verletzlichen. Irs hern gemut were auch nicht, den geistlichen an irem stande etwas zuzuwenden, sonder sagen solchs zur ehre Gots.
7
  2 Kor 9,7.
8
  Kf. Ottheinrich kritisierte in der Weisung vom 31. 1. 1557 (Heidelberg) die Übergabe der nachfolgenden geteilten Duplik [Nr. 429] an den Kg., da /266’/ man waiß, wie der kgl. Mt. außschlag und resolution geschaffen, und mehr der wharen christenlichen religion schädlich und widerwertig als furdersam sein wurdt. Sollte dies eintreten, wolle er sich ihr /267/ gar nichtt underworffen haben, es werde gleich uns der unglimpff auffgeladen oder nicht, dan wir khunden in so wichtigen hendeln, die unserer seelen heil antreffen, uns dahin nicht begebenn, das wir den menschen mehr als unserm getreuen Gott gehorchtenn. Befehl, in diesem Fall die weiteren Verhandlungen zu verweigern und gegen eine Anheimstellung von Entscheidungen in Religionssachen an den Kg. zu votieren (HStA München, K. blau 106/3, fol. 265–270’, hier 266’ f. Or.; präs. 8. 2.).
9
 Vgl. Anm.8 bei Nr. 320.
g
 begeben] Kurpfalz B (fol. 44’) zusätzlich: indem festgehalten wird, das ditz colloquium ein preparatio sein soll [...] ad futurum concilium.
10
 Wohl Bezugnahme auf die Vorgaben für das Verfahren nach dem Kolloquium, vorrangig die Vermeidung einer expliziten Bindung an ein nachfolgendes Konzil, in Anlehnung an die Regelungen im Wormser RAb vom 4. 8. 1545 für das Kolloquium 1546. Vgl. dazu Anm.11 bei Nr. 429.
11
 Für Kurmainz nahm erstmals der Theologe Lic. Georg Böhm teil. Die Misshelligkeiten wegen der Abordnung von Theologen ziehen sich durch die gesamte Mainzer RT-Korrespondenz (vgl. Anm.11 bei Nr. 319). Selbst als sich abzeichnete, dass der RT nur das Vergleichsforum festlegen würde, hielten die Gesandten die Anwesenheit von Theologen für unabdingbar. Am 16. 12. kritisierten sie deren Ausbleiben ungewöhnlich offen und drohten, dass [wir] /82/ von wegen weitleufftiger disputation und der sachen hochwichtigkait, daruf wir auch nit gefast, uns in fernere beratschlagung nit zubegeben wissen (HHStA Wien, MEA RTA 43/II, fol. 81–82’. Or. Hd. Bagen). Kf. Daniel rechtfertigte in der Weisung vom 23. 12. den unterbliebenen Aufbruch der Theologen mit dem schlechten Wetter und der Krankheit eines Verordneten (ebd., MEA RTA 44a/I, fol. 281–282’. Or.). Nachdem andere Kandidaten abgesagt hatten (Dr. Gerhard Ising, Dr. Dietrich Kauff. Vgl. Korrespondenz ebd., MEA RTA 43/II, fol. 108–109’, fol. 118–120’), ordnete der Kf. am 10. 1. 1557 Böhm zum RT ab und bat die Gesandten, ihn im Religionsausschuss zu unterstützen (ebd., MEA RTA 44a/I, fol. 312–313, 316’. Or.). Am 23. 1. 1557 (Aschaffenburg) wandte er sich daneben an Bf. Michael von Merseburg mit der Bitte um dessen /253/ vertreuliche(n) anleyttung Böhms, der bey den religions controversien hiebevor nit herkommen (ebd., MEA RTA 43/II, fol. 252’–254. Konz.). Vgl. auch Bundschuh, Religionsgespräch, 202–204, Anm. 100.
12
 Vgl. zum Votum Österreichs den kursächsischen Bericht vom 24. 1. (wie Anm. 2, hier fol. 141 f.): Österreich ist im Verlauf dieser Debatte /141/ gleichwol alleweg mehr uns dan den geistlichen angehangen und bedacht, man solte es bey gemeinen der vorigen colloquien worten bleiben lassen. [...] Und daruber in letzten reden dis angehangen, die geistlichen wurden inen mit solchen conditionen und /141’/ anhangen allerhandt verdacht machen, das sie zu vergleichung nicht lust hetten.
13
 Bezugnahme auf das Votum von Kurpfalz am 16. 1.: Kurmainz A, fol. 122’ [Nr. 328].
h
 Augsburg] Hessen (fol. 112’) differenzierter: Dr. Braun für Augsburg.
i
 gepure] Kursachsen A (fol. 435’) zusätzlich: Man solle den geistlichen zulassen, ire notturfft furzu[be]halden; das ander theil mochte es auch thun.
j–
 Geteiltes ... zuvor] Kurpfalz B (fol. 46) anders: Wie Bayern. Kursachsen A (fol. 436’): Spezifizierung der beiden strittigen Punkte wie Bayern, dann geteiltes Referat vor Kg.
14
 Zur Begründung vgl. den kursächsischen Bericht vom 24. 1. (wie Anm. 2, hier fol. 141’): Da die beiden strittigen Bedingungen erstes ansehens ein schein praetext und kein sonderlich nachdencken haben mochten und daruber die geistlichen den augspurgischen confession verwandten in votis schuldt geben wollen, als solten sie alle concilia flihen, inmassen dan sonst daneben solche interpretationes geferlichen, auch extra gescheen sollen, und do sich die handlung zerstossen mocht, solchs vil mer zubefahren, sollen die Gegenargumente schriftlich festgehalten werden.
15
 Vgl. die folgende Beratung der CA-Stände am 22. 1.: Kurpfalz C, fol. 180–181 [Nr. 371].