Deutsche Reichstagsakten, Reichsversammlungen 1556 – 1662 Der Kurfürstentag zu Regensburg 1575 bearbeitet von Christiane Neerfeld

Weiterleitung der an die weltlichen Kff. gelangten Religionsbeschwerden protestantischer Bürger an den Ks.: Supplikationen der Gff. und Hh., der Ritterschaft des Stifts Fulda, der Bürger von Köln und Schwäbisch Gmünd, der Brüder Konrad und Paul Vöhlin von Ungerhausen sowie der Bürger von Biberach. Verweis auf 13 Beilagen. Bitte an Ks. Maximilian II., zur Vermeidung schlimmerer Konflikte dafür zu sorgen, dass die Protestanten wenigstens bis zur Klärung der Streitfragen auf dem bevorstehenden RT nicht länger verfolgt und in ihrer Religionsausübung behindert werden.

Am Mittag des 31.10.1575 in der Sitzung der protestantischen kfl. Räte beschlossen1. Ks. Maximilian II. am 2.11.1575 präsentiert2.

HStA München, K. blau 110/5, fol. 213 f. (Kop. ohne Beilagen. Schlussvermerk: Der ksl.Mt. zu Regenspurg ubergeben 2. Novembris anno 75.) = Textvorlage. HStA München, K. blau 110/5, fol. 8–9' (Konz. ohne Beilagen. Schlussvermerk: Der ksl.Mt. zu Regenspurg ubergeben 2. Novembris anno 75.) = B.3

/213/ Allergenedigster herr, nachdem uns bei itziger alhie werender collegial versamblung von etlichena unserer waren christlichenb religion der augspurgischen confession verwandten christen nachfolgende klagen und beschwerungen einkommen, haben wir nit umbgehen konnen noch sollen, solche e.ksl.Mt. in unterthenigkeit fur- und anzubringen.

Und erstlich haben uns die reinische, frenckische, turingische, hartzgrevische, wetterawische und alle ander berurterc augspurgischen confession verwante graffen und herrn von wegen hiebevor zu mehrmaln gesuchter freystellung der religion uff den hohen stifften etc., auch abschaffung der beschwerlichen juramenten, welche ein ider bischoff oder prelat dem papst leisten muß etc., supplicando ersucht, laut beiligender schrifften sub dnumeris 1 und 2–d,4. Zum andern der usschuß gemeiner ritterschafft des stiffts Fulda betreffendte abstrickhung des nun lang herbrachten exercitii religionis derselbenf augspurgischen confession etc., inhalt der schrifften gmit 3, 4, 5, 6 und 7 bezeichnet–g,5. Zum dritten die jenigen burger und christen zu Coln, so sich zu solcher religion bekhennen, umb verstattung ebenmessiger übung derselben religion, krafft der supplication hsub numeris 8, 9 und 10–h,6. Zum vierdten der frey- und Reichs stett jungst zu Eßlingen bei einander geweste gesandten von wegeni etlicherj umb angeregter religion willen zu Schwebischen Gemundtk ausgeschaffter burger lwider den rath daselbst–l etc., laut der schrifft mit 11m,7 bezeichnet. Zum funfften gleichmessiger betrangnus halben bede, Conrad und Paulus, die Vehlin von Ungerhausen, gebrüder, laut der schrifften mit 12n,8 [bezeichnet]. Und dan die burger zu Bibrach uber und wider den rath daselbst, als ob von denselben in prophan- sowol als /213'/ in religions sachen nit zum besten gehauset werden solte etc., krafft der schrifften mit 13 signirto,9.  Dieweil dan dises solche sachen sein, so dem uffgerichten hailsamen religion friden pund der in anno 55 doruff erfolgten declaration–p anhengig, und do denselben nit durch geburliche mitl und weg abgeholffen, leichtlich zu anderer beschwerlichen weitterung und zerrutligkeit ursach geben möcht, welches wir doch, wo muglich, gern verhuettet sehen, also gelangt an e.ksl.Mt. unser unterthenigs bitten, sie wollen alle oberzelte schrifften zu keyserlichem gemuet furen und erwegen, auch verfügen, daß angeregte betrangnussen, qverfolgungen und anders–q ab- und eingestelt und niemands wider sein gewissen zu einer widerwertigen religion getrungen, rauch sonsten, sovil insonderheit die stat Bibrach belangt–r, das jenige, so fur die armen bresthafften leut verordent, nit durch andere und reicheres, so es nit bedorffen, verschwendt und prophanirt oder aber uffs wenigst bei den geklagten teilen der instandt biß uff konfftige Reichs versamblung und entliche erorterung diser sachen erhalten werde, tund also gedachte unsere mit religions verwandten diser unserer unterthenigster furbit furnemlichen und allergnedigst geniessen lassen–t,10. Daran erzeigen e.ksl.Mt. Gott dem allmechtigen ein wolgefelligs und sonsten ein rumlich gemein nutzig werckh, welchs wir auch neben obgedachten supplicanten umb e.ksl.Mt. gantz unterthenigst zuverdienen geflissen und bereit sein wollen, derselben unß zu gnaden gehorsamblich bevelhendt.

E. ksl.Mt. unterthenigste gehorsame chur- und fursten, Ludwig, Pfgf., Fridrichs etc. gewalthaber, Augustus, hertzog zu Sachsen, Hanß Georg, Mgf. zu Brandenburg.

Anmerkungen

1
Vgl.Kurpfalz A, fol. 7 f. (Nr. 42).
2
Die Übergabe eines schrifftlichen Memorial vnd Commendation durch die weltlichen Kff. erwähnen Erstenberger, De Avtonomia I (1586), fol. 84, und nach ihm Häberlin, Reichs-Geschichte IX, 360. Moritz, dem die Akte HStA München, K. blau 110/5, nicht bekannt war und dem nur die bei Lehmann, De pace II, Nr. 14 S. 271–273 gedruckte (inhaltlich abweichende und nicht übergebene) Version vorlag, vermutete, dass die weltlichen Kff. ihre Interzessionsschrift mit den beiliegenden Supplikationen am 19.10.1575 dem Ks. übergeben hätten (Moritz, Wahl, 153). Diese Vermutung kann nicht zutreffen, da die Entscheidung, dem Ks. ein Interzessionsschreiben vorzulegen, erst am 31.10.1575 fiel.
3
In derselben Akte HStA München, K. blau 110/5, befinden sich zwei weitere Konzz. für Interzessionsschreiben der weltlichen Kff. an den Ks.: Das erste, fol. 89 f., bezieht sich auf die Supplikation der protestantischen Gff. und Hh., das zweite, fol. 90–92, auf die Supplikationen der protestantischen Bürger von Köln, Schwäbisch Gmünd und Biberach sowie der Brüder Konrad und Paul Vöhlin von Ungerhausen. (Obwohl die Version der kfl. Interzessionsschrift auf fol. 90–92 höchstwahrscheinlich nicht diejenige ist, die dem Ks. übergeben wurde, ist sie bei Lehmann, De pace II, Nr. 14 S. 271–273, abgedruckt und mit einer irreführenden Überschrift versehen, die unter den Supplikanten auch die Ritterschaften Fuldas und des Eichsfelds nennt; Häberlin, Reichs-Geschichte IX, 389–392, referiert den Inhalt nach Lehmann). Anders als in der dem Ks. übergebenen Fassung, die lediglich Verweise auf die beigelegten Supplikationen enthält, wird in diesen Versionen der Inhalt der Beschwerden referiert und es werden die Forderungen der Protestanten unterstützt. Wahrscheinlich handelt es sich um die von den Kurpfälzer Räten bevorzugten Formulierungen, denn diese hatten mehrfach gefordert,das es umbs behalts willen in schriften geschehen soll, damit man auch ein schriftliche antwort mocht haben; vgl.Kurpfalz A, fol. 6, Nr. 40. Da sie sich gegen den Widerstand von Sachsen und Brandenburg nicht durchsetzen konnten, wurde in der letzten Sitzung am 31.10.1575 beschlossen, ein extract und memorial aufzusetzen (vgl. Kurpfalz A, fol. 7' in Nr. 42), das zusammen mit den Supplikationen aus Schwäbisch Gemünd, Köln, Fulda und Biberach sowie der Brüder Vöhlin und der protestantischen Gff. dem Ks. übergeben werden sollte. Die eigentliche Interzession der weltlichen Kff. beim Ks. sollte mündlich geschehen, jedoch ist unklar, ob und wann diese Unterredung stattgefunden hat.
a
 etlichen] In B danach gestrichen: betrangten christen und.
b
 waren christlichen] In B Einfügung am Rand.
c
 berurter] In B Einfügung am Rand; danach gestrichen: der.
d
 numeris ... 2] In B korr. aus: litteris A und B.
4
Nr. 38 mit der Supplikation von 1566 als Beilage.
e
 betreffendt] In B korr. aus: von wegen.
f
 derselben] In B Einfügung am Rand.
g
 mit ... bezeichnet] In B nachträglich ergänzt und korr. aus: sub littera B.
5
Gemeint sind wahrscheinlich die in HStA München, K. blau 110/5, fol. 30–60, überlieferten Schreiben; vgl. Anm.1 bei Nr. 40.
h
 sub ... 10] In B nachträglich ergänzt und korr. aus: sub littera C.
6
Gemeint sind wahrscheinlich die in HStA München, K. blau 110/5, fol. 10–12', überlieferten Bittschriften der Kölner Bürger sowie ihre auf dem Kurfürstentag übergebene Supplikation, die in den Akten nicht ermittelt werden konnte; vgl. Anm.1 bei Nr. 39.
i
 wegen] In B danach gestrichen: eines raths der stat Schwebischen Gemundt und.
j
 etlicher] In B danach gestrichen: irer.
k
 zu Schwebischen Gemundt] In B Einfügung am Rand.
l
 wider ... daselbst] In B Einfügung am Rand.
m
 11] In B korr. aus: D.
7
Gemeint ist wahrscheinlich die in HStA München, K. blau 110/5, fol. 78 f., überlieferte Interzessionsschrift der Reichsstädte; vgl. Anm.8 bei Nr. 40.
n
 12] In B korr. aus: E.
8
Gemeint sind wahrscheinlich die in HStA München, K. blau 110/5, fol. 82–87, überlieferten Schriften; vgl. Anm.8 bei Nr. 39.
o
 13 signirt] In B korr. aus: F etc.
9
Gemeint ist wahrscheinlich das in HStA München, K. blau 110/5, fol. 64–67, überlieferte Dokument; vgl. Anm.3 und Anm.7 bei Nr. 39.
p
 und ... declaration] In B Einfügung am Rand.
q
 verfolgungen ... anders] In B Einfügung am Rand.
r
 auch ... belangt] In B Einfügung am Rand.
s
 und reichere] In B nachträglich ergänzt.
t
 und ... lassen] In B Einfügung am Rand.
10
Ein von Lehmann, De pace II, Nr. 14 S. 273, erwähntes ksl. Dekret, in dem Ks. Maximilian II. als Erwiderung auf die Interzession der Kff. erklärt haben soll, daß allerseit der Obrigkeit bericht zu hören, alsdann soll nach gestalt der Sachen an Kayserlicher Hilff nichts ermangeln, ist in den Akten nicht auffindbar.