Deutsche Reichstagsakten  ‹  Der Reichstag zu Worms 1509
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Inhaltsverzeichnis

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Vorwort des Abteilungsleiters

Vorwort des Abteilungsleiters

Vorwort des Bearbeiters

Vorwort des Bearbeiters

Abkürzungen und Siglen

Abkürzungen und Siglen

Quellen- und Literaturverzeichnis

Einleitung

Quellen I. Kapitel Vorakten: Vorbereitung des Wormser Reichstages

Quellen I. Kapitel Vorakten: Vorbereitung des Wormser Reichstages

  • 1. Kurfürsten- und Fürstentag zu Mainz
  • 2. Vorakten zu den Reichshilfeverhandlungen des Reichstages
  • 3. Angelegenheiten des Reichskammergerichts
  • 4. Angelegenheiten der Reichsstände
  • 5. Organisatorische Vorbereitung des Reichstages
  • II. Kapitel Der Reichstag zu Worms

    II. Kapitel Der Reichstag zu Worms

  • 1. Reichshilfe und Reformen
  • 2. Kaiserliche Reichsbelehnungen, Privilegienvergaben und Konfirmationen
  • 3. Streitfälle und Schiedsverfahren
  • 4. Angelegenheiten der Reichsstände
  • 5. Korrespondenzen, Weisungen und Berichte
  • 6. Chroniken, Aufzeichnungen und Verzeichnisse
  • III. Kapitel Nachakten: Vollzug der Reichstagsbeschlüsse und Folgen des Reichstages

    III. Kapitel Nachakten: Vollzug der Reichstagsbeschlüsse und Folgen des Reichstages

  • 1. Reichshilfe gegen Venedig
  • 2. Reichskammergericht
  • 3. Reichsmünztag zu Frankfurt
  • 4. Der Konflikt zwischen dem Deutschen Orden und Polen
  • 5. Angelegenheiten der Reichsstände
  • Chronologisches Aktenverzeichnis

    Chronologisches Aktenverzeichnis

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    «2. Der Wormser Reichstag  »

    «2.1. Vorgeschichte »

    Der unmittelbar nach der Kaiserdeklaration Maximilians I. im Februar 1508 eröffnete Feldzug gegen Venedig endete sehr bald in einem militärischen Desaster. Der Kaiser sah sich zur Rückkehr in das Reich veranlasst, zum einen wegen der Gefährdung der burgundischen Erblande durch den von Frankreich unterstützten Herzog Karl von Geldern, zum anderen wollte er sich um weitere Hilfen aus dem Reich für die Fortsetzung des Krieges nicht nur gegen Venedig, sondern für einen umfassenden Rachefeldzug gegen alle für das Scheitern des Romzugs und somit für die improvisierte Kaisererhebung in Trient verantwortlich gemachten Feinde des Hauses Habsburg bemühen.17 Immer neue Planungsansätze hierfür korrespondierten mit kurzfristig aufeinander folgenden Ladungen an Reichsstände nach Ulm, Oberwesel, Speyer, Frankfurt und schließlich Mainz (Nrr. 1, 3, 4, 6, 9; 10, Pkt. 1). Der Ende März/Anfang April 1508 in Ulm abgehaltene Schwäbische Bundestag sollte nach den Plänen Maximilians durch Nichtmitglieder wie Kursachsen, Pfalz oder Eichstätt zu einer alternativen Versammlungsform erweitert werden (Nr. 25, Anm. 1). Letztlich verweigerten die Bundesstände die Kooperation und verwiesen auf die Zuständigkeit der Institution Reichstag (Nrr. 2, 5; 10, Anm. 8). Ohne den allerdings absehbaren Ausgang der Verhandlungen abzuwarten, beschied der Kaiser eine Reihe von Ständen nach Mainz.

    Der Mainzer Tag wurde sowohl von Zeitgenossen als auch Historikern mitunter als Reichstag18, häufiger jedoch als Kurfürstentag klassifiziert und der VorŠgang demzufolge als letztlich misslungener Versuch des Reichsoberhaupts bewertet, vier Jahre nach dem Tod Bertholds von Henneberg die Kurfürsten unter Umgehung der ständischen Gesamtheit exklusiv für seine (außen-)politischen Ziele einzuspannen.19 Natürlich bildeten die persönlich anwesenden Kurfürsten von Mainz, Trier und Sachsen zusammen mit dem Kurbrandenburger Gesandten Eitelwolf vom Stein den Kern der Versammlung. Ein Vertreter Erzbischof Hermanns von Köln traf wenigstens rechtzeitig zur Schlussphase der Verhandlungen ein.20 Sogar der Kaiser sah sich verpflichtet, in seiner ersten Instruktion vom 30. April die Vertretung Kurfürst Joachims durch einen Gesandten mit der großen räumlichen Distanz und die Nichtberücksichtigung Böhmens, „der sich gegen dem Reich keiner gehorsam bekennet“, sowie der Kurpfalz, „nachdem die in irsal steet“, gegenüber den anwesenden Kurfürsten zu rechtfertigen (Nr. 10, Pkt. 4). Von Anfang an war indessen die Einbeziehung nichtkurfürstlicher Stände vorgesehen. An den Beratungen nahmen Bischof Lorenz von Würzburg sowie Gesandte Herzog Wilhelms von Jülich und Landgraf Wilhelms von Hessen teil. Ihre Mitverantwortlichkeit für getroffene Beschlüsse fand jedenfalls in einigen Resolutionen an den Kaiser ihren Niederschlag in Wendungen wie: „Curfursten, fursten und die potschaften, so auf ksl. Mt. beschreiben ytzo zu Menz sein“ (z. B. Nr. 23, Pkt. 1). Gesandte der bayerischen Vormundschaftsregierung wie auch der Stadt Köln und wahrscheinlich Frankfurts waren zumindest als geladene Beobachter und zur Wahrnehmung eigener Interessen in Mainz anwesend. Man ist deshalb geneigt, der Bewertung dieser Versammlung als einem „irregulären, ständisch gemischten Konvent“21 zuzustimmen.

    Jülich und Hessen waren als neben den Hansestädten (womit wohl die Einladung an Köln erklärt ist) vorrangig von der projektierten Zwangsanleihe betroffene Stände, aber eben auch zur Teilnahme an den Beratungen der Kurfürsten hinzugeladen worden. Dieser Schritt hatte wie so oft bei Maximilian pragmatische und verhandlungstaktische Gründe. Da in Jülich und Hessen problematische Regierungswechsel anstanden, war hier am ehesten auf einen Erfolg der Anleihe zu rechnen. Gleichzeitig stand zu vermuten, dass diese Stände in Mainz für eine Reichshilfe eintreten würden, um sich eine solche Sonderbelastung zu ersparen. Doch hatte die von keinem Geringeren als dem führenden kaiserlichen Rat Matthäus Lang angeführte Delegation auf dem Mainzer Tag Škeine Chance, die von Kurfürst Friedrich von Sachsen angeführte Opposition zu überwinden. Dabei waren die anwesenden Stände noch nicht einmal über die bereits angelaufenen Waffenstillstandsverhandlungen mit Venedig informiert worden.

    Der Kaiser sah sich genötigt einzulenken. Er berief mit Ausschreiben vom 31. Mai den in Mainz und auf dem Schwäbischen Bundestag in Ulm als notwendige Voraussetzung für die Bewilligung einer Reichshilfe geforderten Reichstag nach Worms ein. Als Zielsetzung definierte Maximilian eine Kriegshilfe gegen Frankreich und Venedig (Nr. 36). Doch noch bevor das gedruckte Ausschreiben ausgehen konnte, kam am 6. Juni unter dem Eindruck einer Serie von Misserfolgen der kaiserlichen Truppen der dreijährige Waffenstillstand von Arco zustande. Maximilian gedachte den Krieg gegen Venedig zu einem späteren Zeitpunkt fortzusetzen. Zuerst sollte Geldern unterworfen werden.22 Offensichtlich beabsichtigte er nicht, dafür die Unterstützung des Reiches heranzuziehen. Deshalb verlegte er den Reichstag vom 16. Juli auf den 10. August (Nrr. 36 [Pkt. 4]; 40). Am 26. Juni sagte der Kaiser auch den Ersatztermin ab (Nr. 42). Doch gut zwei Wochen später, am 14. Juli, wurde ein zweites Reichstagsausschreiben für den 1. November erstellt. Maximilian machte kein Hehl daraus, dass der Waffenstillstand mit Venedig allein der militärischen Notlage geschuldet war, schob aber die Verantwortung für dessen absehbaren Bruch vorsorglich der Gegenseite zu. Für diesen Fall sollten die Stände über die Behauptung der Reichsrechte in Italien, insbesondere der Kaiserwürde, und die militärische Sicherung der Erblande beraten. Maximilian kündigte an, bis zum Reichstag das aufständische Geldern zu unterwerfen. Noch ehe dieses zweite gedruckte Ausschreiben ausging, sah sich der Kaiser angesichts der massiven französischen Unterstützung für Herzog Karl von Geldern und der Verweigerung der niederländischen Stände bei völlig unzureichenden eigenen Mitteln erneut in die Defensive gedrängt (Nrr. 44f.). Dies gab wohl den Ausschlag dafür, dass er am 23. Juli gegenüber Erzherzogin Margarethe seine Einwilligung zu Waffenstillstandsverhandlungen mit Frankreich erklärte und damit seine Eroberungspläne gegen Geldern preisgab.23 Da er ungeachtet dieser neuen politischen Entwicklung den Termin für den Reichstag weiterhin bestätigte (Nrr. 185f.; 473, Pkt. 1), stellten sich die Reichsstände auf dessen Abhaltung ein und begannen mit ihren Vorbereitungen. Erste Teilnehmer trafen bereits in Worms ein. Gut informierte Fürsten wie Erzbischof Jakob von Trier blieben allerdings zu Hause, um dort die weitere Entwicklung abzuwarten (Nr. 201).

    Denn inzwischen hatte die kaiserliche Außenpolitik eine weitere Wendung erfahren. Bald nach dem Waffenstillstand von Arco zeichnete sich das Eintreten eines vorrangigen außenpolitischen Ziels der kaiserlichen Regierung ab: die Trennung der Verbündeten Frankreich und Venedig. Bereits Mitte OktoŠber konnte Erzherzogin Margarethe einen sechswöchigen Waffenstillstand mit Frankreich unter Einbeziehung Herzog Karls von Geldern vermitteln.24 Auf dem Kongress in Cambrai mündete der Waffenstillstand am 10. Dezember in einen Friedensvertrag. Die Verhandlungsführer vereinbarten außerdem ein gegen Venedig gerichtetes Bündnis zwischen Papst Julius, Kaiser Maximilian, König Ludwig von Frankreich und König Ferdinand von Spanien. Maximilian ratifizierte am 26. Dezember als erster Vertragspartner das Abkommen. Am gleichen Tag entschuldigte er in einem Ausschreiben an die Reichsstände seinen langen Aufenthalt in den Niederlanden und sein Fernbleiben vom Reichstag mit den bis dahin offiziell nicht mitgeteilten Friedensverhandlungen mit Frankreich und informierte sie über deren erfolgreichen Abschluss, jedoch nicht über das antivenezianische Bündnis. Nun endlich wurde der nach Worms einberufene Reichstag auf den 21. Februar verschoben. Dort sollte über die Angelegenheiten des Reiches, der deutschen Nation und der Christenheit beraten werden (Nr. 50), womit der Kaiser die Stände über seine Zielsetzung für den Reichstag vollständig im Unklaren beließ. Diese Unterlassung lag vorderhand in der notwendigen Geheimhaltung des bevorstehenden Angriffs auf Venedig, aber auch im fortgesetzten Misstrauen gegen die französischen Absichten begründet. Treibende Kräfte für den Ausgleich auf habsburgischer Seite waren Erzherzogin Margarethe und Matthäus Lang, aus der Warte Maximilians mochten die Verhandlungen eher taktisch begründet gewesen sein25. Zugleich wird man eine gewisse Rücksichtnahme auf reichsständische Interessen einkalkulieren.

    Die aufgrund eines Antrags der Herren von der Leiter drohende Achterklärung gegen Venedig durch das Reichskammergericht rief die oberdeutschen Handelsstädte, voran Augsburg und Nürnberg, auf den Plan, die unter Einschaltung der Innsbrucker Regierung beim Kaiser und auch beim Reichskammergericht gegen einen solchen Schritt intervenierten (Nrr. 6674). Wenn Maximilian daraufhin tatsächlich die Sistierung des Verfahrens verfügte (Nr. 75), so verhielt er sich eigentlich konträr zu seiner außenpolitischen Zielsetzung, begab er sich doch eines rechtlichen Instruments gegen die Serenissima. Doch handelte der Kaiser auch in diesem Fall rein taktisch. Bereits Anfang Januar hatte er einige ausgewählte Reichsfürsten, nicht jedoch die Reichsstädte, vertraulich Šüber den bevorstehenden Krieg gegen Venedig informiert (Nr. 52).26 Tatsächlich wird er seine Kommissare auf dem Wormser Reichstag anweisen, entweder eine Achterklärung des Reichskammergerichts oder der Reichsversammlung zu erwirken bzw. diese notfalls selbst zu erlassen (Nr. 271, Pkt. 21).

    Trotz des offenkundigen Misstrauens Maximilians gegen Frankreich – noch Ende März 1509 erschien ihm ein Einsatz der französischen Truppen gegen ihn oder den Papst anstatt gegen Venedig durchaus möglich27 und auch das Konkurrieren um die militärischen Ressourcen der Eidgenossen hielt an28 – ließ er sich anders als Papst Julius, der als letzter Vertragspartner erst am 23. März das Bündnis ratifizierte29, auf keine Ausgleichsverhandlungen mit Venedig mehr ein. Der venezianische Gesandte Giovanni Pietro Stella bemühte sich vergeblich um eine Audienz.30 Ebenso misslang die ab Februar versuchte Einschaltung König Heinrichs VII. von England als Vermittler wegen dessen tödlicher Erkrankung.31 Der kaiserliche Rat Luca de Renaldis, über den Venedig ein Geldangebot für die Rückeroberung Mailands lancieren wollte, wurde auf Befehl Maximilians sogar kurzzeitig verhaftet.32 Paul von Liechtenstein äußerte sich gegenüber dem nach Innsbruck entsandten Zaccaria Contarini zwar entgegenkommend, verwies aber entsprechend einer kaiserlichen Anweisung auf die Ergebnisse der bevorstehenden Verhandlungen mit den Reichsständen.33 Es Šbedurfte nicht erst dieses Hinweises, um die Aufmerksamkeit der Serenissima auf den Reichstag zu lenken. Seit Monaten ließ man sich von verschiedenen Gewährsleuten – nicht immer zuverlässig – über die Anläufe zu dessen Einberufung und die wiederholte Verschiebung des Eröffnungstermins unterrichten.34 Gleichzeitig versuchte der Doge, im Friedenssinne insbesondere auf die vom Venedighandel profitierenden Reichsstände einzuwirken.35

    Schon aufgrund dieser außenpolitischen Dynamik erwiesen sich die mit Hinblick auf den 21. Februar angelaufenen, ohnehin bald von Gerüchten über eine erneute Verschiebung begleiteten Vorbereitungen der Stände für den Reichstag einmal mehr als vergebens. Mit Schreiben vom 15. März setzte Maximilian I. viel zu kurzfristig für den 25. März einen weiteren Termin an (Nrr. 219f.). Eine nochmalige förmliche Vertagung folgte allerdings nicht mehr.36 Anfang April informierte der Kaiser die Stände, dass er auf dem Weg nach Worms befindlich sei, und forderte sie zum Erscheinen auf dem Reichstag auf (Nrr. 227229, 236). Maximilian selbst traf am 21. April dort ein und eröffnete die Reichsversammlung am folgenden Tag.

    «2.2. Organisation und personelle Zusammensetzung des Reichstages »

    Worms hatte seit dem ersten Ausschreiben vom 31. Mai 1508 als Tagungsort festgestanden. Alternativen wurden ungeachtet der wechselnden kaiserlichen Planungen gegen Frankreich, Geldern und Venedig nicht ernsthaft erörtert. Obwohl mit 7000 Einwohnern nur eine Reichsstadt mittlerer Größe37, zählte Worms seit 1495 zum festen Kreis der Reichstagsorte. Für die Stadt sprachen die verkehrsgünstige Lage am Rhein, die gute Quartiersituation und die zur Verfügung stehenden Freiflächen mit der Möglichkeit, kurzfristig eine große Zahl von Gästen provisorisch unterzubringen.38 Offenbar blieben 1509 aufgrund deren vergleichsweise geringen Zahl – der Kaiser hielt sich mit seinem ŠGefolge von 1000 Pferden nur drei Tage lang in der Stadt auf, die persönlich anwesenden Reichsfürsten, sogar Kurfürst Friedrich von Sachsen, kamen nur mit kleinem Gefolge39 – auch die Lebensmittelpreise auf niedrigem Niveau stabil.40 Ob der im Umgang mit Großveranstaltungen routinierte Wormser Magistrat regulierend eingegriffen hat, lässt sich mangels Quellen nur vermuten. Sehr wohl aber unterstützte er die kaiserlichen und ständischen Furiere bei der Quartierbeschaffung (Nrr. 206, 212, 214, 216)41 und bemühte sich auch um eine Verbesserung des äußeren Erscheinungsbilds der Stadt (Nr. 215).

    Zweck des Wormser Reichstages war nach den Ankündigungen des unter erheblichem Zeitdruck stehenden Kaisers – gemäß dem Vertrag von Cambrai sollte er binnen vierzig Tagen nach der für den 1. April vorgesehenen, tatsächlich Mitte April erfolgten Eröffnung des Feldzugs durch seine Verbündeten die Kampfhandlungen aufnehmen – die angesichts seiner desolaten finanziellen Situation eigentlich dringend benötigte Reichshilfe für den Krieg gegen Venedig. Sein fortbestehendes Misstrauen gegen Frankreich und Angelegenheiten der Niederlande hatten den Kaiser länger als geplant dort aufgehalten. Gleichzeitig war der außenpolitische Systemwechsel von Cambrai den Reichsständen kaum kommuniziert worden.42 Noch auf dem Konstanzer Reichstag von 1507 und Šweit bis in das Jahr 1508 hinein hatte die habsburgische Propaganda gegen Frankreich als den natürlichen Erbfeind des Reiches polemisiert (z. B. Nr. 27, Anm. 2; 36, Pkt. 2; 44, Pkt. 1; 46). Verschiedentlich wird die Skepsis der Stände hinsichtlich der Folgen des Venezianerkriegs angesichts des militärischen Ungleichgewichts zwischen König Ludwig von Frankreich und Kaiser Maximilian erkennbar, wenn etwa Bischof Wilhelm von Straßburg die ersten französischen Siegesmeldungen zu der Einsicht veranlassten, dass „der Kg. von Frankrich triumphirt und wir armen Duetschen ganz und gar verloschen syn“ (Nr. 427, Pkt. 2).43 Anders als vor dem Konstanzer Reichstag von 1507 hatte Maximilian auch darauf verzichtet, die Positionen der Reichsstände zu sondieren und den Antagonismus zwischen seinem rein kriegsorientierten Regierungskonzept44 und der außenpolitisch defensiven bis passiven Ausrichtung der meisten Reichsstände aufzuweichen.45 Offenbar maß er angesichts der aus seiner Perspektive ohnehin ungenügenden Reichshilfen – wie zuletzt auf dem Konstanzer Reichstag kritisiert46 – einem Reichshilfebeschluss keine entscheidende Bedeutung zu. Nach seinem eigenen Bekunden hatte es Priorität, in Tirol persönlich die Kriegsvorbereitungen zu treffen und anschließend weiter nach Oberitalien zu ziehen. Der Kaiser verließ Worms nach nur dreitägigem Aufenthalt. Es ist müßig zu spekulieren, ob er länger geblieben wäre, hätten die anwesenden Stände nicht den hinhaltenden Bescheid erteilt, vor Eintritt in die Beratungen das Eintreffen weiterer Teilnehmer abwarten zu müssen (Nr. 260, Pkt. 4). Maximilian hatte schon vor seiner Ankunft einen nur kurzen Aufenthalt in Worms angekündigt (Nrr. 60, Pkt. 2; 219f.; 228; 229, Pkt. 1).47 Ungeachtet des Drängens seiner Verbündeten reiste der Kaiser indessen nur langsam weiter in Richtung Kriegsschauplatz. Erst am 29. Mai erreichte er Innsbruck, am 13. Juni ŠTrient. Für die europa- und reichspolitisch bedeutungslosen Unterredungen mit Herzog Wilhelm von Bayern in Kaufbeuren (Nrr. 146149, 395f., 433f.) hatte der Kaiser während seiner Reise ungleich mehr Zeit erübrigt als für den Reichstag.

    Offenkundig spielte dieser in den Planungen der Reichsregierung im Frühjahr 1509 keine entscheidende Rolle mehr. Die Verhandlungen mit den in Worms versammelten Reichsständen sollten einige bevollmächtigte Räte übernehmen, obwohl hinsichtlich der geringen Erfolgsaussichten einer Reichsversammlung absente imperatore nach den schlechten Erfahrungen von Lindau (1496/97), Worms (1497) und – bis zur monatelang verzögerten Ankunft des Reichsoberhaupts – auch Freiburg (1497/98)48 eigentlich kein Zweifel bestanden haben dürfte. Tatsächlich kalkulierte Maximilian selbst ein Scheitern des Reichstages durchaus ein (Nr. 61, App. g). So setzte er unabhängig vom Reichstagsgeschehen, dabei überaus erfolgreich, seine Bemühungen um die Erschließung ertragreicherer Geldquellen fort. Diese betrafen die Verbündeten49, befreundete Monarchen50, die Generalstaaten der
     ŠNiederlande51, die österreichischen Landstände52, die schwäbische Hochfinanz53 und als zufällig sich ergebende Gelegenheit das Erbe des Anfang März 1509 als einem der reichsten Männer Europas54 in Rom verstorbenen Kardinalbischofs von Brixen, Melchior von Meckau.55

    Die Frage drängt sich auf, warum der Kaiser überhaupt die Blamage eines gescheiterten Reichstages riskierte. Abgesehen von der Hoffnung, ungeachtet aller schlechten Vorzeichen doch wenigstens eine kleine Reichshilfe herauszuschlagen, scheint der Reichstag nicht zuletzt als Kulisse für die Verhandlungen mit den Landständen, vermutlich auch mit den Verbündeten und anderen Geldgebern des Kaisers gedient zu haben. Die von Maximilian genährte Aussicht auf die Beteiligung des Reiches am Venezianerkrieg mochte deren Investitionsbereitschaft noch steigern. Und jedenfalls die niederösterreichische ŠLändergruppe erklärte den Beistand des Reiches ohnehin zur Voraussetzung für ein eigenes Engagement in dem von den Landständen eigentlich abgelehnten Angriffskrieg gegen Venedig (Nrr. 135; 137, Pkt. 1).

    Die untergeordnete Bedeutung des Wormser Reichstages in den Planungen der Reichsregierung erklärt auch die Auswahl der kaiserlichen Reichstagskommissare. War kurzzeitig mit Graf Eitelfriedrich von Hohenzollern wenigstens ein Rat aus dem engeren Umfeld des Kaisers dafür vorgesehen (Nr. 381), so trifft dies auf die dann tatsächlich eingesetzten Vertreter nicht zu. Auch zählten die Kommissare mit Ausnahme Erasmus Toplers56 nicht einmal zu den ständigen Angehörigen des Kaiserhofes. Für den bedingungslos kaisertreuen Markgrafen Kasimir von Brandenburg sprach trotz seiner Jugend seine wiederholte Bewährung als Diplomat und Militär in Diensten Maximilians I.57 Die erneute Nominierung des bereits 1496/97 in Lindau, 1497 in Worms, 1497/98 in Freiburg und 1499 sowie 1508 in Mainz eingesetzten Grafen Adolf von Nassau-Wiesbaden stand vermutlich im Zusammenhang mit der vom Kaiser betriebenen Verlegung des Reichskammergerichts von Regensburg nach Worms. Nassau, bereits 1500/01 Kammerrichter, übernahm dieses Amt unmittelbar im Anschluss an den Reichstag erneut. Er konnte auf einen langen Cursus honorum im Dienst der Habsburger zurückblicken, unter anderem als Generalstatthalter in Geldern und als Hofmeister Maximilians. Was Nassau zudem für das Reichstagskommissariat qualifizierte, war sein hohes Ansehen bei den Reichsfürsten.58 Als Angehörige des Hochadels konnten er und Markgraf Kasimir wenigstens bis zu einem gewissen Grad auch den Ansprüchen an die Herrschaftsrepräsentation des Reichsoberhauptes Genüge leisten. So setzte sich der Markgraf bei den Verhandlungen, nachdem die Stände ihre Plätze eingenommen hatten, im Wortsinne an die Stelle des Kaisers, Nassau und Sigmund von Fraunberg platzierten sich ihm gegenüber (Nr. 260, Pkt. 7). Die übrigen Kommissare waren vor allem als Fachleute gefragt: Der frühere Marschall Herzog Georgs von Niederbayern und nach dem Landshuter Erbfolgekrieg in kaiserliche Dienste getretene Fraunberg empfahl sich aufgrund seiner langjährigen Reichstagserfahrung und als bewährter Diplomat.59 Der nachträglich hinzugezogene Nürnberger Erasmus Topler gehörte bereits auf dem Mainzer Tag zur kaiserlichen Delegation. Der vielfach im Auftrag Maximilians als Vermittler erprobte Stuttgarter Propst Ludwig Vergenhans qualifizierte sich außerdem wegen seiner Reichstagskompetenz und als Experte für den Schwäbischen Bund60, Šder als Sammelbecken der habsburgischen Klientel Südwestdeutschlands für die Reichspolitik Maximilians eine zentrale Rolle spielte. Der kaiserliche Rat Ernst von Welden und der – dringend erwartete (Nrr. 401, Pkt. 1; 406, Pkt. 3) – Protonotar Johann Storch wurden nach Beginn des Reichstages von Maximilian mit Spezialaufträgen nach Worms geschickt. Welden war anscheinend ausschließlich mit Verhandlungen über das Jubelablassgeld betraut61, Storch reiste mit den für die Ausfertigung der zu erstellenden Dokumente durch den Reichserzkanzler Erzbischof Uriel von Mainz benötigten kaiserlichen Siegeln (Nrr. 271, Pkt. 4; 342), als Ablösung oder Entlastung des Sekretärs der Kommissare, Andreas Christian, und zu Verhandlungen vor allem über Streitsachen, aber auch für weitere Instruktionen an die Kommissare (Nrr. 271; 406, Pkt. 3) nach Worms.62 Gleichwohl deuteten die Kommissare in ihren Berichten verschiedentlich sowohl ihre Arbeitsüberlastung (Nrr. 397, Pkt. 2; 402) wie auch ihre Unterfinanzierung an (Nrr. 397, Pkt. 3; 415; 420, Pkt. 7). Dabei handelte es sich jedenfalls um Risikofaktoren hinsichtlich des reibungslosen Ablaufs der Verhandlungen. Zu diesen ist auch die Außenkommunikation des Reichstages zu zählen.

    Die Kommissare waren bei den Verhandlungen an die Vorgaben ihrer Instruktionen und Weisungen – „daraus uns zu geen nit gepurt“ (Nr. 409) – gebunden und verfügten somit kaum über einen eigenen Spielraum. Mussten sie sich nach der Abreise des Kaisers am 24. April drei Wochen lang gedulden, bis endlich am 14. Mai ihre Reichstags-Instruktionen eintrafen (Nrr. 389, 392, 397) und zwei Tage darauf die Verhandlungen des Reichstages fortgesetzt werden konnten, sahen sie sich auch in dessen weiteren Verlauf wiederholt genötigt, auf Stellungnahmen des Kaisers zu warten (Nrr. 400, Pkt. 3; 401, Pkt. 1; 406, Pkt. 2; 408, Pkt. 2; 414, Pkt. 2; 416, Pkt. 2; 417, Pkt. 3; 418, Pkt. 5). Diese Verzögerungen mögen auch der Unausgeglichenheit und Entschlussschwäche des zusehends alternden Kaisers63 sowie Reibungen zwischen den führenden Škaiserlichen Räten Matthäus Lang, einem der Architekten des Vertragswerks von Cambrai, Zyprian von Serntein und dem einem Krieg gegen Venedig eher abgeneigten Paul von Liechtenstein64 geschuldet gewesen sein. Die ohnehin schon bestehende Ineffizienz einer überlasteten und nach heutigen Maßstäben systemisch korrupten Reichsregierung65 wurde dadurch noch vergrößert. Wenngleich sich der Kaiser immer weiter vom Tagungsort entfernte66 – seine letzte Weisung, die den Reichstag noch rechtzeitig erreichte, datierte aus Innsbruck vom 3. Juni (Nr. 411) –, stieg dank der von ihm verfügten Verdopplung der Postreiter (Nrr. 276, Pkt. 2; 421, Pkt. 8) wenigstens der Zeitaufwand für die Übermittlung der Weisungen, Berichte und Verhandlungsakten nicht entscheidend an.67 Die ständischen Gesandten hingegen begleitete das Problem einer möglichst zeitnahen Abstimmung ihres Vorgehens mit ihren Obrigkeiten zu Hause auf jedem Reichstag. Als grundsätzliches Handicap von Kommissar-Reichstagen gesellte sich noch hinzu, dass die kaiserlichen Vertreter viel weniger als das Reichsoberhaupt selbst den eingespielten Do-ut-des-Mechanismus zwischen der Betreuung der partikularen Anliegen der Stände und ihrem EntgeŠgenkommen bei den Reichshilfeforderungen des Kaisers bedienen konnten.68 Zwar sollten diese Defizite durch die den Kommissaren aufgetragene intensive Schiedstätigkeit (Nr. 271) kompensiert werden, doch zeitigte diese zusätzliche Kompetenz keine entscheidende reichstagspolitische Wirkung. Denn die Konstellation auf ständischer Seite stand für die kaiserliche Reichstagspolitik ungünstig.

    Immerhin konnte das Verhältnis des Kaisers zu den geistlichen Kurfürsten insgesamt als gut bezeichnet werden. Der 1508 gewählte Mainzer Erzbischof Uriel von Gemmingen galt als ergebener Anhänger Maximilians.69 Die anstehende, bei seinem Vorgänger Jakob von Liebenstein wegen der von Maximilian reklamierten Reichsunmittelbarkeit der Stadt Mainz noch problematische Reichsbelehnung legte überdies Wohlverhalten mit Hinblick auf die kaiserlichen Ziele für den Wormser Reichstag nahe.70 Durch die rasche Belehnung bereits bei der Eröffnung des Reichstages angesichts seiner bevorstehenden Abreise begab sich Maximilian allerdings dieses Druckmittels. Tatsächlich ist ein eigenständiges Profil Erzbischof Uriels bei den Verhandlungen kaum erkennbar. Gegen die Unterstützung der kaiserlichen Reichshilfeforderung sprach jedenfalls die angespannte finanzielle Situation des Erzstifts und mehr noch des Erzbischofs selbst.71 Die vom Kaiser erbetene und auch bewilligte Stellung von fünfzig Reitern für den Venezianerkrieg (Nr. 420, Pkt. 2) war mit keiner finanziellen Belastung verbunden, da Maximilian die Besoldung dieser Truppe übernahm (Nr. 339). Die als Kompensation für die entgangene Wormser Reichshilfe im Spätsommer 1509 geforderten Anleihe konnte der Erzbischof hingegen nur zum Teil aufbringen.72 Zwar ist das Bemühen um das kaiserliche Wohlwollen erkennbar, es stieß aber rasch an objektive Grenzen. Immerhin wird man Uriel als früherem Assessor am Reichskammergericht ein gewisses Interesse an den Reichstagsverhandlungen über Frieden und Recht unterstellen dürfen. Dem Mainzer Kurfürsten oblag außerdem auf ständischer Seite unangefochten die Geschäftsführung. Bei ihm akkreditierten sich die kaiserlichen Kommissare ebenso wie die ständischen Gesandtschaften (Nrr. 260, Pkt. 7; 261, Pkt. 8). Die kaiserlichen Vertreter reklamierten allerdings ihrerseits ebenfalls das Recht zur Prüfung der ständischen Vollmachten (Nrr. 259, Pkt. 8; 261, Pkt. 7; 363; 398, Pkt. 2, 4). Das Reichstagsschriftgut wurde zur Abschrift durch die Stände in die Mainzer Kanzlei gegeben (Nrr. 260, Pkt. 11; 261, Pkt. 7; 263, Pkt. 9, 19; 475, Pkt. 3).73 Bekanntlich übersandte Kaiser Maximilian dem Mainzer Erzbischof Šdas große und kleine Siegel zur Ausfertigung des auf dem Reichstag anfallenden Schriftguts.74 Diese exklusiven Kompetenzen reichten aber nicht annähernd aus, um das reichspolitische Übergewicht Kursachsens auszugleichen.

    Der hochgebildete Erzbischof Jakob von Trier darf grundsätzlich ebenfalls dem kaisernahen Lager zugeordnet werden75, doch hatte er es auf den Reichstagen in Köln und Konstanz weitgehend vermieden, sich gegenüber seinen Mitkurfürsten zu exponieren. Gleiches gilt für den Mainzer Tag, wo er zwar vorsichtig für einen Beitrag zum Venezianerkrieg eintrat (Nr. 21, Pkt. 5), aber auch eine gewisse Verärgerung in Bezug auf den Kaiser andeutete (Nr. 32, Pkt. 3). Auch der erst im November 1508 zum Erzbischof von Köln gewählte Philipp von Daun sollte sich als dem Kaiser „treu ergebener Reichsfürst“ erweisen76, der an den in seine Regierungszeit fallenden Reichstagen von 1509, 1510 und 1512 persönlich teilnahm und zwar nicht die im Spätsommer 1509 erbetene Anleihe gewähren konnte, dafür aber die in Augsburg und Köln/Trier bewilligte Reichshilfe gegen Venedig leistete.77

    Unter den weltlichen Kurfürsten stand der 1508 seinem Vater nachgefolgte Ludwig von der Pfalz in einem von Maximilian I. gezielt aufrechterhaltenen Abhängigkeitsverhältnis.78 Die Nichteinladung des neuen Kurfürsten zum Mainzer Tag war auch als Signal an diesen gedacht, dass die 1504 über Kurfürst Philipp verhängte Acht nach kaiserlicher Auffassung auch nach dessen Tod fortbestand.79 Der junge Kurfürst, der von Beginn seiner Regierung an „eine pragmatisch orientierte Friedens- und Ordnungspolitik“80 verfolgte, war seinerseits um Annäherung an den Kaiser bemüht. Gemeinsam mit seinem Bruder Pfalzgraf Friedrich gehörte er beim Einzug in Worms zu dessen Begleitern (Nrr. Š259, Pkt. 1; 260, Pkt. 1; 261, Pkt. 1; 438, Pkt. 3; 473, Pkt. 2). Zentrale Anliegen waren die anstehende Reichsbelehnung und eine Verständigung über die im Landshuter Erbfolgekrieg erlittenen territorialen Verluste (Nr. 97). Von Kurpfalz stand also trotz drückender finanzieller Probleme jedenfalls kein offener Widerstand gegen die kaiserliche Reichshilfeforderung zu erwarten.

    Ganz anders als mit den rheinischen Kurfürsten verhielt es sich mit Kursachsen und Kurbrandenburg. Für letzteres ist nach 1505 wohl ein mehrjähriger Tiefpunkt der Beziehungen zu Kaiser und Reich zu konstatieren. Joachim I. blieb von 1507 bis 1517 allen Reichstagen fern und markierte damit „die längste Phase der Abwesenheit eines brandenburgischen Kurfürsten vom Reichstag“81. Dieses Manko konnte auch die Vertretung durch den in Sachen Reich und Reichstag erfahrenen Eitelwolf von Stein nicht ausgleichen. Der Kurfürst hatte zwar noch eine Reitertruppe für den geplanten kaiserlichen Romzug gestellt, aber bereits seinen Anteil an der auf dem Konstanzer Reichstag 1507 bewilligten Bargeldhilfe ungeachtet wiederholter Aufforderungen durch den Kaiser wohl nicht mehr geleistet.82 Ebenso verweigerte Joachim die fälligen Beiträge für die Finanzierung des primär als Bedrohung seiner kurfürstlichen Prärogative wahrgenommenen Reichskammergerichts.83 Im Zentrum seines Interesses standen ausschließlich partikulare Angelegenheiten (Nrr. 104112, 425). So beklagte Stein in einem Bericht an seinen Kurfürsten: „Brandenburg, als ich glaub, in achtzig jarn nit cleyner gewicht im Reich gehabt hat“ (Nr. 425, Pkt. 3).

    Für Kursachsen traf das genaue Gegenteil zu: Kurfürst Friedrich hatte sich nach zunächst engen Beziehungen seit 1498 immer mehr vom Reichsoberhaupt distanziert. Nach dem Tod des Mainzer Kurfürsten Berthold von Henneberg im Dezember 1504 ging die Führungsrolle unter den Reichsständen beinahe automatisch auf ihn über.84 Dabei war Friedrich anders als Berthold kein Reformer. Dessen Plänen für eine Umgestaltung der Reichsverfassung war er skeptisch bis ablehnend gegenübergestanden.85 Wichtiger als die ständische Teilhabe an der Regierungsgewalt im Reich erschien ihm die Unabhängigkeit von jeglichen Kontrollinstanzen, etwa durch die gegen die Reichsgerichtsbarkeit betriebene Sicherung seiner kurfürstlichen Gerichtsfreiheit. Konsequent beschränkte er sich deshalb anfänglich auf eine Reichspolitik „des passiven Widerstands“.86 Auf dem Kölner Reichstag von 1505 war die Reforminitiative deshalb wieder an das Reichsoberhaupt zurückgefallen. 1507 in Konstanz hatte sich der im folgenden Jahr verstorbene Mainzer Kurfürst Jakob von Liebenstein ohne umfassende Reformkonzeption lediglich für die Reaktivierung des ReichskammerŠgerichts eingesetzt, während Friedrich einen eher destruktiven Part übernahm87, sich aber immerhin mit der Ernennung zum Reichsstatthalter einverstanden erklärte. Auf dem Mainzer Kurfürsten- und Fürstentag von 1508 nutzte er seine unbestrittene Führungsrolle, um die kaiserlichen Bemühungen um eine Kriegshilfe gegen Venedig auszuhebeln (Nrr. 13, 21, 25). Nachdem das von den Reichsständen großzügig unterstützte Romzugsunternehmen in einem militärischen Fiasko geendet hatte, stellte sich anscheinend nur Kurtrier gegen die Position Kursachsens. Trotz der offenkundigen Verstimmung gegen Friedrich am Kaiserhof, die auch durch plumpe Vertraulichkeiten (Nr. 47, Pkt. 3) nicht zu überdecken war, stand für Worms kein Kurswechsel zu erwarten. Schon seine beinahe demonstrativ langsame Anreise zum Reichstag ungeachtet der kaiserlichen Aufforderungen (Nrr. 61f., 219, 228, 233, 242f., 253), während gleichzeitig die bereits versammelten Stände die Eröffnung der Verhandlungen ohne den Ernestiner ablehnten, bremste die Reichstags-Regie Maximilians buchstäblich aus. Die Möglichkeit zur persönlichen Einflussnahme auf Friedrich oder zur Steuerung der Reichshilfe-Verhandlungen durch die schiere kaiserliche Präsenz wenigstens zu Beginn des Reichstages war damit ausgeschaltet. Auch Bemühungen, Friedrich durch das Angebot der Reichshauptmannschaft oder erneut des Reichsstatthalteramts für die kaiserlichen Ziele einzuspannen, hatten lediglich die Vorführung der ungenügend vorbereiteten kaiserlichen Gesandten in Worms zur Folge (Nrr. 391; 424, Pkt. 4). Unmittelbar danach erklärte das ständische Plenum die Einsetzung eines Statthalters für unnötig (Nr. 275, Pkt. 5). Tatsächlich betrieb Friedrich in Worms erfolgreich die vollständige Destruktion der kaiserlichen Ziele. Er verhinderte die beantragte Kriegshilfe gegen Venedig und unterband auch den Versuch, sich der noch im Reich verbliebenen Jubelablassgelder zu bemächtigen (Nrr. 269f., 284, 287, 362). Seine Maßgabe schien zu lauten, dem Kaiser nicht das Geringste an Hilfsmitteln zukommen zu lassen. Sogar die Lieferung von Salpeter für die kaiserliche Artillerie lehnte der Kurfürst unter fadenscheinigen Gründen ab (Nr. 362, Pkt. 2).

    Diese Konstellation im Kurfürstenrat wog um so schwerer, als die zweite Kurie wegen des überproportional hohen Anteils lediglich durch Gesandte repräsentierter Fürsten geringeres Gewicht als auf früheren Reichstagen besaß. Den regelmäßigen Reichstagsteilnehmern und zuverlässigen Reichssteuerzahlern88 Bischof Georg von Bamberg und Bischof Lorenz von Würzburg darf grundsätzlich kaiser- und reichstreue Politik unterstellt werden. Über ihre konkrete Haltung in Bezug auf den geplanten Venezianerkrieg geben die Quellen allerdings keinen Aufschluss. Der Hochmeister des Deutschen Ordens, FriedŠrich von Sachsen, kam mit dem Anliegen nach Worms, die Unterstützung von Kaiser und Reich in seinem Konflikt mit König Sigismund von Polen um die Anerkennung des zweiten Thorner Friedens (1466) einzufordern (Nrr. 124134). Von sofortiger militärischer Hilfe war noch nicht die Rede, dennoch stand sein Bemühen, die Aufmerksamkeit der Reichsversammlung auf einen zweiten außenpolitischen Brennpunkt zu lenken, im Widerspruch zu den Interessen des Kaisers. Persönlich angereist war auch Pfalzgraf Friedrich. Er befand sich in einem ähnlichen Abhängigkeitsverhältnis zum Kaiser wie sein Bruder Kurfürst Ludwig.89 Pfalzgraf Johann von Simmern hielt sich zwar kurzzeitig in Worms auf, doch überließ der reichspolitisch kaum profilierte Fürst die Verhandlungen seinem Hofmeister Johann von Eltz (Nr. 477, Anm. 7). Der kaiserliche Reichshauptmann Herzog Erich von Braunschweig hielt sich gegen Ende Mai nur drei Tage lang auf dem Reichstag auf. Für die Verhandlungen spielte er demzufolge ebenfalls keine Rolle. Eigentlich hätte er laut den kaiserlichen Planungen bis zum Ende des Reichstages in Worms bleiben sollen, um die Reichstruppen geordnet auf den Weg zu bringen (Nr. 391, Pkt. 3). Herzog Heinrich I. von Braunschweig-Wolfenbüttel, ein weiterer dem Kaiser nahestehender Fürst, traf erst in Worms ein, als mit der Resolution vom 29. Mai die ständische Blockadehaltung gegenüber einer Reichshilfe bereits festgeschrieben war. Seine vorzeitige Abreise am 9. Juni (Nr. 477, Anm. 8), also vor den Schlussverhandlungen über die Reichshilfe, könnte als Indiz für seine Distanzierung von der Marschroute der ständischen Mehrheit gelten. Der bedingungslos kaisertreue Markgraf Friedrich von Brandenburg-Ansbach hielt sich nur bis zum Einzug des Kaisers in Worms auf und ließ sich in der Folge durch Gesandte vertreten. Herzog Ulrich von Württemberg war als Partner der kaiserlichen Reichs- und Reichstagspolitik, trotz seiner Einbindung in den erweiterten habsburgischen Familienverband über die 1498 geschlossene Verlobung mit der kaiserlichen Nichte Sabine von Bayern, mittlerweile verloren. Hatte dieser ebenso selbstbewusste wie gewalttätige Fürst schon auf dem Kölner Reichstag von 1505 Neigungen zum Ausscheren aus dem habsburgischen Klientelverband des Schwäbischen Bundes erkennen lassen90, so knüpfte er während des Wormser Reichstages erfolgreich weiter an seinem eigenen Beziehungsnetz. In Worms wurde die Erneuerung der Einung mit Kurmainz und Brandenburg-Ansbach in Angriff genommen (Nrr. 335339). Und ihm gelang – gegen den erklärten Willen des Kaisers – die vorzeitige Verlängerung der Einung mit den Eidgenossen (Nrr. 161; 403, Pkt. 3). Die Nichterfüllung des Auftrags, für den Feldzug gegen Venedig auf Rechnung des Kaisers fünfzig Reiter anzuwerben, entschuldigte Šer wenig glaubwürdig mit Erfolglosigkeit ungeachtet aller Bemühungen (Nrr. 373; 403, Pkt. 2), während er noch 1508 bereit gewesen war, unter enormen Kosten persönlich am Romzug Maximilians teilzunehmen.91 Nur bei wenigen Fürsten im Reich wird die Enttäuschung über das klägliche Scheitern des Unternehmens größer gewesen sein.

    Österreich war nicht im Fürstenrat vertreten. Dieses weitere Handicap der kaiserlichen Reichstagspolitik war vermutlich weniger der Rücksicht auf den Sessionsstreit mit Magdeburg und Salzburg geschuldet (Nr. 410) als vielmehr der dünnen Personaldecke der kaiserlichen Vertretung. Anstatt der vorgesehenen acht kaiserlichen Räte92 hatten sich lediglich fünf Vertreter eingefunden. Ebenfalls nachteilig aus der Perspektive der Reichsregierung war der Umstand, dass zuverlässige Parteigänger der Habsburger wie Herzog Georg von Sachsen, Landgraf Wilhelm von Hessen und Herzog Wilhelm von Jülich93 nur durch Gesandte vertreten waren. Für Sachsen standen außerdem eigene Anliegen wie die Verteidigung der Exemtionen gegen die Reichsbesteuerung im Vordergrund (Nrr. 154f., 359). Die gemeinsamen politischen Interessen Wilhelms von Jülich mit den Habsburgern kulminierten in der Geldernfrage, die kaiserliche Italienpolitik dürfte er eher als gefährliche Aufspaltung der Kräfte bewertet haben. Auch für Wilhelm war mit der kaiserlichen Verfügung über das weibliche Erbfolgerecht im vereinten Herzogtum Jülich-Berg und in der Grafschaft Ravensberg am 4. Mai94 sein vorrangiges Anliegen erfüllt. Erneut hatte der Kaiser leichtfertig ein reichstagspolitisch nutzbares Druckmittel preisgegeben.

    Erzbischof Leonhard von Salzburg war einmal mehr auf die Konfliktfelder mit Österreich fixiert. Im Übrigen war seine Haltung in Bezug auf die Reichstagsverhandlungen durch die Abwehr jeglicher Belastung seitens Kaiser und Reich gekennzeichnet (Nr. 426).95 Veranschaulicht wird das Desinteresse seiner ŠDelegation durch die Tatsache, dass der Salzburger Schreiber sogar auf die vollständige Anfertigung der Reichshandlung verzichtete, sondern unvermittelt mit den Worten schloss: „Da hueben wir uns davon und zum tor aus“ (Nr. 292, Textkopf). Eher ablehnend gegenüber einer Reichshilfe dürfte sich der erzbischöflich Magdeburger Gesandte geäußert haben. Erzbischof Ernst hatte wahrscheinlich weder die Ungarnhilfe von 1505 noch die Romzughilfe von 1507 bezahlt.96 Seine regelmäßige persönliche Teilnahme an den Reichstagen zwischen 1500 und 151297 war nicht so sehr seinem Interesse an reichspolitischen Themen, sondern dem Vorrangstreit mit Salzburg und Österreich geschuldet. Bischof Wilhelm von Straßburg wies seinen Gesandten Johannes Sigrist an, gegen die Bewilligung einer Reichshilfe zu stimmen (Nr. 427, Pkt. 2).98 Ansonsten nutzte er den Reichstag als Plattform für Verhandlungen in Angelegenheiten seines Hochstifts vor allem mit Kurpfalz (Nrr. 427, Pkt. 1; 428). Bischof Heinrich von Augsburg zählte grundsätzlich zu den Parteigängern des Kaisers99, was er mit einer peniblen Erfüllung der Reichshilfebeschlüsse von 1505 und 1507 unterstrichen hatte.100 Er gehörte wohl zu den ersten Reichsfürsten, die dem Kaiser nach dem Wormser Reichstag einen freiwilligen Beitrag für den Venezianerkrieg anboten (Nr. 484), sodass auch von einer positiven Haltung gegenüber der zuvor geforderten Reichshilfe auszugehen ist. Allerdings stehen hinsichtlich der von seinen Gesandten wie auch von den Vertretern Worms’, Speyers101, Konstanz’, Eichstätts, Freisings, Fuldas und des Deutschmeisters eingenommenen Positionen auf dem Reichstag keine Quellen zur Verfügung. Hinsichtlich der Haltung des von Jülich vertretenen reichsfernen Lüttich werden sich die kaiserlichen Vertreter wohl keine Illusionen gemacht haben.

    Die Reichsstädte standen vermutlich geschlossen gegen die vom Kaiser geforderte Kriegshilfe. Die nach der erneuten Verschiebung nicht mehr geänŠderte Instruktion der Schwäbischen Bundesstädte für den im November 1508 einberufenen Wormser Reichstag ließ grundsätzliche Einwände gegen die zu Recht als überhöht angesehenen Reichshilfen erkennen. Ihre Gesandten sollten deshalb gegen eine neue Bewilligung möglichst lange Widerstand leisten und vor allem auf Berücksichtigung ihrer Beschwerden über die auf den letzten Reichstagen erfahrene Benachteiligung drängen (Nr. 80). Verschärft wurde die Opposition gegen die kaiserlichen Pläne noch durch das Interesse führender Städte, voran Augsburgs und Nürnbergs – Letzterem wurde nach dem Reichstag die Hauptverantwortung für die Verweigerung der Städte angelastet (Nrr. 485, Pkt. 1; 493f.; 495, Pkt. 2; 500)102 –, an der Aufrechterhaltung ihrer Handelsbeziehungen zu Venedig. Die Bemühungen der oberdeutschen Reichsstädte um die Abwendung der drohenden Reichsacht gegen den Dogen im Vorfeld des Reichstages (Nrr. 6677) konnten hinsichtlich ihrer Haltung gegenüber den kaiserlichen Kriegsplänen keinen Zweifel lassen. Auch Venedig, darin bestärkt durch die Einschätzung seiner Korrespondenten, betrachtete die Reichsstädte insgesamt als natürliche Verbündete bei seinen Friedensbemühungen.103 Dass die Gesandten der wichtigsten Städte erst nach der Abreise Maximilians aus Worms dort eintrafen (Nr. 438, Pkt. 1/4), kann kaum zufällig genannt werden. Die Abweichung von der eingeübten Beflissenheit gegenüber dem Reichsoberhaupt war augenfällig. Allerdings verzichteten die Reichsstädte vor dem Reichstag darauf, sich über eine gemeinsame Strategie zu verständigen. Daran änderte auch ihr verbindendes Interesse an der Verbesserung der Situation hinsichtlich Landfrieden und Reichsgerichtsbarkeit (Nrr. 80, Pkt. 1; 90; 170172) nichts. Auf die gemäß dem Speyerer Städteabschied vom September 1507 vorgesehene Einberufung eines Städtetags wurde deshalb verzichtet (Nrr. 8488). Dieses Versäumnis markiert den Beginn einer die Regierungszeit Maximilians I. überdauernden Krise dieser Institution.104 Erst 1522 kam wieder ein Städtetag zustande.

    « Š2.3. Verlauf der Reichstagsverhandlungen »

    Die vollständige Verweigerung der Reichsstände gegenüber der kaiserlichen Hilfsforderung prägte seit dem 16. Jahrhundert in der Historiographie105 das Bild dieses Reichstages und bestimmt es bis heute in der historischen Forschung106. Diese Wahrnehmung hatte der Kaiser selbst noch mit seiner am 26. Juni 1509 in Druck gegangenen Kritik an der Wormser Reichsversammlung und der von der Nachwelt in der Regel geteilten Zurückweisung der ständischen Argumente (Nr. 482) insinuiert. Die Verhandlungen und Ergebnisse des Reichstages in Bezug auf das Reichskammergericht wurden in Unkenntnis der in dieser Edition erstmals vorgelegten Quellen bislang vollkommen übersehen. Lediglich die von Kaiser Maximilian verfügte Verlegung von Regensburg nach Worms wurde verschiedentlich in ihrer Bedeutung als Beginn einer zehnjährigen, beinahe ununterbrochenen Wirkungsperiode des Gerichts gewürdigt.107 Ansonsten war eine eher punktuelle und ausschnitthafte Aufmerksamkeit für den Wormser Reichstag vorwiegend territorialgeschichtlich begründet.108 Eine etwas ausführlichere Darstellung der Verhandlungen als Wegweiser durch den „Reichstagskern“ erscheint deshalb geboten.

    ŠKaiser Maximilian zog am 21. April in vollem Harnisch, begleitet von den vier rheinischen Kurfürsten, Pfalzgraf Friedrich, den Markgrafen Friedrich und Kasimir von Brandenburg-Ansbach, den Gesandten des Papstes, Frankreichs und Spaniens sowie einer Reihe reichsständischer Gesandtschaften in Worms ein. Das reichsstädtische Protokoll gibt die Zahl seines Gefolges wahrscheinlich richtig mit ungefähr 1000 Pferden an.109 Dazu zählte eine vorausreitende Abteilung albanischer Stradioten, „uf ihre weise beinahe durkisch“ wirkend (Nrr. 259, Pkt. 1; 260, Pkt. 1; 438, Pkt. 3). Augenscheinlich wollte der Kaiser damit als eigentliche Zielsetzung des bevorstehenden Krieges symbolisch den Kreuzzug gegen die Türken andeuten110 und den in diesen Tagen durch König Ludwig von Frankreich eröffneten Venezianerkrieg als notwendige Voraussetzung dazu bewertet wissen. Am folgenden Tag ließ er die Stände durch den Reichserbmarschall Joachim von Pappenheim111 in seine Herberge, die bischöfliche Pfalz, bescheiden (Nr. 259, Pkt. 2).112 Über den zeremoniellen Rahmen der Eröffnung des Reichstages, etwa den üblichen Gottesdienst, liegen keinerlei Nachrichten vor. Offenbar fassten die Berichterstatter das Eröffnungsritual bereits als allgemein bekannte und deshalb nicht erwähnenswerte Selbstverständlichkeit auf.

    Auch der vom Kaiser bestellte Redner Matthäus Lang – Maximilian, „der bis dahin wohl redegewandteste deutsche König überhaupt“113, verzichtete Šbezeichnenderweise anders als 1507 in Konstanz114 darauf, selbst das Wort zu ergreifen und sein monarchisches Gewicht auszuspielen – suggerierte den Ständen den Türkenkrieg als eigentliches Ziel des bevorstehenden Unternehmens. Auf dem Weg dorthin sollte der Kaiser gemäß päpstlichem Wunsch Venedig zur Rückgabe der dem Kirchenstaat abgewonnenen Städte veranlassen. Dann stellte Lang allerdings die günstige Gelegenheit zur Rückeroberung auch der dem Reich entzogenen Gebiete in den Mittelpunkt. Dafür sollten die Reichsstände umgehend eine möglichst großzügige einjährige Hilfe bewilligen. Außerdem wurden die Stände angesichts der bevorstehenden längeren Abwesenheit des Kaisers aufgefordert, einen geeigneten Reichsstatthalter zu bestimmen (Nr. 264bzw. 266/II). Die Anwesenden verweigerten nach Beratung in den Kurien115 und erfolgter Relation am nächsten Tag, dem 23. April, unter Hinweis auf ihre geringe Zahl die Aufnahme der Verhandlungen. Man wollte das Eintreffen weiterer Teilnehmer, in erster Linie natürlich Kurfürst Friedrichs von Sachsen, abwarten (Nr. 260, Pkt. 3f.). Der Kaiser insistierte in seiner Erwiderung nicht auf sofortigen Verhandlungen, sondern forderte die Stände lediglich auf, in Worms zu bleiben. Er kündigte seinerseits an, sich für die Kriegsvorbereitungen unverzüglich in die Erblande zu begeben und den Reichstag durch Kommissare führen zu lassen (Nr. 260, Pkt. 5). Noch am gleichen Tag absolvierte er die wichtigsten anstehenden Reichsbelehnungen. Anders als 1505/07 gegenüber dessen Vorgänger Jakob von Liebenstein verzichtete Maximilian beim Mainzer Kurfürsten Uriel von Gemmingen (Nr. 307) darauf, den strittigen Status der Stadt Mainz zu thematisieren. Die Belehnung des neuen Kölner Erzbischofs Philipp von Daun war ohnehin unproblematisch (Nrr. 308310). Bei dieser Gelegenheit empfingen auch die dem Kaiserhof folgenden Bevollmächtigten Bischof Eberhards von Lüttich die Reichsregalien (Nr. 319). Vor ihrer Rückreise übertrugen sie im Gegenzug dem Jülicher Gesandten Friedrich von Brambach die Vollmacht für den Reichstag. Dagegen wurde bekanntlich dem neuen pfälzischen Kurfürsten die erbetene Reichsbelehnung verweigert (Nrr. 260, Pkt. 6; 261, Pkt. 4, 19; 262, Pkt. 16f.; 311–317; 421, Pkt. 9; 463, Pkt. 3; 471, Pkt. 3). Dieser Schritt offenbarte nicht nur das Abhängigkeitsverhältnis der Kurpfalz vom Kaiser, sondern verstärkte es zugleich noch. Ungeachtet der Intervention der noch während des Wormser Reichstages eingeschalteten Mitstände beharrte Maximilian auch wegen des Widerstands der früheren kurpfälzischen Kriegsgegner weiterhin auf seiner Position. Erst das Einverständnis Kurfürst Ludwigs Šzur Nachfolge Karls V. auf dem Kaiserthron wog schwer genug, um Maximilian auf dem Augsburger Reichstag von 1518 schließlich einlenken zu lassen.116

    Vor der Rückkehr einiger kurzfristig abgereister Fürsten, dem Eintreffen weiterer Teilnehmer und der Zustellung der kaiserlichen Reichstagsinstruktionen am 14. Mai geschah in der Folge nichts Wesentliches mehr. Maximilian betraute seine Räte und Kommissare in Worms lediglich mit einigen Vorgängen untergeordneter Bedeutung (Nrr. 259, Pkt. 4/6; 384–388). Die Frankfurter Gesandten mutmaßten außerdem Verhandlungen über Streitigkeiten der Fürsten (Nrr. 439, Pkt. 1/4; 441, Pkt. 1). Zu spät und vergeblich sprachen sich die vorab nicht informierten Kommissare am 5. Mai in Anbetracht des fortbestehenden Streits zwischen Stadtgemeinde und Stiftsklerus sowie der während der ersten Sitzungsperiode (1497–1499) gemachten schlechten Erfahrungen des Gerichtspersonals mit den Wormser Bürgern117 gegen die vom Kaiser bereits verfügte Verlegung des Kammergerichts nach Worms aus und schlugen stattdessen Verhandlungen mit den Reichsständen über Speyer oder Frankfurt als alternative Standorte vor (Nr. 390). Der Kammerrichter Bischof Wiguläus von Passau hatte gemäß kaiserlicher Weisung bereits alle notwendigen Schritte veranlasst (Nr. 65). Am 7. Mai traf das Gerichtspersonal in Worms ein (Nr. 473, Pkt. 6).

    Nach mehr als drei Wochen ereignisloser Untätigkeit vor allem für die reichsstädtischen Gesandten (Nr. 441, Pkt. 1) trugen die kaiserlichen Kommissare den Reichsständen am 16. Mai ihre Instruktionen vor. Die erste Instruktion (Nr. 266) wiederholte den kaiserlichen Vortrag vom 22. April, war allerdings von Maximilian selbst um einige Aspekte erweitert worden: Für die Stände sicherlich uninteressant waren die Erläuterungen zu den Feindseligkeiten mit Frankreich und die gegen Herzog Karl von Egmond erhobenen Vorwürfe wegen dessen angeblicher Vertragsbrüchigkeit. Ebenso wenig relevant dürfte für sie gewesen sein, dass der Kaiser, um den bevorstehenden Bruch des Waffenstillstands von Arco zu rechtfertigen, noch einmal herausstrich, das Bündnis von Cambrai nur auf Drängen des Papstes eingegangen zu sein, und gleichzeitig durch den Vorwurf eines Truppenaufmarsches gegen die erbländischen Grenzen den Verteidigungsfall gegenüber Venedig konstruierte.118 Die zweite Instruktion (Nr. 268) konfrontierte die Stände mit Einzelheiten der Venedighilfe wie die Benennung von Truppenbefehlshabern, die Dauer der Hilfe, die Stellung ausschließlich von Reiterverbänden durch die Reichsfürsten oder die Höhe des Reitersolds Šbei den ständischen Kontingenten, konkretisierte jedoch erstaunlicherweise nicht die Höhe der Forderung – ein schwerwiegender verhandlungstaktischer Fehler. Gleichzeitig regte der Kaiser – veranlasst von seinen Kommissaren in Worms (Nr. 390, Pkt. 2) – Verhandlungen über das Reichskammergericht an, im Einzelnen über eine verbesserte Finanzierung des Gerichts, Vorkehrungen gegen die Präsentation unerfahrener Assessoren, eine Reform der Kanzlei und Maßnahmen zur wirkungsvolleren Umsetzung der Urteile. Außerdem sollte allgemein über den Reichsfrieden und dessen Handhabung sowie das Reichsmünzwesen beraten werden. Schließlich ersuchte der Kaiser um die Stellungnahme der Stände zu einer Supplikation Bischof Jakobs von Cambrai (Nr. 318). Ungleich wichtiger war ihm vermutlich die Einschaltung der Autorität des Reichstages, um sich der noch in den Territorien deponierten Jubelablassgelder zu bemächtigen. Bei dieser den Ständen am 16. Mai präsentierten Fassung handelte es sich nur um einen von den Kommissaren angefertigten Auszug aus ihrer deutlich umfangreicheren Instruktion (Nr. 267). Darin war außerdem vorgesehen, bei den weiteren Verhandlungen über die Reichshilfe wie 1495 den Modus eines vierjährigen Gemeinen Pfennigs anzuregen. Von dem Geld sollten, verglichen mit den heterogenen ständischen Kontingenten, geeignetere Fußtruppen angeworben werden. Damit trug der Kaiser den Erfordernissen der neuen taktischen Infanterie119 Rechnung, doch um den Preis eines möglichen Scheiterns der Verhandlungen. Denn zuletzt auf dem Kölner Reichstag von 1505 hatte die Mehrheit der Stände eine Neuauflage dieses Steuermodells abgelehnt.120 Als Alternative wurde deshalb laut Instruktion auch eine über mehrere Jahre laufende „Beharrliche Hilfe“ erwogen, was aus kaiserlicher Sicht mit dem Vorteil verbunden war, die mit der Abhaltung von Reichstagen verbundenen Kosten zu sparen. Einige Fürsten sollten für den Kaiser auf dessen Rechnung Reiterkontingente anwerben. Daneben erhielten die Kommissare die Befugnis, gegebenenfalls unter Hinzuziehung der Reichsstände über die Streitsachen und Anliegen der vom Kaiser nach Worms zitierten Parteien zu verhandeln und zu entscheiden. Dieser Schritt entsprach eigentlich der üblichen taktischen Planung für die maximilianeischen Reichstage, in diesem Fall reagierte der Kaiser jedoch erst auf eine entsprechende Aufforderung seiner Vertreter (Nr. 389). Erst nach erfolgter Bewilligung der Reichshilfe sollten die Kommissare vorsorglich einen Protest bezüglich der Stände, die von den Erzherzögen von Österreich der Reichsbesteuerung entzogen worden waren, einlegen. Aufgrund des weiteren Verhandlungsverlaufs wurden allerdings sowohl Verhandlungen über den Modus der Reichshilfe als auch der vorgesehene Protest obsolet.

    Ohnehin ruhten die Verhandlungen bis zum Eintreffen Kurfürst Friedrichs von Sachsen am 21. Mai erneut. Schon sein Empfang durch die vornehmsten Šanwesenden Fürsten, verbunden mit einem einstündigen Einzug nach Worms (Nrr. 261, Pkt. 9; 473, Pkt. 8), seit der Abreise des Kaisers bis zum Ende des Reichstages der einzige nennenswerte zeremonielle Höhepunkt, machte dessen Ausnahmestellung augenfällig. Bereits tags darauf bildeten die Stände einen interkurialen Ausschuss zur Beratung über die beiden vorgelegten Instruktionen. Er setzte sich aus Räten der sechs Kurfürsten, je vier geistlicher (Bamberg, Würzburg, Straßburg, Deutschmeister) und weltlicher (Bayern, Brandenburg-Ansbach, Württemberg, Hessen) Vertreter des Fürstenrats sowie zweier Städte (Ulm, Frankfurt)121 zusammen (Nrr. 259, Pkt. 8; 260, Pkt. 10; 261, Pkt. 10; 262, Pkt. 1). Dieser Ausschuss war auch in der Folge mit der Ausarbeitung aller Vorlagen für die Reichshilfeverhandlungen beauftragt (z. B. 260, Pkt. 15; 261, Pkt. 20; 262, Pkt. 18). Da das Plenum seiner Generallinie folgte, war er maßgeblich verantwortlich für das Scheitern der kaiserlichen Ziele auf dem Reichstag.

    Maximilian I. initiierte einstweilen eine neue Informationskampagne: Am 14. Mai sandte er die gedruckte Bannbulle gegen Venedig122 und an die Kurfürsten adressierte päpstliche Schreiben (Nr. 272) nach Worms (Nr. 393). Julius II. betonte darin noch einmal die Notwendigkeit, die Einheit der Christenheit als Voraussetzung für den von ihm angestrebten Türkenkreuzzug herzustellen. Zu diesem Zweck sollten die Reichsstände den Kaiser bei der Beendigung der venezianischen Aggression gegen den Kirchenstaat unterstützen. Gleichzeitig instruierte Maximilian seine Kommissare, mit den Ständen über Mandate zur Aushändigung der im Reich eingesammelten Jubelablassgelder an die mit deren Abwicklung betrauten Fugger zu verhandeln (Nr. 394). Mit Schreiben vom 19. Mai informierte er den Reichstag über den französischen Sieg bei Agnadello (Nr. 399). Anscheinend ging er davon aus, dass die Nachricht das Verhandlungsklima günstig beeinflussen würde. Denn wiederum am gleichen Tag entsandte er zur Entlastung der Kommissare Ernst von Welden als Sondergesandten nach Worms, um mit den Reichsständen über die Jubelablassgelder zu verhandeln (Nr. 269). Doch die wenigen vorliegenden Nachrichten über die Reaktion der Reichsstände auf die Nachricht vom Sieg des französischen Verbündeten spiegeln eher Ungläubigkeit in Bezug auf deren Wahrheitsgehalt (Nrr. 401, Pkt. 2; 403, Pkt. 3) und Skepsis bezüglich der Folgen für das Reich (Nr. 427, Pkt. 2) wider. Die Teilnehmer am Konstanzer Reichstag von 1507 mochten sich an die düsteren Prognosen Maximilians hinsichtlich einer französischen Dominanz in Oberitalien mit der daraus resultierenden Kontrolle des Papsttums durch Frankreich und dem Verlust der Kaiserwürde für das Reich123 Šerinnern. Auch die am gleichen Tag, dem 22. Mai, übergebenen päpstlichen Breven und die vorgelegte Bannbulle zeigten keinerlei Wirkung. Die propagandistische Unterstützung durch den „Kriegerpapst“ Julius erschien unglaubwürdig.124 Die äußeren Umstände waren ebenfalls ungünstig. Die Versammelten mussten die Session stehend absolvieren, da im Fürstenrat nach dem Tod Herzog Albrechts von Bayern die Vorrangstreitigkeiten zwischen den Häusern Sachsen und Bayern wieder aufgeflammt waren (Nrr. 262, Pkt. 1, 410; 263, Pkt. 4–10; 400, Pkt. 1).

    Die Arbeit des interkurialen Ausschusses wurde von dem Sessionsstreit allerdings nicht tangiert. Dessen Verhandlungen am 23. und 24. Mai waren geprägt von scharfen Auseinandersetzungen zwischen Befürwortern – von denen allerdings nur Hessen eindeutig zu identifizieren ist (Nr. 483) – und Gegnern einer Reichshilfe. Die dem Gremium angehörenden Räte verpflichteten sich eidlich zu absoluter Geheimhaltung (Nrr. 261, Pkt. 13; 453). Diese Maßnahme zielte zweifellos in erster Linie auf die Unterbrechung der Kommunikation zwischen dem Brandenburg-Ansbacher Vertreter Theobald von Heimkofen und dem kaiserlichen Stellvertreter Markgraf Kasimir. Am 27. Mai gelangte der Resolutionsentwurf des Ausschusses (Nr. 275/II) in das Plenum. Die Gegner des Kaisers hatten sich weitgehend durchgesetzt: Sie verweigerten ihre Zustimmung zu den ihnen in den Details nicht bekannten Verträgen von Cambrai wegen möglicher nachteiliger Konsequenzen für das Reich. Explizit genannt wurde die durch die französische Besetzung in Frage gestellte Reichszugehörigkeit des Herzogtums Mailand. Zugleich formulierten sie die Einbeziehung der Reichsstände in den außenpolitischen Entscheidungsprozess als notwendige Voraussetzung für die Bewilligung von Reichshilfen. Ohnehin sahen man sich schon aus ökonomischen Gründen zur Leistung einer Hilfe außerstande. Die kaiserlichen Parteigänger im Ausschuss hatten allerdings für die weiteren Verhandlungen eine alternative Strategie vorbereitet. Ungeachtet der Zweifel am Nutzen einer solchen Bewilligung wollte man sich mit Rücksicht auf Kaiser und Papst in Verhandlungen über eine begrenzte Hilfsforderung einlassen (Nr. 275, App. r). Doch das Plenum einigte sich in nur zweitägigen Beratungen – den hinderlichen Sessionsstreit zwischen Albertinern und Wittelsbachern konnte Kurfürst Friedrich der Weise am 28. Mai für die Dauer des Reichstages beilegen125 – auf die Streichung dieses Passus. Auf Drängen Kursachsens wurde sogar die vorgesehene Bitte um Verzicht auf die Reichshilfe getilgt, da sie als implizites Eingeständnis der ŠBerechtigung dieser Forderung hätte ausgelegt werden können.126 Auch sonst zeigten die Stände keinerlei Entgegenkommen: Die vorgeschlagene Wiederbesetzung des Reichsstatthalteramts wurde als unnötig erachtet. Das Plenum distanzierte sich sogar von dem im Entwurf vorgesehenen Angebot, bei Bedarf zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal über diesen Punkt zu verhandeln. Damit war zugleich das Scheitern der von den Kommissaren parallel geführten Verhandlungen mit dem hinhaltend taktierenden sächsischen Kurfürsten sowie mit den Herzögen Erich und Heinrich von Braunschweig (Nrr. 391; 405; 406, Pkt. 2; 407; 424, Pkt. 4) besiegelt. Hinsichtlich des Kammergerichts begnügten sich die Stände mit einer unverbindlichen, offenkundig auch für Kursachsen, Kurbrandenburg und Sachsen tragbaren Erklärung zu dessen weiterer Finanzierung und erklärten zugleich ihre Unkenntnis bezüglich etwaiger Missstände. Eine Stellungnahme zum Reichslandfrieden und dessen Handhabung fehlt. Lediglich zu Verhandlungen über das Münzwesen auf der Basis der kurrheinischen Goldmünzordnung von 1490127 fanden sich die Stände bereit. Beratungen über die Supplikation Bischof Jakobs von Cambrai sollten nach Anhörung des Antragstellers und der mitbetroffenen Stadt Cambrai erst auf dem nächsten Reichstag stattfinden. Die erbetenen Mandate an einzelne Reichsstände zur Aushändigung der Jubelablassgelder wurden, ohne Angabe von Gründen, konsequenterweise ebenfalls verweigert. Diese – einhellig verabschiedete (Nrr. 260, Pkt. 12; 263, Pkt. 13) – Antwort sollte am Nachmittag des 29. Mai den kaiserlichen Vertretern übergeben werden. Kursachsen hatte sich auf der ganzen Linie durchgesetzt. Der Hochmeister des Deutschen Ordens, Friedrich von Sachsen, erkannte eine günstige Gelegenheit, um am Vormittag seinen Antrag auf Beistand des Reiches gegen Polen zu stellen (Nrr. 261, Pkt. 17; 297). Vermutlich ging er davon aus, dass die Verweigerung gegenüber dem Kaiser sich in einer großzügigeren Hilfsbereitschaft der Stände gegenüber seinem Orden niederschlagen könnte. Die Betrauung eines eigenen Ausschusses mit seinem Anliegen128 konnte der Hochmeister jedenfalls als Erfolg verbuchen.129

    Trotz gegenteiliger Beteuerungen (Nrr. 276, Pkt. 1; 414, Pkt. 1) stellte der abschlägige Bescheid der Stände auf die kaiserliche Reichshilfeforderung für die Kommissare keine völlige Überraschung dar. Maximilian selbst hatte, wie gezeigt, vor dem Reichstag durchaus mit einem Misserfolg gerechnet. Seine Stellvertreter verfügten zweifellos über Informanten unter den Reichsständen. BeŠreits mit Schreiben vom 27. Mai hatten sie ihren Dienstherrn um Anweisungen bei einer Ablehnung der kaiserlichen Hilfsforderung gebeten (Nr. 408, Pkt. 2). Als dieser Fall zwei Tage später eintrat, informierten sie unverzüglich den Kaiser (Nr. 409). Während die Kommissare auf dessen Erwiderung warteten, hielten sie den Ständen am 31. Mai die nachteiligen Folgen ihres Beschlusses vor Augen und baten um dessen Revision. In erster Linie ging es ihnen aber darum, die Teilnehmer bis zum Eintreffen der kaiserlichen Stellungnahme zum Bleiben zu bewegen (Nr. 276). Geschickt platzierten Kurfürst Ludwig von der Pfalz und sein Bruder Friedrich in dieser spannungsvollen Verhandlungspause ihre Bitte um Fürsprache beim Kaiser wegen der verweigerten Reichsbelehnung (Nr. 314). Die um ihre territorialen Gewinne fürchtenden ehemaligen Verbündeten Maximilians im Landshuter Erbfolgekrieg antworteten umgehend mit einer Supplikation an die Reichstags-Kommissare (Nr. 315). Der Reichsrat betraute daraufhin den Großen Ausschuss mit der Ausarbeitung einer Stellungnahme zu dieser prekären Angelegenheit (Nrr. 261, Pkt. 19; 262, Pkt. 18).

    Überraschenderweise blieben die Stände in der Reichshilfefrage nicht untätig, sondern bereiteten anscheinend auf Initiative Kursachsens (Nr. 227) eine weitere Rechtfertigung ihrer Position vor. Vermutlich wollte Friedrich der Weise die Dynamik der Entwicklung nutzen, um die keineswegs wirkungslose Einflussnahme der kaiserlichen Räte auf einzelne Stände – so distanzierte sich eine Reihe kaisernaher Reichsgrafen und -herren von der Mehrheitsmeinung (Nr. 414, Pkt. 1/3) – zu konterkarieren. Bereits am 2. Juni lag ein Memorandum des Großen Ausschusses vor (Nr. 278), das noch einmal die Legitimität der eingenommenen Verweigerungshaltung begründete: mit der unterbliebenen Konsultation der Reichsstände vor dem Abschluss der Verträge von Cambrai, mit der fehlenden Kenntnis vom Inhalt dieser Verträge und der damit einhergehenden Unmöglichkeit, deren Konsequenzen für das Reich zu kalkulieren, mit der aufgrund früherer Erfahrungen absehbaren Nutzlosigkeit, wenn nicht Schädlichkeit der geforderten Reichshilfe – dahinter verbarg sich das Unbehagen am Angriffsziel Venedig –, mit der direkten oder indirekten Stärkung der französischen Position in Oberitalien zum voraussichtlichen Nachteil des Reiches, mit der Übereiltheit der kaiserlichen Hilfsforderung und schließlich mit der finanziellen Überlastung der Stände durch die nutzlosen Reichshilfen der letzten beiden Reichstage in Köln und Konstanz. Bei den erneuten Beratungen hatte sich im Ausschuss außerdem die Einsicht durchgesetzt, dass ein Einverständnis zu Verhandlungen über eine kleine Reichshilfe den Kaiser und seine Kommissare eher verärgern würde. Vielmehr hätte ein kleinlautes Abweichen von der ersten ständischen Resolution nachteilige Konsequenzen für das Ansehen der Reichsstände beim Kaiser. Das Plenum folgte in seiner Erklärung vom 3. Juni (Nr. 279) dieser Linie: Die Reichsstände bekundeten ihre Verwunderung angesichts der von den Kommissaren geäußerten Enttäuschung über ihren Beschluss und betonten noch einmal ihre finanzielle Erschöpfung. Sie ergänzten den Entwurf außerdem dahingehend, dass die Bewilligung einer ŠHilfe als nachträgliche Zustimmung zum Vertragswerk von Cambrai ausgelegt werden könnte. Sie erkannten darin überdies einen Bruch mit den Verhandlungsergebnissen des Konstanzer Reichstages, wo die Stände Verhandlungen mit König Ludwig von Frankreich über das von diesem besetzte Herzogtum Mailand gefordert hatten. Damit verstießen die Stände ausnahmsweise gegen die Gepflogenheit, auf eine Kommentierung der kaiserlichen Politik zu verzichten.130 Sie zeigten sich zuversichtlich, dass der Papst ihre Haltung in Würdigung aller Umstände billigen würde, zumal der angeregte Türkenkreuzzug ihres Erachtens vorherige Beratungen der europäischen Mächte und eine umfassende Finanzierung erforderte, an der man sich gegebenenfalls beteiligen wollte. Wohl um die Wartezeit auf die kaiserliche Stellungnahme nicht ungenutzt zu lassen und den Reichstag nicht vollständig zum Scheitern zu bringen, regten die Stände unter Bezugnahme auf die Instruktion der Kommissare gleichzeitig Verhandlungen über Kammergericht, Landfrieden und Münzwesen an. Dagegen lehnten sie es erneut ab, die vom Kaiser erbetenen Mandate zur Aushändigung der Jubelablassgelder an die Fugger auszustellen (Nr. 284).

    Die Erwiderung der Kommissare vom 5. Juni ließ deren gereizte Stimmung angesichts der ständischen Totalverweigerung deutlich erkennen. Sie sahen die Verantwortlichen für die Kritik am Kaiser verpflichtet, sich die Konfrontation mit dessen Reaktion gefallen zu lassen. Gleichzeitig zeigten sie sich aber einverstanden, bis dahin über die vorgeschlagenen Themen zu beraten (Nr. 280). Die Stände bestritten noch am gleichen Tag in einer knappen Erklärung die von den Kommissaren unterstellte Verantwortlichkeit Einzelner und erklärten ihr Recht auf Abreise vom Reichstag, erneuerten aber zugleich ihr Verhandlungsangebot bezüglich des Kammergerichts und der übrigen Themen (Nr. 281). Die Kommissare forderten ihrerseits die Stände nachdrücklich auf, in Worms zu bleiben (Nr. 282). Zwar beharrten diese auf ihrer vorherigen Resolution (Nr. 283), dennoch reiste bis zum Eintreffen der kaiserlichen Erklärung (Nr. 411) am 7. Juni kein weiterer Teilnehmer vom Reichstag ab. Formal als Schreiben an seine Kommissare gehalten, kritisierte der Kaiser darin die kleinmütige Haltung der Reichsstände angesichts einer einmaligen Chance für seine Italienpolitik hart. Er machte, natürlich ohne Namen zu nennen, seine Neider für die Verweigerung verantwortlich.131 Das Argument der finanziellen Erschöpfung erklärte er für unglaubwürdig. Hatten doch die Stände selbst in Konstanz Zusagen für eine eventuelle weitere Hilfe im Bedarfsfall gemacht – was im Übrigen keineswegs zutrifft –, nur diese dann nicht erfüllt. Der Kaiser kreidete den Ständen an, mit ihren unzureichenden Reichshilfen weiterreichende Erfolge verhindert zu haben, während seine Erbländer unter hohen Kosten den Schutz des Reiches nach außen übernommen hatten. Seine Mailandpolitik sah er im Einklang mit den ständischen Empfehlungen auf mehreren Reichstagen. Nach eigenem ŠBekunden hatte er ungeachtet der dadurch verursachten Verzögerungen die Stände in jeder Phase seiner Politik durchaus konsultiert. Den Vorwurf der Eigenmächtigkeit wies er deshalb zurück. Der Kaiser forderte die Stände nachdrücklich auf, ihre Entscheidung auch in Rücksicht auf den Papst zu revidieren. Eventuelle negative Konsequenzen für das Reich im Falle einer weiteren Verweigerung lastete er vorsorglich ihnen an. Auf eine Stellungnahme zu anderen Verhandlungsmaterien wurde aufgrund des Zeitdrucks verzichtet. Am gleichen Tag ging den Ständen eine Nachricht über die militärischen Fortschritte der Franzosen in der venezianischen Terraferma (Nr. 404) zu.

    Angesichts der Verärgerung des Kaisers wagte der Ausschuss keine eigene Entscheidung mehr, sondern stellte das Plenum vor die grundsätzliche Entscheidung, am bisherigen Kurs festzuhalten oder einzulenken (Nr. 285). Über die zu treffende Wahl bestand indessen kein nach außen sichtbarer Zweifel. Bereits in ihrem Bericht vom 5. Juni hatten die Kommissare gegenüber Maximilian einräumen müssen, dass ihre Separatverhandlungen mit einzelnen Reichsständen über ein längeres Verbleiben auf dem Reichstag erfolglos verlaufen waren (Nr. 415). Tatsächlich zeigten sich die Reichsstände von der kaiserlichen Erklärung unbeeindruckt. Ein bezeichnenderweise nur in der kursächsischen Überlieferung enthaltener Entwurf (Nr. 286) kehrte nicht ohne Sarkasmus das Argument, dass die Vorwürfe gegen den Kaiser diesen persönlich beträfen, um, indem die Fortsetzung der Reichshilfe-Verhandlungen mit dessen Stellvertretern abgelehnt und gleichzeitig die Abreise der Stände angekündigt wurde. Die am folgenden Tag, dem 9. Juni, tatsächlich übergebene Erklärung war im Ton deutlich verbindlicher gehalten, änderte in der Sache aber nichts daran, dass eine ständische Majorität unbeirrt auf ihrer Position verharrte (Nr. 288). Wie groß diese Mehrheit war, ist nicht ganz klar. Der kursächsische Gesandte Friedrich von Thun deutete nach dem Reichstag gegenüber Landgraf Wilhelm von Hessen an, dass die Mehrzahl der Stände gegen eine Venedighilfe gewesen sei, räumte aber offen ein, dass Kurfürst Friedrich abweichende Voten zu unterbinden suchte132 – dies offensichtlich erfolgreich.

    Die Kommissare kündigten postwendend die unverzügliche Übersendung der ständischen Erklärung an den Kaiser an, bekundeten aber gleichzeitig ihre Bereitschaft, über ein etwaiges besseres Angebot der Stände weiterzuverhandeln (Nr. 289). Damit unternahmen sie einen letzten vergeblichen Versuch, die hinter der geschlossenen Front der ständischen Resolutionen festgestellten Verwerfungen auszunutzen (Nr. 417, Pkt. 1). Die ständische Gesamtheit zeigte sich am 10. Juni von der angedrohten Störung des Verhältnisses zum Kaiser Šunbeeindruckt. Eine Fortsetzung der Verhandlungen erklärte man für unnötig (Nr. 290). Die Kommissare mussten sich in ihr Scheitern fügen. Ihnen blieb nur, jegliches Verschulden ihrerseits zurückzuweisen. Gleichzeitig unternahmen sie noch einen Sondierungsversuch hinsichtlich der Einhelligkeit bzw. der Verantwortlichkeit bezüglich der ständischen Position133 (Nr. 291). Doch ließen sich die Stände nicht auseinanderdividieren, die zumindest nach außen demonstrierte Einheitsfront hielt (Nr. 292). Die Kommissare übersandten die an diesem Tag ausgetauschten Resolutionen kommentarlos dem Kaiser (Nr. 417, Pkt. 1). Nun reiste auch der Sondergesandte Ernst von Welden ab, nachdem die Stände ihm tags zuvor in Sachen Jubelablassgeld noch einmal die kalte Schulter gezeigt hatten (Nr. 287). Als Erfolg konnten die kaiserlichen Vertreter lediglich die Beilegung der Streitigkeiten zwischen der Stadt Worms und dem Stiftsklerus durch Erzbischof Jakob von Trier und Kurfürst Friedrich von Sachsen (Nrr. 329; 473, Pkt. 9; 564f.) vermelden. Damit war ein wichtiges Hindernis für eine störungsfreie Tätigkeit des Reichskammergerichts in Worms beseitigt. Immerhin hatte das Gericht in dem von den Herren von der Leiter anhängig gemachten Verfahren Venedig noch während des Reichstages, am 13. Juni, in die vom Kaiser gewünschte (Nr. 271, Pkt. 21) Reichsacht erklärt (Nrr. 301f.). Eine Einbeziehung der Reichsstände in diese Entscheidung ist nirgends erkennbar.134 Die erhoffte positive Wirkung im Sinne der kaiserlichen Venedigpolitik ging davon nicht aus.

    Anders als der Kaiser zeigte sich der Hochmeister des Deutschen Ordens, Friedrich von Sachsen, mit dem Ergebnis des Reichstages zufrieden. Stände und Kommissare hatten sich zur Beilegung des Konflikts mit Polen sehr rasch auf eine Vermittlungsinitiative des Kaisers und der Reichsstände gemeinsam mit dem Papst und Ungarn geeinigt. Sollte König Sigismund nicht einlenken, wurden für die nächste Reichsversammlung weitere Beratungen anberaumt (Nrr. 292, Pkt. 3; 298300).

    Ein Großteil der Reichsfürsten reiste an den folgenden beiden Tagen, dem 11. und 12. Juni (Nrr. 418, Pkt. 1; 477, Anm. 1, 2, 4, 5, 9, 14, 15), ab und überließ, wie zuvor verabredet135, die nur noch bis zum 16. Juni dauernden, dabei überaus produktiven Schlussverhandlungen einigen deputierten Räten (Kurmainz, ŠKurköln, Kurpfalz136; Speyer, Freising, Bayern, Hessen, Württemberg; Städte Köln und Worms; Nr. 418, Pkt. 3). Von den kaiserlichen Vertretern waren in der Schlussphase noch Nassau, Fraunberg, Vergenhans und ihr Sekretär Storch anwesend. Mit eine Voraussetzung für den Erfolg der Verhandlungen über das Reichskammergericht bildete das Fernbleiben Kursachsens, Kurbrandenburgs und Sachsens (Nrr. 418, Pkt. 5; 502), die sich mit Protesten gegen Eingriffe in ihre landesherrliche Jurisdiktion und gegen die Eintreibungspraxis beim Kammerzieler begnügten (Nrr. 357361). Sie sahen aufgrund der Nichtanerkennung ihrer Exemtionen durch das Kammergericht und den kaiserlichen Fiskal die Geschlossenheit ihrer Territorien in Frage gestellt. Die quasi auf einen Rätetag reduzierte Reichsversammlung fungierte an den letzten Verhandlungstagen zugleich als eine Art außerordentlicher Visitationstag, nachdem die für die Osterwoche vorgesehene reguläre Versammlung (Nr. 154) ausgefallen war. Die Vertreter des Kammergerichts legten ihre Abrechnung für den Zeitraum seit Ende 1507 sowie eine Aufstellung bestehender Missstände vor, worüber die kaiserlichen Stellvertreter gemeinsam mit den ständischen Deputierten berieten (Nrr. 293295). Ihre Ergebnisse wurden entweder dem Kammergericht direkt zugestellt oder flossen in den Abschied (Nr. 303) ein: Graf Adolf von Nassau selbst übernahm das Kammerrichteramt. Ihm wird man eine maßgebliche Rolle bei den Schlussverhandlungen über das Kammergericht zuschreiben können.137 Die vakanten Beisitzerstellen wurden besetzt. Die vom Kaiser angeordnete Verlegung des Gerichts nach Worms wurde bestätigt, diesem aber zugleich die Kompetenz zugebilligt, bei einer möglichen Gefährdung des Betriebs durch die Streitigkeiten zwischen Stadtgemeinde, Bischof und Stiftsklerus eigenverantwortlich den Umzug nach Frankfurt zu organisieren. Während der Wormser Unruhen übersiedelte das Gericht tatsächlich von November 1513 bis März 1514 vorübergehend in das sichere Speyer.138 Der Kammerrichter wurde beauftragt, die Wiedereröffnung des Gerichts im Reich bekannt zu machen. Zur Kostendeckung wurde ein weiterer Anschlag in Höhe der 1507 auf dem Konstanzer Reichstag und im folgenden Jahr durch den Regensburger Visitationstag verabschiedeten Matrikelsteuer von nominal 11 556 Gulden beschlossen. Außerdem sollten die Ausstände dieser beiden Anschläge sowie – zur Deckung noch offener Soldforderungen unter anderem Nassaus – die Restanten des Augsburger Anschlags von 1500 eingetrieben werden. Was die festgestellten Missstände im Verfahrensablauf am Gericht angeht, griffen die Deputierten nur vorsichtig ein. Im Wesentlichen mahnten sie eine bessere Umsetzung der Šgültigen Bestimmungen an. Zum Münzwesen wurden mangels Sachkompetenz der Beteiligten im Detail keine Beschlüsse gefasst, sieht man einmal von der projektierten Verlegung der Basler Reichsmünzstätte nach Straßburg ab. Dafür war der zum 3. September nach Frankfurt anberaumte Münztag vorgesehen (Nrr. 305f.).

    Der vom 16. Juni datierende Wormser Abschied wurde weder in einem zeitgenössischen Druck publiziert noch später in irgendeiner Form von der Reichspublizistik beachtet. Lediglich in der reichsstädtischen Registratur wird erwähnt, dass aufgrund der Reichshilfeverweigerung „kain rechtmessiger oder gewonlicher, sonder allain ain kurzer abschied verzaichnusweyse“ zustandekam (Nr. 476, Pkt. 5). Diese Einschränkung rekurriert auf das Fehlen von für Reichsabschiede zu Beginn des 16. Jahrhunderts bereits signifikanten Textelementen wie der Publikations- und der Verpflichtungsformel, der Subskriptionsliste und der Corroboratio.139 Dadurch war es bereits selbst sachverständigen Zeitgenossen erschwert, das Schriftstück als Reichsabschied zu identifizieren, wie auch der Gebrauch der unverbindlichen Überschrift „Das camergericht belangende“ erkennen lässt.140 Da der Abschied ausschließlich von bevollmächtigten Räten erstellt wurde, lag seine Ratifizierung durch den Kaiser und die Augsburger Reichsversammlung von 1510 nahe, aber nichts dergleichen geschah. Vielmehr traten die darin zusammengefassten Beschlüsse ohne weiteres in Kraft, was allein dazu berechtigt, ihn trotz seiner formalen Defizite als vollgültigen Reichsabschied zu klassifizieren.141 Der projektierte Reichsmünztag trat im September zusammen. Das Reichskammergericht begann im Anschluss an den Reichstag mit der Eintreibung des dort beschlossenen Anschlags und der festgestellten Ausstände. Selbst Details wie die Erhöhung des Solds der beiden hochadeligen Assessoren um 100 Gulden wurden penibel realisiert.142 Dies gilt allerdings auch für nicht in den Abschied eingeflossene Beschlüsse der Deputierten. Sie beauftragten Uriel von Mainz mit der Auswahl einer Šgeeigneten Person als reichsständischen Teilnehmer an der gemeinsam mit dem Kaiser durchzuführenden Gesandtschaft zu König Sigismund von Polen. Um die Umsetzung der von den Deputierten beschlossenen Finanzierung bemühte sich ebenfalls der Mainzer Erzbischof (Nr. 526). Aller Wahrscheinlichkeit nach verfassten sie auch namens der Reichsversammlung die vorgesehenen Schreiben an die als weitere Vermittler vorgesehenen Papst Julius II. und König Wladislaw von Ungarn-Böhmen.143 Über keinen dieser vermutlich nur dem Mainzer Kurfürsten und Reichskanzler mitgeteilten Beschlüsse liegen schriftliche Unterlagen vor. Die Hochmeister Friedrich von Sachsen in Worms zugesagte Gesandtschaft von Kaiser und Reich zu König Sigmund von Polen wurde durchgeführt. Auf einem Tag in Posen fanden im Juli 1510 die vom Wormser Reichstag projektierten Vermittlungsverhandlungen statt.144

    Auf die Bedeutung der Wormser Reichstages in der territorialgeschichtlichen Perspektive wurde bereits hingewiesen. Kaiser Maximilian hatte eine Vielzahl ständischer Angelegenheiten auf den Reichstag verwiesen und aufgrund seiner Abwesenheit weitgehend seine Kommissare mit deren Erledigung betraut (Nrr. 259, Pkt. 4, 6, 12f., 1619, 22; 267). Deren Erfolgsquote war allerdings gering. In keinem einzigen der wichtigeren Vorgänge gelang die Beilegung des Konflikts.145 Lediglich in einigen untergeordneten Fällen führten die Vermittlungsverhandlungen zu einem Ergebnis (z. B. Aachener Bürger gegen Stadt Aachen; Nrr. 167f.; 259, Pkt. 17). Die Sachlage war ausnahmslos juristisch kompliziert, fallweise auch politisch heikel, der Verständigungswille auf beiden Seiten in der Regel begrenzt, doch in Abwesenheit der personifizierten kaiserlichen Autorität waren die Kommissare ohnehin von vornherein zum Scheitern verurteilt. Etliche Parteien waren gar nicht erst in Worms erschienen oder reisten gleich wieder ab (z. B. Nrr. 259, Pkt. 6, 16; 413; 417, Pkt. 5). In der Frage des Kölner Stapelrechts etwa wagten die Kommissare trotz ihrer Beauftragung durch den Kaiser keine eigene Schritte (Nrr. 259, Pkt. 19; 267, Pkt. 17; 454, Pkt. 4; 456, Pkt. 2). Lag keine explizite Weisung vor oder war der Rahmen ihres Auftrags ausgeschöpft, verwiesen sie die Petenten anscheinend ausnahmslos an das Reichsoberhaupt (z. B. Nr. 421, Pkt. 3, 4, 6). Bezeichnenderweise wandten sich Regensburg und Bayern in ihrem Konflikt direkt an den auf dem Weg nach Süden befindlichen Kaiser.146 Herzog Wilhelm und seine Vormünder sahen Šihre Anstrengungen allerdings nicht belohnt, was vermutlich auch damit zu tun hatte, dass sie ihrerseits allen kaiserlichen Vorstellungen sowohl auf dem Reichstag in Worms als auch bei den bilateralen Verhandlungen in Kaufbeuren eher reserviert gegenüberstanden. Die kaiserliche Entscheidung favorisierte somit eher Regensburg (Nrr. 145; 324; 431; 434, Pkt. 2). Abgesehen von den ihnen aufgetragenen Vermittlungsbemühungen versuchten die Kommissare in Einzelfällen, durch Mandate für die äußere und innere Sicherheit im Reich zu sorgen (Nrr. 327, 379). Große Wirksamkeit wird man diesen Maßnahmen allerdings nicht unterstellen können.

    Auffällig groß für eine maximilianeische Reichsversammlung, jedoch vermutlich signifikant für einen Kommissar-Reichstag war eine zweite Gruppe territorialer Angelegenheiten, die von ständischen Vermittlern betreut oder in informellen Gesprächsrunden behandelt wurde – und dies insgesamt überraschend erfolgreich. Um nur die reichstags- und reichsgeschichtlich wichtigeren Fälle herauszugreifen: Kurfürst Friedrich von Sachsen gelang es, durch pragmatische Anwendung des Senioratsprinzips den Sessionsstreit zwischen den Häusern Sachsen und Bayern für die Dauer des Reichstages stillzulegen (Nr. 320). Gemeinsam mit Erzbischof Jakob von Trier vermittelte er einen tragfähigen Kompromiss zwischen der Stadt Worms und dem in ihren Mauern ansässigen Stiftsklerus (Nr. 329). Die Lösung der für die Friedenswahrung in Süddeutschland hochbrisanten Hinterlassenschaft des Bayerischen Erbfolgestreits, nämlich die genaue territoriale Abgrenzung des mit dem Kölner Spruch von 1505 neugeschaffenen Fürstentums Pfalz-Neuburg, wurde in ausschließlich mündlich geführten Verhandlungen ohne Aktenniederschlag während des Wormser Reichstages vorbereitet (Nr. 559). Ebenso einigten sich die ursprünglich von Kaiser Maximilian in ihrem Konflikt um Streitberg nach Worms geladenen Parteien Bamberg und Brandenburg-Ansbach in einer bilateralen Vereinbarung auf gütliche Verhandlungen im Anschluss an den Reichstag (Nr. 321).

    Ungewöhnlich hoch ist auf diesem kaiserlosen Reichstag auch die Zahl der von den Reichsständen betriebenen sonstigen partikularen Angelegenheiten. Dies hing auch, aber nicht nur mit der mehr als dreiwöchigen Wartezeit zwischen der Abreise des Kaisers aus Worms und der Aufnahme der Sachverhandlungen zusammen. Auf einem Reichstag ohne glanzvolle Höhepunkte – nirgends ist die Abhaltung von größeren Festlichkeiten, Tanzveranstaltungen, Turnieren oder auch nur eines Preisschießens vermerkt – waren die Stände in kleinerer Runde stärker als sonst aufeinander bezogen.147 Die Kurfürsten Šbzw. die rheinischen Kurfürsten waren noch mehr als auf anderen Reichstagen als Gruppe erkennbar. Während des Reichstages wurden die 1508 neu zur Regierung gelangten Kurfürsten von Mainz, Köln und Pfalz in den Kurverein aufgenommen (Nrr. 332f.). In Worms fand auch ein Tag der rheinischen Kurfürsten statt, die Verhandlungen über die Einbeziehung Hessens und Jülichs in ihre Münzeinung aufnahmen (Nrr. 78, 334). Kurmainz, Brandenburg-Ansbach und Württemberg trafen während des Reichstages eine Vereinbarung über eine Einung (Nrr. 335339). Beide Ansätze gelangten nach dem Reichstag zu erfolgreichen Abschlüssen (Nrr. 535554). Die neuen Kurfürsten, Erzbischof Philipp von Köln und mehr noch Ludwig von der Pfalz, nutzten den Reichstag als Rahmen für zahlreiche Belehnungen (Nrr. 343346, 348352, 354). Beim Pfälzer dürfte es sich dabei zugleich um eine gezielte Inszenierung in Reaktion auf die ihm verweigerte Reichsbelehnung gehandelt haben.

    Auch der Wormser Reichstag fungierte somit als ausgiebig genutzter Rahmen für Rechts- und Schiedstage, bilaterale Verhandlungen und informelle Gespräche. Anders als vorgesehen, wurde in Worms zwar kein Schwäbischer Bundestag abgehalten. Gleichwohl verhandelten die anwesenden Gesandten des Bundes über anstehende Angelegenheiten. Im Mittelpunkt stand natürlich die von Nürnberg und Augsburg betriebene Exekution gegen den Landfriedensbrecher Heinrich von Guttenstein (Nrr. 468, Pkt. 1; 469, Pkt. 1; 470; 471, Pkt. 2). Zwar wurden keine Fortschritte in der Reichsfriedensverfassung erzielt. Über die etwa von Nürnberg im Vorfeld des Reichstages angeregte Reform des Geleitwesens (Nrr. 80, Pkt. 1; 170172) wurde anscheinend nicht verhandelt. Doch erfüllte auch der Wormser Reichstag eine andere elementare Funktion, schon als Gesprächs- und Verhandlungsforum, nicht notwendig auch durch konkrete Vermittlungserfolge, zur Entschärfung der interterritorialen Konflikte im Reich beizutragen.

    «2.4. Ergebnisse und Folgen des Wormser Reichstages »

    Die zweifellos aufsehenerregendste Entscheidung des Reichstages war die erstmals vollständige Verweigerung einer Reichshilfe für den Kaiser. Auf die militärischen Geschehnisse des Sommers 1509 in Oberitalien hatte diese Entscheidung jedoch kaum Auswirkungen. Maximilian hatte, wie gezeigt, bereits alternative Ressourcen erschlossen. Selbst im Falle eines Hilfsbeschlusses wäre das Reichskontingent wohl zu spät auf dem Kriegsschauplatz eingetroffen und auch zu klein gewesen, um zu verhindern, dass die kaiserlichen Truppen bereits wenige Wochen nach Beginn des Feldzugs in die Defensive gerieten und von allen vorübergehenden Zugewinnen nur Verona behauptet werden Škonnte. Gravierender waren die reichspolitischen Konsequenzen. Maximilian selbst versuchte noch in einer vom 14. Juni datierenden Resolution (Nr. 482/III) die ständischen Argumente zu widerlegen. Sie traf jedoch erst nach Ende des Reichstages, am 21. Juni, in Worms ein. Die Stände und auch die kaiserlichen Kommissare mit Ausnahme der am Reichskammergericht verbliebenen Nassau und Storch waren bereits abgereist. Von Worms aus wurde die Erklärung wenigstens den wichtigsten auf dem Reichstag anwesenden oder vertretenen Reichsfürsten nachgeschickt (Nr. 486). Ohnehin zeigt eine Analyse des Stücks, dass es von vornherein nicht als Reichstagsschriftgut, sondern als – von Halbwahrheiten und Verdrehungen keineswegs freie – Rechtfertigung der kaiserlichen Politik und Diskreditierung der ständischen Opposition gegenüber einer breiteren Öffentlichkeit148 angelegt war. Bereits vom 26. Juni datiert deshalb die dann ab Juli im Reich verbreitete Druckfassung. Damit verbunden war eine Änderung der kaiserlichen Informationspolitik. Hatte der Kaiser bislang den Papst als Initiator der antivenezianischen Liga hingestellt, schrieb er das Verdienst für deren Gründung nunmehr sich selbst zu (Nr. 482, Pkt. 7) und konstruierte damit eine gesteigerte Verpflichtung zum Vollzug des Bündnisvertrags. Die habsburgische Propaganda149 wie auch der Kaiser selbst bei den Verhandlungen mit den Verbündeten definierte dabei als Kriegsziel nicht weniger als die Vernichtung Venedigs. Auch die anfänglich verfolgte Linie, die übrigen europäischen Mächte und vermutlich auch die Anfang Juni in Sterzing versammelten Tiroler Stände über die Verweigerung des Reichstages im Unklaren zu belassen150, wurde mit dem gedruckten Ausschreiben aufgegeben. Wichtiger erschien es der Reichsregierung, Druck auf die einzelnen, der Eigendynamik der Reichsversammlung wieder entzogenen Stände auszuüben. Ähnliche Misserfolge sollten für die Zukunft möglichst ausgeschlossen bleiben. Doch hatte sich ohnehin zumindest bei einem Teil der nach Ende des Reichstages wieder jeweils alleine mit dem Kaiser konfrontierten Ständen, vor allem natürlich den Reichsstädten, bereits erkennbares Unbehagen über die brüske Zurückweisung der kaiserlichen Hilfsforderung und ihre möglichen ŠKonsequenzen für das Verhältnis zum Reichsoberhaupt eingestellt.151 Noch vor Eintreffen des kaiserlichen Ausschreibens vom 14. Juni hatte etwa Nürnberg seinen Residenten am Kaiserhof angewiesen, etwaige Schuldzuweisungen an die Stadt hinsichtlich der Hilfsverweigerung zu dementieren, und zwei von Maximilian für den Venezianerkrieg angeforderte Büchsenmeister auf den Weg geschickt. Im August berieten die Schwäbischen Bundesstädte, ob sie, wie bereits einige Reichsfürsten und offenbar auch die Stadt Augsburg, eine freiwillige Kriegshilfe leisten sollten (Nrr. 474, Pkt. 4; 487; 496499). Der Kaiser griff die verbreitete Verunsicherung geschickt auf. Mit Ausschreiben vom 31. August ersuchte er eine Reihe von Ständen um Gewährung einer Kriegsanleihe.152 Sogar der kaiserferne Joachim von Brandenburg stellte für die Entlastung von der Verantwortung für die Desavouierung des Reichsoberhaupts durch den Reichstag die Zahlung der geforderten 2000 Gulden in Aussicht (Nr. 501).153

    Die vom Kaiser veranlasste und vom Reichstag ratifizierte Verlegung des Reichskammergerichts von Regensburg nach Worms (Nr. 303, § 8) stellte in dessen Entwicklung eine tiefere Zäsur dar, als bislang vermutet. Der Umzug nach Worms markierte nach wechselhaften Anfängen und zeitweiliger Stagnation die Sicherung des Neubeginns von 1507 und leitete zugleich eine immerhin zehnjährige, beinahe ununterbrochene Kontinuität ein, in der sich diese Institution trotz aller im Einzelnen fortbestehenden Mängel entscheidend stabilisieren konnte. Mit dazu beigetragen hat wohl der mit dem Umzug verbundene personelle Wechsel auf allen Ebenen. Mit dem Aufenthalt in Regensburg endete auch die unruhige Amtszeit Bischof Wiguläus’ von Passau als Kammerrichter. Auf dem Wormser Reichstag übernahm Graf Adolf von Nassau als Nachfolger des interimistisch amtierenden Grafen Adam von Beichlingen bis zu seinem Tod im Juli 1511 das Kammerrichteramt (Nr. 303, § 2). Ihm folgte Graf Sigmund von Fraunberg zum Haag (1512–1518) nach, bezeichnenderweise ebenfalls einer der kaiserlichen Reichstagskommissare von 1509. Auch im Kreis der Assessoren gab es einige Neubesetzungen: Augustin Lösch (Bayerischer Kreis) und Anton von Emershofen (Kurbrandenburg), gegen dessen Abberufung durch ŠKurfürst Joachim der Kammerrichter bis dahin Widerstand geleistet hatte, schieden im Zusammenhang mit dem Umzug des Gerichts aus (Nrr. 112, Pkt. 2; 293, Pkt. 3; 505, Anm. 1). Sebastian Schilling (Schwäbischer Kreis) war bereits im März ausgetreten. Bei der offiziellen Wiedereröffnung des Gerichts im September (Nrr. 303, § 9; 304; 503) kündigten Dietrich von Lautern (Kurtrier), Georg Besserer (Kursachsen) und Arnold von Rymerstock (Kurköln) ihr Dienstverhältnis auf (Nr. 293, Pkt. 3). Für die fälligen Neubesetzungen war während des Wormser Reichstages Vorsorge getroffen worden (Nr. 303, §§ 4–7). Ebenso waren für 1509 mehr als in den Jahren zuvor neue Zulassungen von Prokuratoren und Advokaten zu verzeichnen.154 Die Kanzleischreiber wurden anlässlich des Umzugs am 23. April entlassen und nur zum Teil in Worms wieder eingestellt.155 Insgesamt kam der personelle Wechsel ungeachtet aller fortbestehenden strukturellen Defizite und Missstände dem Gerichtsbetrieb augenscheinlich zugute.156 Nicht zuletzt wurde die weitere Finanzierung des Gerichts durch einen neuen, in den folgenden Jahren jeweils neu aufgelegten Anschlag wenigstens notdürftig gesichert. Da die jährlichen Einnahmen aus dem Kammerzieler nur eine Quote von durchschnittlich ca. 60 Prozent gegenüber dem nominalen Ertrag von 11 556 Gulden erreichten157, blieb das Gericht existentiell auf das ihm 1507 zugebilligte158, allerdings unsichere Aufkommen an Kanzleigebühren und fiskalischen Gefällen angewiesen.

    ŠDer von den Deputierten in Worms beschlossene Reichsmünztag159 trat tatsächlich pünktlich zum vorgesehenen Termin Anfang September in Frankfurt zusammen, war allerdings nur schwach besucht (Nrr. 523, Pkt. 20; 524, Pkt. 1). So blieben Kursachsen und Kurbrandenburg fern. Analog zum Reichstag fanden die eigentlichen Sachverhandlungen in einer Art interkurialem Ausschuss statt (Nr. 517, Pkt. 1). Eine maßgebliche Rolle in Frankfurt spielte der Kurtrierer Rat Jakob von Mertloch (Nrr. 517, Pkt. 2; 518, Pkt. 2). Der Ausschuss führte mit ernüchternden, vermutlich aber wenig überraschenden Ergebnissen eine Probation der im Reich gängigen Goldmünzen durch (Nr. 520). Nach zehntägigen Beratungen verabschiedete der Münztag eine Reihe von zukunftsweisenden Beschlüssen (Nr. 523), deren Genese durch die wenigen vorliegenden Gesandtenberichte leider nur unzureichend erhellt wird. Unstrittig war es offensichtlich, die Guldennorm des kurrheinischen Münzvertrags von 1490160 beizubehalten. Die Goldgulden sollten überdies, wie schon 1495 vorgesehen161, eine einheitliche Vorderseite erhalten. Aufgrund der festgestellten Vielzahl unterwertiger Prägungen sah sich der Münztag außerdem zur Erstellung einer ausführlichen Probationsordnung und zur Festlegung von Strafen gegen falschmünzende Stände und deren Personal veranlasst. Außerdem sollte ein Ausfuhrverbot für Edelmetalle verhängt werden. Als institutionelle Basis für das Reichsmünzwesen waren sechs Reichskreise vorgesehen, deren Zusammensetzung unter Einbeziehung der kurfürstlichen Territorien und Österreichs an die Augsburger Regimentsordnung von 1500 angelehnt war. Die von den kaiserlichen Vertretern Graf Adolf von Nassau und Johann Storch versuchte Einigung über die Silbermünzen gelang hingegen nicht (Nrr. 519, 522). Überhaupt blieb der Frankfurter Münzordnung trotz unbestreitbarer Fortschritte gegenüber der Ordnung von 1498162 zunächst jegliche Wirkung versagt. Die münzpolitischen Differenzen zwischen den Territorien waren so einfach nicht zu überbrücken. Sowohl die Ratifizierung der Münzordnung durch den Kaiser als auch ihre Annahme durch die Münzstände unterblieben deshalb. In den ständischen Münzordnungen und -verträgen der folgenden Jahre wurde sie übergangen. Zwar berief Maximilian noch den vorgesehenen Münztag nach Augsburg ein, doch wurden dort weitere Beratungen lediglich auf den nächsten Reichstag verschoben.163 In Trier und Köln 1512 verzichtete man dann jedoch Šaufgrund der Überlastung des Reichstages mit anderen Themen auf Beratungen zum Münzwesen. Trotz des tragfähigen Entwurfs von 1509 gelang in der Regierungszeit Maximilians I. keine Entscheidung mehr zur Lösung der Missstände beim Münzwesen.164 Die Stände waren weiterhin auf zwangsläufig unzureichende territoriale Ordnungen oder regionale Vertragssysteme angewiesen. Kurz nach dem Münztag setzten etwa die rheinischen Kurfürsten die in Worms eingeleiteten Bemühungen um eine Erweiterung ihrer Münzeinung fort. Zuerst trat im Oktober 1509 Hessen bei (Nrr. 535f.). Nur bei den Fachleuten blieb die Frankfurter Ordnung präsent. Noch auf dem Wormser Reichstag von 1545 wurde sie als Beratungsgrundlage herangezogen.165

    Die Bilanz des Wormser Reichstages von 1509 ist somit insgesamt bescheiden. Nur für die Geschichte des Reichskammergerichts kommt ihm einige Bedeutung zu. Die vollständige Verweigerung der geforderten Reichshilfe war gewiss spektakulär, Maximilian I. hatte dieses Ergebnis jedoch maßgeblich mitverschuldet. Dem politischen Gewicht Friedrichs des Weisen und seiner überlegenen Reichstagsregie hatten der abwesende Kaiser und seine ohnmächtig agierenden Kommissare wenig entgegenzusetzen. Doch hätte auch die Bewilligung einer Reichshilfe den letztlichen Misserfolg des Italienfeldzugs von 1509 nicht verhindern können. Ausschlaggebend waren militärische Fehlentscheidungen und die Zurückhaltung der Verbündeten, die ihre Kriegsziele realisiert hatten, bevor Maximilian überhaupt den Kriegsschauplatz erreichte. Im Nachhinein betrachtet bestand der entscheidende Fehler des Kaisers doch darin, das überaus entgegenkommende Friedensangebot Venedigs im Juni 1509 ignoriert166 und den absehbaren Bruch des Bündnisses mit Frankreich in ungewohnter Paktloyalität noch bis Juni 1512 hinausgezögert zu haben.

    Faksimiles der Druckfassung der Edition.

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    Anmerkungen

    17
     Vgl. exemplarisch Nrr. 3und 7. Vgl. insgesamt zu den militärisch-politischen Planungen Maximilians I. nach der Kaiserdeklaration Heil, Annahme, S. 286–288.
    18
     Auf dem zeitgenössischen Deckblatt zur bfl. Würzburger Überlieferung findet sich sowohl die Bezeichnung „keyserlicher tag“ als auch „Reichs dag“ (StA Würzburg, WRTA 5, fol. 113). Den Terminus „Reichstag“ verwenden etwa Emmius (Geschichte V, pag. 674), Häberlin (Reichs-Geschichte IX, S. 403), Schmidt (Repertorium IV, S. 94) und Deeters (Köln, S. 129, 132). Darstellungen des Mainzer Tages bieten Ranke, Geschichte I, S. 181f.; Ulmann, Kaiser II, S. 354–356; Skriwan, Kaiser, S. 262–266; Fischer, Kaiser, S. 13–16; Wiesflecker, Maximilian IV, S. 259f.; Ludolphy, Friedrich, S. 195f.
    19
     So übereinstimmend Ulmann, Kaiser II, S. 256; Wiesflecker, Maximilian IV, S. 260; Ludolphy, Friedrich, S. 196; Gotthard, Säulen I, S. 226.
    20
     Bei der Vorlage der ksl. Instruktion vom 30.4. [Nr. 10] und während der Beratungen über die ständische Resolution vom 14./15.5. [Nr. 26] war Kurköln noch nicht vertreten. Die Anwesenheit des ebfl. Marschalls Paul von Breitbach bei den Schlussverhandlungen ist jedoch verbürgt [Nr. 34].
    21
     Gotthard, Säulen I, S. 227 Anm. 107.
    22
     Vgl. Kalsbeek, Betrekkingen, S. 72f.; Struick, Gelre, S. 128.
    23
     Ulmann, Kaiser, S. 364; Skriwan, Kaiser, S. 106; Struick, Gelre, S. 131f.
    24
     Waffenstillstand vom 15./18.10.1508 (frz. Druck: Le Glay, Négociations I, Nr. LXIV, S. 218f.; Mariño/Moran, Tratados III/I, Nr. 9, S. 171–174). Vgl. Struick, Gelre, S. 133; Kalsbeek, Betrekkingen, S. 74; Kooperberg, Margarethe, S. 317f.; Wiesflecker, Maximilian IV, S. 26.
    25
     Noch in seinem Eröffnungsvortrag auf dem Wormser Reichstag ließ Maximilian anklingen, dass er den Krieg gegen Frankreich in Geldern gern fortgesetzt hätte, sich jedoch dem Interesse Burgunds an einem Ausgleich beugen musste [Nr. 264bzw. 266, Pkt. 1]. Wiesflecker (Maximilian V, S. 235) vermutet sogar, dass der Kaiser die burgundisch-französische Friedenspolitik im Grunde ablehnte und der Vertrag von Cambrai deshalb den Beginn der Entfremdung zwischen ihm und seinem dafür mitverantwortlichen Rat Matthäus Lang markierte.
    26
     Die Nachricht vom bevorstehenden Angriff auf Venedig verbreiteten spätestens ab Februar 1509 auch ständische Gesandte am Kaiserhof. Der Bericht Heinrichs von Schleinitz [Nr. 55] offenbart die verbreitete Skepsis hinsichtlich einer Kooperation mit Frankreich.
    27
     Schreiben Ks. Maximilians an Ehgin. Margarethe vom 22.3. (Le Glay, Correspondance I, Nr. 94, S. 113) und 29.3.1509 (Bergh, Correspondance I, Nr. 62, S. 162; Le Glay, ebd., Nr. 110, S. 132 – dort jeweils irrtümlich auf den 29.4. datiert. Vgl. Kreiten, Briefwechsel, S. 217f.; Ulmann, Maximilian II, S. 372).
    28
     Nur vordergründig ging es beiden Monarchen darum, etwaigen Bündnisbestrebungen Venedigs zuvorzukommen. Vgl. z. B. den Bericht der ksl. Gesandten bei den Eidgenossen, Ulrich von Hohensax und Hans von Königsegg, an Ks. Maximilian vom 22.4.1509 (Or., sontag misericordia; HHStA Wien, Maximiliana 20, Konv. 3, fol. 49–50’). Vgl. Eidgenössische Abschiede III/2, Nr. 328, S. 452 (Pkt. k, l, p), Nr. 330, S. 457f. (Pkt. b, k), Nr. 333, S. 464f. (Pkt. d), Nr. 335, S. 466; Gagliardi, Anteil, S. 793–796.
    29
     Pastor, Geschichte III/2, S. 755; Cloulas, Jules, S. 174f.; Wiesflecker, Maximilian IV, S. 33f.; Seneca, Venezia, S. 118f.
    30
     Ks. Maximilian an Costantino Arianiti, Rüdesheim, 20.4.1509 (lat. Konz.; HHStA Wien, Maximiliana 42, Fasz. IV/4, fol. 100–103’, hier 102’); Sanuto, Diarii VII, Sp. 741; VIII, Sp. 25f., 34f., 97, 154, 171f., 247, 257, 479, 483; Ulmann, Maximilian II, S. 380f.
    31
     Brown, Calendar I, Nr. 922, S. 336–338; Nr. 926, S. 343f.; Nr. 927, S. 340.
    32
     Vgl. Brown, Calendar I, Nr. 923, S. 338f.; Sanuto, Diarii VIII, Sp. 90, 247; Wenko, Kaiser, S. 22f.; Pogantsch-Bissinger, Renaldis, S. 219f.; Wiesflecker, Maximilian IV, S. 45; Hollegger, Maximilian, S. 196. Zur ebenfalls von Venedig veranlassten und gescheiterten Initiative Bf. Ludovicos von Mantua vgl. Nrr. 54 und 56.
    33
     Sanuto, Diarii VIII, Sp. 25; Brown, Calendar I, Nr. 927, S. 340.
    34
     Vgl. die Nachrichten Bf. Antonios von Feltre, Zaccaria Contarinis, Gerolamo Landrianos, Giovanni Pietro Stellas sowie anonymer deutscher Korrespondenten in Frankfurt und Worms bei Sanuto, Diarii VII, Sp. 664, 671, 677, 767; VIII, Sp. 25, 70, 76, 132, 154, 207f.
    35
     Schreiben Leonardo Loredans an die Städte Augsburg, Nürnberg, Straßburg und Ulm vom 11.2. [Nr. 57, Anm. 3] und an Ebf. Leonhard von Salzburg vom 20.3.1509 (lat. Kop., präs. 30.3.1509; StA Bamberg, Hst. Bamberg, Geheime Kanzlei, Nr. 6, fol. 198’–199).
    36
     Verschiedentlich wird eine Formulierung im städtischen Reichstagsprotokoll [Nr. 260, Pkt. 1 – Und als die … des neunten jars.] dahingehend verstanden, dass der Kaiser den Reichstag zuletzt für den 23.4. anberaumt hätte (Fischer, Kaiser, S. 18; Wenko, Kaiser, S. 192; Rom, Maximilian, S. 123; Wiesflecker, Maximilian IV, S. 261). Diese Annahme ist nach Maßgabe der vorliegenden Akten nicht haltbar.
    37
     Reuter, Worms als Reichstagsstadt, S. 128; Gollwitzer, Bemerkungen, S. 499; Ders., Capitaneus, S. 274f.
    38
     Petry, Bedeutung, S. 2f., 6; Reuter, Worms als Reichstagsstadt, S. 129; Seyboth, Gestalt, S. 63.
    39
     Nur die Zahl der höherrangigen Teilnehmer an den Verhandlungen in den Kurien veranschlagt, war Worms mit fünf persönlich anwesenden und einem durch Gesandte vertretenen Kurfürsten, drei geistlichen Fürsten, elf Vertretern geistlicher Fürsten, fünf teilweise allerdings nur kurzzeitig anwesenden weltlichen Fürsten und fünf Gesandtschaften weiterer Fürsten ein durchschnittlich besuchter Reichstag. Im Mittel galt für die zweite Kurie der maximilianeischen Reichstage ein Wert von fünfzehn geistlichen und zehn weltlichen Fürsten (Heil, Reichstage, S. 256). Die schwäbischen Prälaten, die Reichsgrafen und -herren aus Schwaben und der Wetterau nahmen ihre Kuriatstimmen wahr. In der dritten Kurie waren neben den Schwäbischen Bundesstädten und der elsässischen Dekapolis dreizehn weitere Städte durch eigene oder gemeinschaftliche Gesandtschaften repräsentiert (Nrr. 259, Pkt. 8; 437, Pkt. 2; 477). Insgesamt waren somit die sich um 1500 gewohnheitsmäßig an den Reichstagsverhandlungen beteiligenden Reichsstände auch in Worms anwesend oder vertreten. Was vor allem wegen der Abwesenheit des Kaisers, aber auch wegen der kleinen fürstlichen Gefolge fehlte, war die Masse der in eigenen Angelegenheiten anwesenden Prälaten, nichtfürstlichen Hochadligen und städtischen Vertreter.
    40
     In der Zorn/Wilk’schen-Chronik heißt es: „Diss 1509. jar ist solche wölffelung [= Wohlfeilung] gewesen alhie, das 3 malter korn für 1 fl., 4 malter habern für 1 fl. und 1 malter speltz für 9 schilling heller ist verkauft worden“ (StdA Worms, 1 B, Nr. 7, pag. 476; BSB München, cgm 1247, pag. 599. Druck: Zorn, Chronik, S. 215). Damit waren die Preise deutlich niedriger als zur Zeit der großen Wormser Reichstage von 1495 (vgl.Angermeier, RTA-MR V/2, S. 1687 Anm. 2) und 1521 (vgl.Wrede, RTA-JR II, S. 142–144 Anm. 2). Vgl. für das Jahr 1509 bspw. auch die Preisangaben in der Würzburger Ratschronik: Engel, Rats-Chronik, Nr. 223, S. 73.
    41
     Laut Ecker (Organisation, S. 59) besaßen die Reichsstädte in Worms Stammquartiere, die ihre Gesandten gewohnheitsmäßig bezogen.
    42
     Das in keiner archivalischen Überlieferung erhaltene Ausschreiben vom 5.1.1509 [Nr. 52] war zweifelsohne nur ganz wenigen Reichsfürsten zugegangen. Maximilian I. räumte nach dem Reichstag selbst ein, die Stände erst in Worms über das Bündnis gegen Venedig informiert zu haben [Nr. 482, Pkt. 1, fol. 78’, Pkt. 7].
    43
     Ähnlich skeptisch hatten sich die kurbrandenburgischen und sächsischen Gesandten am Kaiserhof im Vorfeld des Reichstages geäußert. Vgl. Nrr. 55, 58.
    44
     Tischer, Reichsreform, S. 685f.; Dies., Wandel, S. 18.
    45
     Heil, RTA-MR IX/1, Nrr. 814, S. 117–122. Der zuverlässig habsburgtreue Lgf. Wilhelm von Hessen scheint seine Stellungnahme zur außenpolitischen Lage im Januar 1509 unaufgefordert übermittelt zu haben [Nr. 53].
    46
     In seinem Eröffnungsvortrag veranschlagte Maximilian I. den Gesamtbeitrag der Reichsstände während seiner bisherigen Regierungszeit auf 500 000 Gulden (bei Ausständen von 300 000–400 000 Gulden) gegenüber der Eigenleistung der habsburgischen Erblande in Höhe von zehn Millionen Gulden (Druck: Heil, RTA-MR IX/1, Nr. 150, S. 275f. Vgl. Wiesflecker, Maximilian III, S. 360; Hollegger, Maximilian, S. 179).
    47
     Spekulationen, der Kaiser sei rasch aus Worms abgereist, da die erwartete Zahlung der Fugger-Gesellschaft in Höhe von 4000 Gulden nicht dort eingetroffen sei (Pölnitz, Fugger I, S. 230; II, S. 214; Wenko, Kaiser, S. 196), oder aus Verärgerung über die Mahnungen der Wormser Bürger wegen der während des Aufenthalts Kgin. Bianca Marias in den Jahren 1495–1497 aufgelaufenen Schulden (Petry, Bedeutung, S. 5), entbehren jeglicher Grundlage.
    48
     Vgl. zum jeweiligen Verhandlungsverlauf Gollwitzer, RTA-MR VI, passim; Schröcker, Unio, S. 212–252, 253–265, 265f.; Wiesflecker, Maximilian II, S. 258–270, 271–277, 279–281; Schmid, Pfennig, S. 320–334, 336–352, 352–356.
    49
     Der päpstliche Gesandte Costantino Arianiti überbrachte noch im April 1509 Subsidien in Höhe von 50 000 Dukaten (Paul von Liechtenstein an Ks. Maximilian, eigh. Or. Innsbruck, 16.4.1509; HHStA Wien, RK Maximiliana 20, Konv. 3, fol. 40–42’, hier 42. Ks. Maximilian an Arianiti, lat. Konz. mit ex.-Verm., Rüdesheim, 20.4.1509; HHStA Wien, RK Maximiliana 42, Fasz. IV/4, fol. 100–103, hier 100’–101; Ulmann Maximilian II, S. 378). Kg. Ludwig von Frankreich wies Mitte Mai durch den Fugger-Faktor Hans Kohler 25 000 Kronen an (Matthäus Lang/Paul von Liechtenstein an Ks. Maximilian, Or. Augsburg, 12.5.1509; HHStA Wien, RK Maximiliana 20, Konv. 3, fol. 132–132’; Wenko, Kaiser, S. 190). Im Juni zahlte er für die Belehnung mit Mailand weitere 100 000 Golddukaten (Quittung Ks. Maximilians vom 14.6.1509; Lünig, Codex Italiae I, Nr. XLVI, Sp. 517f.; Wiesflecker, Maximilian IV, S. 53). Laut dem allerdings unzuverlässigen „Ehrenspiegel“ von Fugger/Jäger (BSB München, cgm 896, fol. 234’) gab außerdem Kg. Ferdinand von Aragon 70 000 Kronen. Zum Vergleich: Paul von Liechtenstein bezifferte den anfänglichen Geldbedarf für die Anwerbung von Truppen der österreichischen Erbländer auf 70 000 Gulden (Liechtenstein an Ks. Maximilian, eigh. Or. Innsbruck, an dem hl. ostertag [8.4.]1509; HHStA Wien, Maximiliana 20, Konv. 3, fol. 27–28’, hier 27–27’; Wenko, ebd., S. 191).
    50
     Fugger/Jäger (ebd.) geht von einer Hilfe in unbekannter Höhe aus. Laut Kooperberg (Margaretha, S. 326) wurde Kg. Heinrich VII. von England für die enorme Summe von 50 000 Kronen ein Edelstein verpfändet. In Anbetracht seiner bekannten Sparsamkeit scheint gegenüber dieser nicht belegten Information allerdings Vorsicht geboten. Wie anlässlich des für 1508 geplanten Romzuges ging der Kaiser erneut eine Reihe italienischer Staaten um Geld an. Nachweisbar ist dies für Siena (Instruktion Ks. Maximilians für Johannes Räbler, 22 000 Gulden einzufordern, Or. La Scala, 21.7.1509, Gegenz. Serntein; HHStA Wien, RK Maximiliana 21, Konv. 1, fol. 40) und Florenz (Paul von Liechtenstein an Ks. Maximilian, Or. Augsburg, 11.5.1509; HHStA Wien, RK Maximiliana 20, Konv. 3, fol. 129–129’).
    51
     Die burgundischen Erblande bewilligten Ende März insgesamt 300 000 Kronen (Laenen, Archives, Nr. 440, S. 123; Bergh, Correspondance I, Nr. 61, S. 156–160; Kraus, Briefwechsel, S. 124; Carton, Marguerite, S. 78; Wiesflecker, Maximilian IV, S. 51). Vgl. Duncker, Fürst, S. 53; Struick, Gelre, S. 130; Königsberger, Erzherzogin, S. 26, 35; Kalsbeek, Betrekkingen, S. 73f.
    52
     Die Ende Januar 1509 in Bozen versammelten Tiroler Landstände bewilligten 10 000 Mann und für den Notfall sogar das doppelte Kontingent (Jäger, Blütezeit II/2, S. 455f.; Schönherr, Krieg, S. 94; Wenko, Kaiser, S. 140f.; Wiesflecker, Maximilian IV, S. 51; Köfler, Land, S. 277f.). Die im März 1509 auf dem Salzburger Ausschuss-Landtag und erneut auf dem folgenden Wiener Landtag mit der Forderung von 1000 Reitern und 1000 Fußknechten konfrontierten niederösterreichischen Stände verpflichteten sich zu einer viermonatigen Hilfe von einem Reiter und zwei Fußknechten je 200 Pfd. Gülterträgen [Nr. 141]. Vgl. Zeibig, Ausschuss-Landtag, S. 131–133; Huber, Geschichte III, S. 376f.; Dimitz, Geschichte Krains II, S. 11f.; Wenko, Kaiser, S. 148f.; Mader, Liechtenstein, S. 130; Wiesflecker, Maximilian IV, S. 295. Der im April/Mai 1509 versammelte vorderösterreichische Landtag in Ensisheim bewilligte gegenüber der ksl. Forderung von 100 Reitern und 2000 Fußsoldaten für sechs Monate 50 Reiter und 500 Fußsoldaten (Bischoff, Gouvernés, S. 114; Speck, Landstände II, S. 779f.).
    53
     Blieben zwar 1509 die Vertragsgelder der Fugger aus, so erhielt der Kaiser allein von den Höchstettern beinahe 28 700 Gulden, von der Firma Stuntz weitere 11 000 Gulden. Insgesamt zahlten die Handelsherren im ersten Kriegsjahr beinahe 54 100 Gulden in die kaiserlichen Kassen (Wiesflecker, Kammerraitbücher Anh., Tabelle Nr. 14; Böhm, Reichsstadt, S. 65 Anm. 243). Unklar ist, ob mit diesen Summen auch die 20 000 Gulden abgedeckt sind, die Paul von Liechtenstein bei Verhandlungen in Augsburg nach vergeblichen Sondierungen bei Jakob Fugger von den übrigen Handelsherren zu bekommen hoffte, oder ob es sich dabei um zusätzliche Anleihen handelte (Liechtenstein an Ks. Maximilian, Or. Augsburg, 11.5.1509; HHStA Wien, RK Maximiliana 20, Konv. 3, fol. 129–129’).
    54
     Volkmar, Mittelsmänner, S. 277.
    55
     Costantino Arianiti sollte sich beim Papst um die Aushändigung der über 100 000 Gulden an Ks. Maximilian bemühen (Ks. Maximilian an Arianiti, Rüdesheim, 20.4.1509; wie Anm. 48). Vgl. zu den Verhandlungen um das bei der Firma Fugger angelegte Meckau-Depot Pölnitz, Fugger I, S. 224–244 passim; II, S. 206–215, 220f., 231f.; Ders., Streit, S. 244–262; Wenko, Maximilian, S. 214–222; Mader, Liechtenstein, S. 164–168; Donath, Dompropst, S. 59f.
    56
     Topler, zu diesem Zeitpunkt bereits Rat Maximilians, weilte seit März 1507 als Gesandter der Stadt Nürnberg am Kaiserhof. Vgl. Gümbel, Berichte, S. 257–266.
    57
     Vgl. Seyboth, Markgraftümer, S. 412; Ders., Reichspolitik, S. 66–70; Ders., Markgraf, S. 17, 20.
    58
     Vgl. Menzel, Geschichte I, bes. S. 441–516; Webern, Grafen, bes. S. 45–132; Wiesflecker, Maximilian V, S. 47–49; Heil, Reichstagsinstruktionen, S. 60.
    59
     Vgl. Stauber, Herzog, S. 796–799; Metz, Stände, S. 364–367.
    60
     Vgl. Carl, Bund, S. 270 Anm. 45, 333 Anm. 411; Auge, Stiftsbiographien, Nr. 299, S. 508–530.
    61
     Welden reiste nach der Ausrichtung seines Auftrags vom 19.5. bei den Reichsständen und bei Kf. Friedrich von Sachsen [Nrr. 269f.] sogar vorübergehend wieder aus Worms ab (z. B. Schreiben an die Augsburger Bürgermeister [Jörg Langenmantel und Ludwig Hoser] aus Seyfriedsberg vom 28.5.1509; Or. m. S., mantag in den pfingstfeyrtagen; StdA Augsburg, Lit. 1509, Fasz. Mai, unfol.), was die Verzögerung der ersten ständischen Resolution zur Frage der Jubelablassgelder [Nr. 284] bis zum 5.6. miterklärt.
    62
     Der früher schon als kaiserlicher Sekretär fungierende Wormser Protonotar Georg Mosbach wurde für kleinere Aufgaben zur Entlastung der Kommissare eingesetzt [Nrr. 386; 438, Pkt. 2; 441, Pkt. 3; 442, Pkt. 1].
    63
     Zyprian von Serntein an Paul von Liechtenstein, Duisburg, 3.4.1509 (Konz. mit ex.-Verm.; HHStA Wien, Maximiliana 20, Konv. 3, fol. 13–15’, hier 13. Druck: Moser, Kanzlei II, S. 95–101, hier 96; Kraus, Briefwechsel, S. 120–125, hier 121; Wiesflecker-Friedhuber, Quellen, Nr. 50, S. 172–175, hier 173). Diesen Befund bestätigte etwa der Regensburger Hauptmann Sigmund von Rorbach: „Und geet was langßam und irrig zu, dan ksl. Mt. wilß als selbs handeln. Das tut etwas [= sehr] vil verlengerung“ (Bericht an Kämmerer und Rat der Stadt Regensburg; Or., bei Padua, montag nach Egidy [3.9.]1509; HStA München, Gemeiners Nachlass 27, unfol.). Die niederösterreichischen Landstände schlossen sogar den baldigen Tod Maximilians nicht aus [Nr. 137, Pkt. 4]. Vgl. Hollegger, Maximilian, S. 213, 236f.
    64
     Zyprian von Serntein an Paul von Liechtenstein, Duisburg, 3.4.1509 (Konz. mit ex.-Verm.; HHStA Wien, Maximiliana 20, Konv. 3, fol. 13–15’, hier 14–14’. Druck: Moser, Kanzlei II, S. 95–101, hier 98f.; Kraus, Briefwechsel, S. 120–125, hier 122–124; Wiesflecker-Friedhuber, Quellen, Nr. 50, S. 172–175, hier 173f.).
    65
     Vgl. z. B. die Äußerungen Erasmus Toplers bei Gümbel, Berichte, S. 268f. Hinweise finden sich auch in Nrr. 22 [Pkt. 3], 152 [Ich habe warlich … unlust befindet.], Nr. 201, Anm. 2; 425 [Pkt. 6]. Vgl. auch Hollegger, Maximilian, S. 250.
    66
     Aufenthaltsorte des Kaisers während des Reichstages nach seiner Abreise aus Worms am 24.4. waren Speyer (26./27.4.), Bruchsal (27./28.4.), Vaihingen (28./29.4.), Stuttgart (29.4.-1.5.), Göppingen (2.5.), Ulm (3./4.5.), Weißenhorn (5.5.), Kloster Roggenburg (6.5.), Pfaffenhausen (7.5.), Mindelheim (7.-10.5.), Buchloe (10.5.), Kaufbeuren (10.-19.5.), Mindelheim (19.-22.5.), Burg Liebenthann (23.5.), Kempten (24.5.), Nesselwang (25.5.), Burg Ehrenberg (26.5.), Lermoos (27.5.), Nassereith (28.5.), Stams (29.5.), Burg Fragenstein (30.5.), Innsbruck (31.5.-3.6.), Matrei (4.6.), Sterzing (5.-8.6.), Brixen (9.6.), Bozen (10.6.), Neumarkt (11.6.) und Trient (13.-17.6.) (nach Kraus, Itinerarium, S. 278f.; Stälin, Aufenthaltsorte, S. 370, und bes. Wenko, Kaiser, S. 268–270, ergänzt bzw. korrigiert aufgrund des Stückeverzeichnisses zum vorliegenden Bd., S.-). Laut dem Itinerar hätte der Schwäbische Bundestag, mit dem der Kaiser nach seiner Abreise vom Reichstag in Ulm über eine Kriegshilfe verhandelte (Wenko, Kaiser, S. 45), Anfang Mai stattfinden müssen. Auf diesen Bundestag gibt es sonst allerdings keinerlei Hinweise.
    67
     Die Nachrichtenübermittlung nahm für die Strecke Kaufbeuren-Worms drei Tage [z. B. Nrr. 392, 394], für die ca. 500 Kilometer lange Strecke von Innsbruck nach Worms mindestens vier Tage in Anspruch [Nrr. 410f.]. Diese Beförderungsdauer beanspruchte bspw. i. J. 1496 auch ein Eilbrief für die vergleichbare Strecke von Worms nach dem im Vinschgau gelegenen Glurns (Ohmann, Anfänge, S. 136–138, 325f.). Vgl. Schäffer, Geschwindigkeit, S. 118; Behringer, Thurn und Taxis, S. 17f.; Ders., Zeichen, S. 61f.
    68
     Vgl. Heil, Reichstagsinstruktionen, S. 69f.
    69
     Gümbel, Berichte, Nr. 24, hier S. 157; Chalopek, Kaiser, S. 54, 100; Wiesflecker, Maximilian V, S. 4.
    70
     Dieser Zusammenhang wurde bei den Beratungen des Domkapitels hergestellt [Nr. 339]. Vgl. auch Sanuto, Diarii VII, Sp. 745.
    71
     Vgl. Faulde, Uriel, S. 19–24.
    72
     Seyboth, RTA-MR XI, Nr. 419, Pkt. 1, mit App. a; Faulde, Uriel, S. 90.
    73
     An zeitgenössischen Drucken liegen vor: Reichstagsschriftgut [Nrr. 274, 525/II], Reichspublizistik [Nr. 482], ksl. Ausschreiben und Mandate [Nrr. 5, Anm. 9; 36; 44f.; 50; 524, Anm. 1], Mandate des Reichskammergerichts [Nrr. 106, Anm. 2; 110, Anm. 1; 451, Anm. 3; 511], päpstliche Schriftstücke [Nrr. 261, Anm. 11; 272, Anm. 8], Notariatsinstrumente [Nr. 329].
    74
     Vgl. zur Bedeutung dieses Vorgangs Seeliger, Erzkanzler, S. 88f.; Wenko, Maximilian, S. 206; Diestelkamp, Reichserzkanzler, S. 312.
    75
     Chalopek, Kaiser, S. 193f.; Wiesflecker, Maximilian V, S. 4.
    76
     Der Nürnberger Gesandte und ksl. Rat Erasmus Topler berichtete am 10.11.1508 aus Mecheln an den Ratsherrn Anton Tetzel: „Und derselb techant [= Philipp von Daun] hat sich mit seiner aigener hant gegen ksl. Mt., wider sie zu ewigen zeiten nit zu tun, verschriben, auch alles, das ksl. Mt. begeren wurd, zu furdern und leib und gut zu ir zu setzen; damit ein gnedigen kaiser bekummen“ (Or. m. S.; StA Nürnberg, Rst. Nürnberg, Ratskanzlei, D-Laden Akten, Nr. 219, Stück-Nr. 24, unfol.; Druck: Gümbel, Berichte, Nr. 24, S. 157).
    77
     Chalopek, Kaiser, S. 276 (Zitat); Wiesflecker, Maximilian V, S. 4; Gümbel, Berichte, Nr. 24, hier S. 157; Seyboth, RTA-MR XI, Nrr. 678, 1855.
    78
     Topler resümierte in seinem Schreiben vom 10.11.1508 (wie Anm. 76): „Also hat der kaiser zu allen seinem gefallen Trier, die Pfalz, Maincz und Collen (was das nach im ziehen wurd, mogt ir selbst bedenken).“
    79
     Vgl. Steinmetz, Politik, S. 99f.
    80
     Wolgast, Bewegung, S. 27.
    81
     Männl, Vertretung, S. 25, 28 (Zitat); Koser, Geschichte I, S. 193.
    82
     Heil, RTA-MR IX/2, Nr. 902, S. 1253.
    83
     Vgl. das wohl vom Januar 1509 datierende Verzeichnis über die Einkünfte des Reichskammergerichts: Heil, RTA-MR IX/2, Nr. 946, S. 1326, Pkt. 1.
    84
     Schmid, Kurfürst, S. 48–53, 63; Kohnle, Kaiser, S. 16–19.
    85
     Vgl. Schmid, Kurfürst, S. 54–59; Kohnle, Kaiser, S. 18.
    86
     Schick, König, S. 28.
    87
     Vgl. Heil, RTA-MR IX/1, S. 72.
    88
     Beide hatten bspw. die auf dem Konstanzer Reichstag bewilligte Romzughilfe über die vorgesehenen sechs Monate hinaus einschließlich der von Kaiser Maximilian erbetenen zweimonatigen Verlängerung geleistet (Heil, RTA-MR IX/2, Nr. 902, Pkt. 2, S. 1255, 1258) und gleichermaßen ihre Anteile am Kammerzieler fristgerecht bezahlt (ebd., Nr. 946, S. 1327).
    89
     Der Pfalzgraf – bereits Teilnehmer am Venezianerkrieg von 1508 (Baar-Cantoni, Religionspolitik, S. 16) – hatte während der Reise von den Niederlanden nach Worms mit Vertretern des Kaisers über eine erneute Bestallung für den bevorstehenden Feldzug verhandelt (Pfgf. Friedrich an Zyprian von Serntein, Or. Heidelberg, St. Peter und Pauls abent [28.6.]1509; HHStA Wien, Maximiliana 20, Konv. 4, fol. 78–78’).
    90
     Heil, RTA-MR VIII/1, S.88, 122.
    91
     Heil, RTA-MR IX/2, Nr. 902, S. 1260 mit Anm. 42.
    92
     Vgl. Nr. 267 [Pkt. 1]. Außerdem war ursprünglich die Teilnahme Gf. Eitelfriedrichs von Zollern und des allerdings bereits vor dem Reichstag verstorbenen Kanzlers Konrad Stürtzel vorgesehen [Nrr. 381f.]. Vermutlich hatte der Ks. auch die Leitung des Reichstages durch Kf. Friedrich von Sachsen erwogen. Vgl. Nr. 233 [Pkt. 3].
    93
     Wiesflecker, Maximilian V, S. 28.
    94
     Urkunden Ks. Maximilians vom 22.4.1508 (Kop. Speyer; HHStA Wien, AUR, 1518 [!] IV 22, unfol.; HStA München, K.blau 1/14, fol. 78–79; HStA München, PNU, Auswärtige Staaten, Nr. 1235. Druck: Lünig, Reichsarchiv XI [Part. spec. cont. II, 2. Abs.], S. 98f.) und 4.5.1509 (Kop. Ulm; LA NRW Duisburg, JB Urk. 1840; HStA München, K.blau 1/14, fol. 82–83’; HStA München, PNU, Auswärtige Staaten, Nr. 1236. Druck: Lacomblet, Urkundenbuch IV, Nr. 500, S. 616f.). Vgl. Ritter, Sachsen, S. 5; Ludolphy, Kurfürst, S. 272–274.
    95
     Dieser Befund kontrastiert mit der hohen Steuermoral des Erzbischofs. Er hatte sowohl seinen vollständigen Beitrag zur Romzughilfe geleistet (Heil, RTA-MR IX/2, Nr. 902, S. 1257) als auch den Kammerzieler erlegt (ebd., Nr. 946, S. 1327, Pkt. 2). Im Dezember 1509 konnte der Kammerrichter Graf Adolf von Nassau über eine weitere, für den Fall einer Auflösung des Gerichts bis dahin zurückgehaltene [Nr. 426, Pkt. 5], Tranche von 100 Gulden quittieren (Webern, Grafen, S. 123).
    96
     Heil, RTA-MR VIII/2, Nr. 939, S. 1398 mit Anm. 8; Ders., RTA-MR IX/2, Nr. 902, S. 1256 mit Anm. 16.
    97
     Rogge, Erzbischof, S. 93f.
    98
     Die etwas kryptische Formulierung wird auch von Wolff (Reichspolitik, S. 42) in diesem Sinne verstanden.
    99
     Zoepfl, Bistum, S. 560f.
    100
     Heil, RTA-MR VIII/2, Nr. 939, S. 1400; Ders., RTA-MR IX/2, Nr. 902, S. 1255 mit Anm. 8.
    101
     Ein Indiz hinsichtlich der Haltung Bf. Philipps von Speyer könnte – abgesehen von der vollständigen Leistung der Reichshilfen von 1505 und 1507 (Heil, RTA-MR VIII/2, Nr. 939, S. 1399; Ders., RTA-MR IX/2, Nr. 902, S. 1257 mit Anm. 24) – sein, dass er im Herbst 1509 die von Ks. Maximilian geforderte Anleihe für den Venezianerkrieg, in seinem Fall 1000 Gulden, ungeachtet der Verschuldung seines Hochstifts aufbrachte und die entsprechende Mitteilung an den Ks. mit der Bitte um Unterstützung in seinem am Reichskammergericht angestrengten Prozess gegen die Stadt Landau verknüpfte (Or., 26.10.1509; HHStA Wien, Maximiliana 21, Konv. 3, fol. 20–20’). Verhandlungen über die Streitigkeiten zwischen Bischof und Stadt hatte Maximilian für den Wormser Reichstag vorgesehen [Nrr. 123; 271, Pkt. 2; 366, Pkt. 1; 421, Pkt. 4].
    102
     Hollegger (Maximilian, S. 196f., 220) macht die Reichsstädte als Hauptverantwortliche für die Verweigerung der Kriegshilfe aus. Anhand der vorliegenden Akten lässt sich diese Annahme nicht verifizieren. Die vom Frankfurter Gesandten Johann Frosch am 3. Juni geäußerte Hoffnung, die höheren Stände würden, zumal angesichts der Billigkeit der von ihnen vorgebrachten Gründe, keine Reichshilfe mehr zugestehen [Nr. 453Verhoff auch … ertedingen lassen.], spricht eher gegen eine, durch die Reichstagsverfassung ohnehin ausgeschlossene Führungsrolle der Städte. Man wird deshalb Schmidt (Städtetag, S. 262) zustimmen, dass die Städte das ablehnende Votum der höheren Stände lediglich verstärkten.
    103
     Nr. 57, S. 204, Anm. 3. Vgl. Sanuto, Diarii VIII, Sp. 97, 317, 407, 421, 507, 578–580; Böhm, Reichsstadt, S. 67f.; Lutz, Peutinger, S. 86f.; Wiesflecker, Maximilian IV, S. 48.
    104
     Vgl. Carl, Bund, S. 167; Schmidt, Städtetag, S. 17.
    105
     In der vorliegenden Edition vertreten durch den „Ehrenspiegel“ von Fugger/Jäger [Nr. 474]. Vgl. außerdem z. B. Trithemius, Annales II, S. 646f.; Mutius, Chronik, S. 968; Sturm, Außzug, S. 34; Brouwer/Masen, Antiquitates II, S. 325. Selbst die sog. reichsstädtische Registratur bewertet den Beschluss als „Res novi et inauditi exempli“ [Nr. 475, Pkt. 6; vgl. Nr. 476, Pkt. 3].
    106
     Häufig wird punktuell nur dieser eine Aspekt erwähnt; z. B. Huber, Geschichte III, S. 376; Pölnitz, Fugger I, S. 236; Solleder, Reichsverbote, S. 322f.; Schmidt, Städtetag, S. 344; Niederstätter, Jahrhundert, S. 370; Menzel, Fürst, S. 119, 145; Rapp, Maximilien, S. 227. Auch die vorliegenden knappen Darstellungen des Reichstages aus reichsgeschichtlicher Perspektive bleiben auf die Frage der Reichshilfe verengt; z. B. Ranke, Geschichte I, S. 140–144; Ulmann, Maximilian II, S. 372f.; Fischer, Kaiser, S. 19–23; Wiesflecker, Maximilian IV, S. 261–263; Hollegger, Maximilian, S. 220f. Ungedruckt und deshalb weitgehend unberücksichtigt geblieben sind die einschlägigen Grazer Dissertationen mit ausführlicheren, leider von Fehlern und Missverständnissen nicht freien Darstellungen des Reichstages (Wenko, Kaiser, S. 194–210; Rom, Maximilian, S. 123–131), die weitgehend auf dem bei Janssen (Reichscorrespondenz II, Nrr. 940–976, S. 746–779) wiedergegebenen Quellenmaterial, insbesondere dem reichsstädtischen Protokoll mit den inserierten Verhandlungsakten, beruhen.
    107
     Smend, Reichskammergericht, S. 102; Hausmann, Residenzen, S. 153f.; Baumann, Prokuratoren, S. 176; Petry, Bedeutung, S. 5.
    108
     Dies gilt etwa für die wichtigen Verhandlungen über den Konflikt zwischen dem Deutschen Orden und Polen (z. B. Voigt, Geschichte Preußens IX, S. 370–372; Matison, Politik, S. 439–442). Die eher unspektakulären Schiedsverhandlungen zwischen dem Wormser Stiftsklerus und der Stadt wurden wegen ihrer Konsequenz der Rückkehr des Klerus nach zehnjährigem Exil als wichtiger Wendepunkt markiert (Boos, Geschichte IV, S. 110f.; Jürgensmeier, Bistum, S. 157 (Keilmann); Bönnen, Stadt, S. 258; Ders., Konflikt, S. 81; Todt, Kleruskritik, S. 133f.), nicht aber im Detail verfolgt. Die ungedruckte Dissertation von Chalopek (Maximilian, S. 82–84) versucht, gestützt auf Faulde (Uriel, S. 88–91), eine knappe Darstellung des Reichstages aus der Kurmainzer Perspektive.
    109
     Ende Mai traf der Kaiser mit der gleichen Zahl von Reitern in Innsbruck ein (Schönherr, Krieg, S. 120).
    110
     So Wiesflecker, Maximilian IV, S. 261. Auch auf dem Kölner Reichstag von 1505 zog Maximilian mit exotisch wirkenden Truppen ein, führte in seinem Gefolge den angeblichen Prinzen von Fes mit und thematisierte bei den folgenden Verhandlungen auch einen Türkenkreuzzug (Heil, RTA-MR VIII/1, Nr. 345, S. 475f., Pkt. 14; Nr. 358, S. 500f., Pkt. 2). Die in Worms anwesenden Stände erkannten vermutlich den symbolischen Zusammenhang wieder, ignorierten ihn aber geflissentlich.
    111
     In Vertretung des weiterhin am Kaiserhof benötigten Pappenheim [Nr. 254] übernahm nach der Abreise des Kaisers der Untermarschall Friedrich Beyer dessen Aufgaben als Reichstagsfunktionär [Nrr. 262, Pkt. 11; 263, Pkt. 11].
    112
     Laut dem reichsstädtischen Protokoll fand die Eröffnungssitzung des Reichstages im Kaisersaal des Wormser Rathauses statt [Nr. 260, Pkt. 2], was jedoch wenig wahrscheinlich ist. Der kursächsische Bericht legt nahe, dass am 23.4. in der bischöflichen Pfalz getagt wurde [Nr. 422, Pkt. 1]. Für die Pfalz spricht außerdem, dass die Stände dort beispielsweise am 10.6. eine Resolution an die ksl. Kommissare übergaben [Nr. 259, Pkt. 26]. Im Übrigen fanden die Beratungen der Stände allerdings wie 1495 und 1497 (Gollwitzer, RTA-MR VI, S. 369, 372) grundsätzlich auf dem Wormser Rathaus, dem Bürgerhof (vgl.Bönnen, Rathaus, S. 11f.), statt [z. B. Nrr. 260, Pkt. 3, 10, 11; 262, Pkt. 1, 11; 263, Pkt. 9]. Ebenso wurden in der Regel dort die Resolutionen sowohl der ksl. Kommissare als auch der Stände präsentiert [z. B. Nrr. 259, Pkt. 25; 260, Pkt. 13, 15; 262, Pkt. 21]. Das Plenum tagte wie 1495 (Angermeier, RTA-MR V/2, Nr. 1851, S. 1677; Reuter, Worms als Reichstagsstadt, S. 128) aller Wahrscheinlichkeit nach in der großen Stube, dem Rats- bzw. Kaisersaal.
    113
     Helmrath, Reden, S. 281.
    114
     Eröffnungsvortrag Kg. Maximilians, wohl 1.5.1507 (Druck: Heil, RTA-MR IX/1, Nr. 150, S. 274–290).
    115
     Die übliche Kurienbildung wird in den Quellen nur vereinzelt erwähnt, z. B. im Zusammenhang mit den Beratungen am 22.5. [Nr. 262, Pkt. 1] und am 31.5. [Nr. 260, Pkt. 14 – Demnach traden … abgeschaiden.]. Sie ist in ihrer Bedeutung auch auf dem Wormser Reichstag vom Großen Ausschuss überlagert. Vgl. Heil, Reichstag, S. 254f.
    116
     Vgl. Steinmetz, Politik, S. 117–120.
    117
     Die Bürgerschaft bewertete die Anwesenheit des ihrer Ansicht nach überproportional stark mit Geistlichen, darunter zwei Wormser Domherren, besetzten Gerichts als Nachteil in ihrem Dauerkonflikt mit den Bischöfen von Worms (Smend, Reichskammergericht, S. 110; Petry, Bedeutung, S. 4).
    118
     Man wird Diederichs (Kaiser, S. 52f.) und Ulmann (Kaiser II, S. 376f.) zustimmen müssen, dass der Kaiser in Worms – zumindest anfänglich – versucht hatte, „die Stände absichtlich über die Tragweite seiner Abmachungen im Dunkeln zu lassen“ (ebd.).
    119
     Vgl. Tischer, Reichsreform, S. 700.
    120
     Heil, RTA-MR VIII/1, Nr. 357, S. 498, Pkt. 4. Vgl. Schmid, Pfennig, S. 573f.; Wild, Steuern, S. 221f.; Lanzinner, Pfennig, S. 272f.
    121
     Die Annahme von Hölbling (Maximilian, S. 61), dass anfänglich Gabriel Mördel (Straßburg) und Matthäus Neithart (Ulm) die Städte im Ausschuss vertreten hätten und Frankfurt nachnominiert worden sei, ist archivalisch nicht zu belegen. Vgl. Nr. 260, S. 380, Anm. 6.
    122
     Nachweise siehe Nr. 261, S. 387, Anm. 11.
    123
     Heil, RTA-MR IX/1, Nrr. 1517, S. 122–126; Nr. 150, S. 289 [Pkt. 26]; Nr. 166a, S. 336f. [Pkt. 13]; Nr. 166b, S. 342 [Pkt. 5]. Eine diesbezügliche Warnung an die Stände tauchte auch im ersten Reichstagsausschreiben vom 31.5.1508 noch einmal auf [Nr. 36, Pkt. 2].
    124
     Vgl. Tischer, Kriegsbegründungen, S. 52.
    125
     Nrr. 320, 408. Vgl. Ott, Präzedenz, S. 69f. Der unmittelbar anschließende Sessionsstreit zwischen Brandenburg und Pfalz, der beispielsweise am 28.5. den Auszug der Gesandten Mgf. Friedrichs aus dem Fürstenrat zur Folge hatte, wurde ebenfalls kurzfristig stillgelegt [Nrr. 262, Pkt. 11f.; 263, Pkt. 11–13].
    126
     Nr. 273 [Pkt. 3 – Dieser begerten hilf … zymlich ansehe.].
    127
     Druck: Scotti, Verordnungen Trier I, Nr. 38, S. 180–192; Würdtwein, Diplomataria II, Nr. CL, S. 411–422; Hirsch, Münz-Archiv VII, Nr. LII, S. 49–55; Hontheim, Historia II, Nr. DCCCLXXXI, S. 485–489.
    128
     Nrr. 261 [Pkt. 22], 262 [Pkt. 20 – Uf des ... zu beslissen.].
    129
     Bereits das Auftreten des für den gesamten Deutschen Orden, nicht nur für Preußen sprechenden Hochmeisters vor der Reichsversammlung wird angesichts der umstrittenen Reichsstandschaft als wichtiger Erfolg gewertet (Forstreuter, Ordensstaat, S. 39; Hofmann, Staat, S. 120).
    130
     Tischer, Kriegsbegründungen, S. 89 Anm. 48.
    131
     Vgl. auch Nr. 412 [Pkt. 2].
    132
     Aufzeichnung vom 16.6.1509 [Nr. 483, fol. 39 – Aber mein gnst. herr … sondern wollen; fol. 37’–38 – Het mein gnst. herr … nit wollen pergen.]. Ein Straßburger Kommentar zu den Verhandlungen zieht, mutmaßlich in entschuldigender Absicht, sogar die quantitative Mehrheit gegen die Reichshilfe in Zweifel: „Minora saepe praeponderant maiora unitate.“ (Zusammenstellung der ständischen Argumente; lat. Kop.; AV Straßburg, AA 329, fol. 18–18’).
    133
     Die Ankündigung der Kommissare in ihrem Bericht vom 5. Juni, den Kaiser darüber zu unterrichten, welche Stände wann (vorzeitig) vom Reichstag abreisen würden [Nr. 415], kann ebenfalls in diesem Sinne aufgefasst werden. Das ksl. Reichstagsprotokoll listet die an der Übergabe der Resolution beteiligten Personen – als mögliche Verantwortliche! – auf [Nr. 259, Pkt. 26]. Die mit der Übergabe betrauten Stände bzw. ihre Vertreter wichen allerdings in ihrer Zusammensetzung auffällig von der des Großen Ausschusses ab.
    134
     Vgl. Nr. 472.
    135
     Ihre Bereitschaft zur Fortsetzung der Verhandlungen durch Deputierte bekundeten die Reichsstände bereits am 3.6. [Nr. 279, Pkt. 6]. Am 6.6. meldeten dies auch die hessischen Gesandten nach Hause [Nr. 436].
    136
     Kurtrier fehlt wahrscheinlich irrtümlich in der Aufstellung. Da sich Ebf. Jakob als letzter Reichsfürst noch bis Mitte Juni in Worms aufhielt, ist davon auszugehen, dass er durch seine Räte auch an den Ausschusssitzungen teilnahm.
    137
     Vgl. Heil, Friedensproblematik, S. 52f.; Schliephake, Geschichte V, S. 516; Webern, Grafen, S. 122.
    138
     Smend, Reichskammergericht, S. 105f.; Hausmann, Residenzen, S. 153; Prange, Reichskammergericht, S. 17.
    139
     Vgl. Weber, Bemerkungen, S. 288–292. Der Umstand, dass Ebf. Uriel von Mainz bei seiner Abreise aus Worms am 12.6. die ksl. Siegel nicht, wie vorgesehen, dem Kammerrichter [Nr. 342], sondern zuerst an seinen Bruder, den Wormser Domdekan Erpho von Gemmingen, übergab [Nr. 418, Pkt. 1], ermöglichte jedenfalls die Ausfertigung des Reichsabschieds.
    140
     Auch Sebastian von Rotenhan, Assessor am Reichskammergericht, wollte nur von einem „beschlus“ sprechen [Nr. 488, Pkt. 1].
    141
     Als solcher wird er in einer ksl. Weisung [Nr. 514] und in einem Schreiben des Schwäbischen Bundeshauptmanns Matthäus Neithart [Nr. 489] bezeichnet. Das Reichstagsprotokoll der ksl. Kommissare gebraucht die tautologische Formel „Abschid und beslus“ [Nr. 303, Textkopf]. Der Rat der auf dem Wormser Reichstag vertretenen Stadt Mühlhausen spricht sogar von „dem abschied […], durch gemeine des Heilgen Reichs stende vorsamelunge beslossen“ (Or. Perg., dinstages nach Simonis et Jude apostolorum [30.10.]1509; ISG Frankfurt, Reichssachen II, Nr. 233, fol. [7–7’]).
    142
     Der Wormser Visitationsabschied des Jahres 1514 verzeichnet unter explizitem Bezug auf 1509 entsprechend erhöhte Zuwendungen (Kop., HHStA Wien, RK RKG-Visitationsakten 315, Fasz.[1], fol. 1–51’, hier 34).
    143
     Erwähnt in einer Weisung des Hochmeisters Friedrich von Sachsen vom 7.8. [Nr. 529] und in seinem Schreiben an Ebf. Uriel von Mainz vom 8.10.1509 [Nr. 531].
    144
     Edition der Akten: Seyboth, RTA-MR XI/1, Nrr. 221224. Vgl. Matison, Politik, S. 450–474.
    145
     Z. B. Hessen gegen Kurmainz [Nrr. 259, Pkt. 13; 561, Pkt. 3], Stadt Landau gegen Bischof von Speyer [Nrr. 123; 271, Pkt. 2; 366, Pkt. 1; 421, Pkt. 4], Schenken von Erbach gegen Hessen [Nrr. 259, Pkt. 14; 267, Pkt. 17; 326; 561, Pkt. 4; 562], Königstein gegen Hessen [Nrr. 164166; 259, Pkt. 12; 267, Pkt. 14; 421, Pkt. 7; 561, Pkt. 5].
    146
     Dies gilt bspw. auch für Bf. Gabriel von Eichstätt in einer unbekannten Angelegenheit (Kredenzbrief für den bfl. Hofmeister Georg von Gumppenberg, Or. Eichstätt, sambstag nach inventionis crucis [5.5.]1509; HHStA Wien, Maximiliana 20, Konv. 3, fol. 107–107’).
    147
     Als gesellschaftliches Großereignis war der Wormser Reichstag verglichen mit anderen Reichsversammlungen deutlich defizitär. Aufgrund der Abwesenheit des Reichsoberhaupts und – abgesehen von den Kurfürsten – der geringen Zahl persönlich teilnehmender Fürsten blieb die soziale Spitze der Reichsgesellschaft unterrepräsentiert. Der Kaiser fehlte als Initiator und zentripetales Moment der die Reichstage geradezu mitkonstituierenden Zeremonien und Feierlichkeiten. Man könnte überdies vermuten, dass angesichts des unerhörten Verlaufs der Reichstagsverhandlungen die Teilnehmer sich auch bewusst in Zurückhaltung übten. Prunkvolle Feste passten nicht recht zur Reichshilfeverweigerung.
    148
     Wie aus einem Nürnberger Schreiben [Nr. 494] hervorgeht, wurden die Drucke bspw. von ksl. Boten in den Reichsstädten verlesen und auch an einzelne Bürger verkauft. Vgl. Ulmann, Kaiser II, S. 373f.; Schubert, Reichstage, S. 191; Müller, Publizistik, S. 115f.
    149
     Vgl. die – zweifellos fiktive – Antwort Ks. Maximilians an Gesandte Venedigs in einem im Sommer 1509 erschienenen Druck (BSB München, 4 Ded. 74 [= Eur. 330–19], unfol.[auch Online-Ressource]; GStB Berlin, Flugschr. 1508–1, fol. 17–25; ÖNB Wien, 43.V.75. [auch Online-Ressource]). Vgl. Tischer, Wandel, S. 20f.; Dies., Öffentlichkeit, S. 109f.
    150
     So meldete der englische Gesandte Thomas Spinelly am 26. Juni aus Den Haag, dass der Reichstag dem Kaiser 12 000 Mann bewilligt habe (Brodie, Letters I/1, Nr. 83, S. 44).
    151
     Vgl. zur Gewährung der Kriegsanleihe für Ks. Maximilian durch die Städte Seyboth, RTA-MR XI, Nrr. 394f., 398, 400402, 408, 418f., 438. Von den wichtigen Reichsstädten hatte sich demnach nur Köln verweigert (ebd., Nr. 435).
    152
     Seyboth, RTA-MR XI/1, Nr. 392; Janssen, Reichscorrespondenz II, Nr. 978, S. 779–782; Wiesflecker-Friedhuber, Quellen, Nr. 51, S. 175–178.
    153
     Der angestrebte Gesamtumfang der Anleihe umfasste über 100 000 Gulden, wovon die Stände bis März 1510 immerhin ein gutes Drittel bezahlten (Seyboth, RTA-MR XI/1, Nr. 419). Das von Seyboth edierte Verzeichnis wurde aufgrund eines fehlerhaften Datierungsvermerks auf dem Aktenstück bislang irrtümlich als zum Wormser Reichstag gehörig eingeordnet und deshalb vermutet, dass die dort versammelten Stände doch noch eine Hilfe gewährt (Faulde, Uriel, S. 90) oder die ksl. Reichstagskommissare erfolgreich Anleihen aufgenommen hätten (Wiesflecker, Maximilian IV, S. 263). Die Zugehörigkeit des Stücks zu den Akten des Augsburger Reichstages von 1510 ist indessen unzweifelhaft.
    154
     Für 1509 sind als neue Prokuratoren nachweisbar: ab dem 22.1. Dr. Wolfgang Rem (Baumann, Prokuratoren, S. 184; Frey, Gericht, S. 273), ab dem 27.2. Georg Krell (Harpprecht, Staats-Archiv III, S. 468), ab dem 28.2. Johannes Drach (ebd.; Baumann, ebd., S. 179), ab dem 5.9. Reinhard Thiel (ebd., S. 178) und [Johann] Sybolt sowie ab dem 28.9. Friedrich Kreutner (Seiler/Barth, Urtheil, unpag. [Tabulae Personarum]; Harpprecht, ebd., S. 468; Mencke, Visitationen, S. 19 Anm. 114). Neue Advokaten waren ab dem 5.9. der allerdings kurze Zeit später verstorbene Petrus von Ravenna (ebd.; Boos, Quellen III/2, S. 543; Meuthen, Universitätsgeschichte I, S. 212f.), Bartholomäus Ehrenbrecht und Philipp Sonner sowie ab dem 12.12. ein N. Meuradsgaden (Seiler/Barth, ebd.; Harpprecht, ebd., S. 468). Insgesamt stieg die Zahl der Prokuratoren am Reichskammergericht, die bis 1507 zwischen 5 und 11 geschwankt hatte, mit 16 Personen um 1510 auf einen ersten Höhepunkt (Baumann, Advokaten, S. 557) – ein Indiz für eine erhöhte Prozesstätigkeit.
    155
     Peter Herxheimer und Georg Spelt wurden bereits im Juli 1509 wieder als Ingrossisten bestallt, Caspar Zwengel und Augustin Molitoris hingegen erhielten erst im Juli 1511 ein neues Dienstverhältnis (Abrechnung von 1514; HHStA Wien, RK RKG-Visitationsakten 315, hier fol. 28’, 29’, 30, 46).
    156
     Vgl. z. B. die Aufstellung der jährlich ergangenen Urteile bei Prange, Reichskammergericht, S. 17.
    157
     Vgl. die Visitationsakten von 1514 (Kop.; HHStA Wien, RK RKG-Visitationsakten, Kart. 315, Fasz. 1, hier fol. 2’–3, 8–18) und eine auf dem Augsburger RT von 1518 vorgelegte Abrechnung über die Einzahlungen der vergangenen elf Jahre (Kop.; ebd., Fasz. 2, fol. 2–26).
    158
     Konstanzer Reichsabschied vom 26.7.1507, § 20 (Druck: Heil, RTA-MR IX/1, Nr. 268, S. 532).
    159
     Die Klassifizierung der Frankfurter Versammlung als „Reichstag“ (z. B. Herzfelder, Reichsmünzstätten, S. 8; Weisenstein, Geldwesen, S. 163) oder „Reichsdeputationstag“ (Christmann, Bemühen, S. 41) ist falsch bzw. irreführend. Der Teilnehmerkreis setzte sich ausschließlich aus Ständen zusammen, die mit dem Goldmünzprivileg begabt waren.
    160
     Nachweise siehe Nr. 523, S. 762, Anm. 4.
    161
     Angermeier, RTA-MR V/1, Nr. 1593, S. 1144, § 7; Schneider, Untersuchungen, S. 23.
    162
     Druck: Gollwitzer, RTA-MR VI, Nr. III/119, S. 733–735.
    163
     Augsburger Reichsabschied vom 22.5.1510, § 20 (Druck: Seyboth, RTA-MR XI, Nr. 125).
    164
     Vgl. Christmann, Bemühen, S. 41; Schneider, Goldgulden, S. 98f.
    165
     Aulinger, RTA-JR XVI, Nr. 60, S. 378; Nr. 66, S. 874 (dort irrtümlich als Münzordnung der rheinischen Kurfürsten bezeichnet). Den Einfluss der Probierordnung von 1509 auf spätere Münzordnungen zu analysieren, ist hier natürlich nicht der Ort.
    166
     So Rapp, Maximilien, S. 226f. Vgl. zur Mission des venezianischen Gesandten Antonio Giustinian: Lampertico, Commissione, S. 278–285; Sanuto, Diarii VIII, Sp. 252, 265, 290, 295, 299, 309, 314, 317f., 339f., 349, 380, 435; Bonardi, Note, S. 15–29; Ulmann, Maximilian II, S. 381; Wenko, Kaiser, S. 27f.; Wiesflecker, Maximilian IV, S. 48; Britnell, Reply, S. 574–584.

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    «2. Der Wormser Reichstag  »

    «2.1. Vorgeschichte »

    Der unmittelbar nach der Kaiserdeklaration Maximilians I. im Februar 1508 eröffnete Feldzug gegen Venedig endete sehr bald in einem militärischen Desaster. Der Kaiser sah sich zur Rückkehr in das Reich veranlasst, zum einen wegen der Gefährdung der burgundischen Erblande durch den von Frankreich unterstützten Herzog Karl von Geldern, zum anderen wollte er sich um weitere Hilfen aus dem Reich für die Fortsetzung des Krieges nicht nur gegen Venedig, sondern für einen umfassenden Rachefeldzug gegen alle für das Scheitern des Romzugs und somit für die improvisierte Kaisererhebung in Trient verantwortlich gemachten Feinde des Hauses Habsburg bemühen.17 Immer neue Planungsansätze hierfür korrespondierten mit kurzfristig aufeinander folgenden Ladungen an Reichsstände nach Ulm, Oberwesel, Speyer, Frankfurt und schließlich Mainz (Nrr. 1, 3, 4, 6, 9; 10, Pkt. 1). Der Ende März/Anfang April 1508 in Ulm abgehaltene Schwäbische Bundestag sollte nach den Plänen Maximilians durch Nichtmitglieder wie Kursachsen, Pfalz oder Eichstätt zu einer alternativen Versammlungsform erweitert werden (Nr. 25, Anm. 1). Letztlich verweigerten die Bundesstände die Kooperation und verwiesen auf die Zuständigkeit der Institution Reichstag (Nrr. 2, 5; 10, Anm. 8). Ohne den allerdings absehbaren Ausgang der Verhandlungen abzuwarten, beschied der Kaiser eine Reihe von Ständen nach Mainz.

    Der Mainzer Tag wurde sowohl von Zeitgenossen als auch Historikern mitunter als Reichstag18, häufiger jedoch als Kurfürstentag klassifiziert und der VorŠgang demzufolge als letztlich misslungener Versuch des Reichsoberhaupts bewertet, vier Jahre nach dem Tod Bertholds von Henneberg die Kurfürsten unter Umgehung der ständischen Gesamtheit exklusiv für seine (außen-)politischen Ziele einzuspannen.19 Natürlich bildeten die persönlich anwesenden Kurfürsten von Mainz, Trier und Sachsen zusammen mit dem Kurbrandenburger Gesandten Eitelwolf vom Stein den Kern der Versammlung. Ein Vertreter Erzbischof Hermanns von Köln traf wenigstens rechtzeitig zur Schlussphase der Verhandlungen ein.20 Sogar der Kaiser sah sich verpflichtet, in seiner ersten Instruktion vom 30. April die Vertretung Kurfürst Joachims durch einen Gesandten mit der großen räumlichen Distanz und die Nichtberücksichtigung Böhmens, „der sich gegen dem Reich keiner gehorsam bekennet“, sowie der Kurpfalz, „nachdem die in irsal steet“, gegenüber den anwesenden Kurfürsten zu rechtfertigen (Nr. 10, Pkt. 4). Von Anfang an war indessen die Einbeziehung nichtkurfürstlicher Stände vorgesehen. An den Beratungen nahmen Bischof Lorenz von Würzburg sowie Gesandte Herzog Wilhelms von Jülich und Landgraf Wilhelms von Hessen teil. Ihre Mitverantwortlichkeit für getroffene Beschlüsse fand jedenfalls in einigen Resolutionen an den Kaiser ihren Niederschlag in Wendungen wie: „Curfursten, fursten und die potschaften, so auf ksl. Mt. beschreiben ytzo zu Menz sein“ (z. B. Nr. 23, Pkt. 1). Gesandte der bayerischen Vormundschaftsregierung wie auch der Stadt Köln und wahrscheinlich Frankfurts waren zumindest als geladene Beobachter und zur Wahrnehmung eigener Interessen in Mainz anwesend. Man ist deshalb geneigt, der Bewertung dieser Versammlung als einem „irregulären, ständisch gemischten Konvent“21 zuzustimmen.

    Jülich und Hessen waren als neben den Hansestädten (womit wohl die Einladung an Köln erklärt ist) vorrangig von der projektierten Zwangsanleihe betroffene Stände, aber eben auch zur Teilnahme an den Beratungen der Kurfürsten hinzugeladen worden. Dieser Schritt hatte wie so oft bei Maximilian pragmatische und verhandlungstaktische Gründe. Da in Jülich und Hessen problematische Regierungswechsel anstanden, war hier am ehesten auf einen Erfolg der Anleihe zu rechnen. Gleichzeitig stand zu vermuten, dass diese Stände in Mainz für eine Reichshilfe eintreten würden, um sich eine solche Sonderbelastung zu ersparen. Doch hatte die von keinem Geringeren als dem führenden kaiserlichen Rat Matthäus Lang angeführte Delegation auf dem Mainzer Tag Škeine Chance, die von Kurfürst Friedrich von Sachsen angeführte Opposition zu überwinden. Dabei waren die anwesenden Stände noch nicht einmal über die bereits angelaufenen Waffenstillstandsverhandlungen mit Venedig informiert worden.

    Der Kaiser sah sich genötigt einzulenken. Er berief mit Ausschreiben vom 31. Mai den in Mainz und auf dem Schwäbischen Bundestag in Ulm als notwendige Voraussetzung für die Bewilligung einer Reichshilfe geforderten Reichstag nach Worms ein. Als Zielsetzung definierte Maximilian eine Kriegshilfe gegen Frankreich und Venedig (Nr. 36). Doch noch bevor das gedruckte Ausschreiben ausgehen konnte, kam am 6. Juni unter dem Eindruck einer Serie von Misserfolgen der kaiserlichen Truppen der dreijährige Waffenstillstand von Arco zustande. Maximilian gedachte den Krieg gegen Venedig zu einem späteren Zeitpunkt fortzusetzen. Zuerst sollte Geldern unterworfen werden.22 Offensichtlich beabsichtigte er nicht, dafür die Unterstützung des Reiches heranzuziehen. Deshalb verlegte er den Reichstag vom 16. Juli auf den 10. August (Nrr. 36 [Pkt. 4]; 40). Am 26. Juni sagte der Kaiser auch den Ersatztermin ab (Nr. 42). Doch gut zwei Wochen später, am 14. Juli, wurde ein zweites Reichstagsausschreiben für den 1. November erstellt. Maximilian machte kein Hehl daraus, dass der Waffenstillstand mit Venedig allein der militärischen Notlage geschuldet war, schob aber die Verantwortung für dessen absehbaren Bruch vorsorglich der Gegenseite zu. Für diesen Fall sollten die Stände über die Behauptung der Reichsrechte in Italien, insbesondere der Kaiserwürde, und die militärische Sicherung der Erblande beraten. Maximilian kündigte an, bis zum Reichstag das aufständische Geldern zu unterwerfen. Noch ehe dieses zweite gedruckte Ausschreiben ausging, sah sich der Kaiser angesichts der massiven französischen Unterstützung für Herzog Karl von Geldern und der Verweigerung der niederländischen Stände bei völlig unzureichenden eigenen Mitteln erneut in die Defensive gedrängt (Nrr. 44f.). Dies gab wohl den Ausschlag dafür, dass er am 23. Juli gegenüber Erzherzogin Margarethe seine Einwilligung zu Waffenstillstandsverhandlungen mit Frankreich erklärte und damit seine Eroberungspläne gegen Geldern preisgab.23 Da er ungeachtet dieser neuen politischen Entwicklung den Termin für den Reichstag weiterhin bestätigte (Nrr. 185f.; 473, Pkt. 1), stellten sich die Reichsstände auf dessen Abhaltung ein und begannen mit ihren Vorbereitungen. Erste Teilnehmer trafen bereits in Worms ein. Gut informierte Fürsten wie Erzbischof Jakob von Trier blieben allerdings zu Hause, um dort die weitere Entwicklung abzuwarten (Nr. 201).

    Denn inzwischen hatte die kaiserliche Außenpolitik eine weitere Wendung erfahren. Bald nach dem Waffenstillstand von Arco zeichnete sich das Eintreten eines vorrangigen außenpolitischen Ziels der kaiserlichen Regierung ab: die Trennung der Verbündeten Frankreich und Venedig. Bereits Mitte OktoŠber konnte Erzherzogin Margarethe einen sechswöchigen Waffenstillstand mit Frankreich unter Einbeziehung Herzog Karls von Geldern vermitteln.24 Auf dem Kongress in Cambrai mündete der Waffenstillstand am 10. Dezember in einen Friedensvertrag. Die Verhandlungsführer vereinbarten außerdem ein gegen Venedig gerichtetes Bündnis zwischen Papst Julius, Kaiser Maximilian, König Ludwig von Frankreich und König Ferdinand von Spanien. Maximilian ratifizierte am 26. Dezember als erster Vertragspartner das Abkommen. Am gleichen Tag entschuldigte er in einem Ausschreiben an die Reichsstände seinen langen Aufenthalt in den Niederlanden und sein Fernbleiben vom Reichstag mit den bis dahin offiziell nicht mitgeteilten Friedensverhandlungen mit Frankreich und informierte sie über deren erfolgreichen Abschluss, jedoch nicht über das antivenezianische Bündnis. Nun endlich wurde der nach Worms einberufene Reichstag auf den 21. Februar verschoben. Dort sollte über die Angelegenheiten des Reiches, der deutschen Nation und der Christenheit beraten werden (Nr. 50), womit der Kaiser die Stände über seine Zielsetzung für den Reichstag vollständig im Unklaren beließ. Diese Unterlassung lag vorderhand in der notwendigen Geheimhaltung des bevorstehenden Angriffs auf Venedig, aber auch im fortgesetzten Misstrauen gegen die französischen Absichten begründet. Treibende Kräfte für den Ausgleich auf habsburgischer Seite waren Erzherzogin Margarethe und Matthäus Lang, aus der Warte Maximilians mochten die Verhandlungen eher taktisch begründet gewesen sein25. Zugleich wird man eine gewisse Rücksichtnahme auf reichsständische Interessen einkalkulieren.

    Die aufgrund eines Antrags der Herren von der Leiter drohende Achterklärung gegen Venedig durch das Reichskammergericht rief die oberdeutschen Handelsstädte, voran Augsburg und Nürnberg, auf den Plan, die unter Einschaltung der Innsbrucker Regierung beim Kaiser und auch beim Reichskammergericht gegen einen solchen Schritt intervenierten (Nrr. 6674). Wenn Maximilian daraufhin tatsächlich die Sistierung des Verfahrens verfügte (Nr. 75), so verhielt er sich eigentlich konträr zu seiner außenpolitischen Zielsetzung, begab er sich doch eines rechtlichen Instruments gegen die Serenissima. Doch handelte der Kaiser auch in diesem Fall rein taktisch. Bereits Anfang Januar hatte er einige ausgewählte Reichsfürsten, nicht jedoch die Reichsstädte, vertraulich Šüber den bevorstehenden Krieg gegen Venedig informiert (Nr. 52).26 Tatsächlich wird er seine Kommissare auf dem Wormser Reichstag anweisen, entweder eine Achterklärung des Reichskammergerichts oder der Reichsversammlung zu erwirken bzw. diese notfalls selbst zu erlassen (Nr. 271, Pkt. 21).

    Trotz des offenkundigen Misstrauens Maximilians gegen Frankreich – noch Ende März 1509 erschien ihm ein Einsatz der französischen Truppen gegen ihn oder den Papst anstatt gegen Venedig durchaus möglich27 und auch das Konkurrieren um die militärischen Ressourcen der Eidgenossen hielt an28 – ließ er sich anders als Papst Julius, der als letzter Vertragspartner erst am 23. März das Bündnis ratifizierte29, auf keine Ausgleichsverhandlungen mit Venedig mehr ein. Der venezianische Gesandte Giovanni Pietro Stella bemühte sich vergeblich um eine Audienz.30 Ebenso misslang die ab Februar versuchte Einschaltung König Heinrichs VII. von England als Vermittler wegen dessen tödlicher Erkrankung.31 Der kaiserliche Rat Luca de Renaldis, über den Venedig ein Geldangebot für die Rückeroberung Mailands lancieren wollte, wurde auf Befehl Maximilians sogar kurzzeitig verhaftet.32 Paul von Liechtenstein äußerte sich gegenüber dem nach Innsbruck entsandten Zaccaria Contarini zwar entgegenkommend, verwies aber entsprechend einer kaiserlichen Anweisung auf die Ergebnisse der bevorstehenden Verhandlungen mit den Reichsständen.33 Es Šbedurfte nicht erst dieses Hinweises, um die Aufmerksamkeit der Serenissima auf den Reichstag zu lenken. Seit Monaten ließ man sich von verschiedenen Gewährsleuten – nicht immer zuverlässig – über die Anläufe zu dessen Einberufung und die wiederholte Verschiebung des Eröffnungstermins unterrichten.34 Gleichzeitig versuchte der Doge, im Friedenssinne insbesondere auf die vom Venedighandel profitierenden Reichsstände einzuwirken.35

    Schon aufgrund dieser außenpolitischen Dynamik erwiesen sich die mit Hinblick auf den 21. Februar angelaufenen, ohnehin bald von Gerüchten über eine erneute Verschiebung begleiteten Vorbereitungen der Stände für den Reichstag einmal mehr als vergebens. Mit Schreiben vom 15. März setzte Maximilian I. viel zu kurzfristig für den 25. März einen weiteren Termin an (Nrr. 219f.). Eine nochmalige förmliche Vertagung folgte allerdings nicht mehr.36 Anfang April informierte der Kaiser die Stände, dass er auf dem Weg nach Worms befindlich sei, und forderte sie zum Erscheinen auf dem Reichstag auf (Nrr. 227229, 236). Maximilian selbst traf am 21. April dort ein und eröffnete die Reichsversammlung am folgenden Tag.

    «2.2. Organisation und personelle Zusammensetzung des Reichstages »

    Worms hatte seit dem ersten Ausschreiben vom 31. Mai 1508 als Tagungsort festgestanden. Alternativen wurden ungeachtet der wechselnden kaiserlichen Planungen gegen Frankreich, Geldern und Venedig nicht ernsthaft erörtert. Obwohl mit 7000 Einwohnern nur eine Reichsstadt mittlerer Größe37, zählte Worms seit 1495 zum festen Kreis der Reichstagsorte. Für die Stadt sprachen die verkehrsgünstige Lage am Rhein, die gute Quartiersituation und die zur Verfügung stehenden Freiflächen mit der Möglichkeit, kurzfristig eine große Zahl von Gästen provisorisch unterzubringen.38 Offenbar blieben 1509 aufgrund deren vergleichsweise geringen Zahl – der Kaiser hielt sich mit seinem ŠGefolge von 1000 Pferden nur drei Tage lang in der Stadt auf, die persönlich anwesenden Reichsfürsten, sogar Kurfürst Friedrich von Sachsen, kamen nur mit kleinem Gefolge39 – auch die Lebensmittelpreise auf niedrigem Niveau stabil.40 Ob der im Umgang mit Großveranstaltungen routinierte Wormser Magistrat regulierend eingegriffen hat, lässt sich mangels Quellen nur vermuten. Sehr wohl aber unterstützte er die kaiserlichen und ständischen Furiere bei der Quartierbeschaffung (Nrr. 206, 212, 214, 216)41 und bemühte sich auch um eine Verbesserung des äußeren Erscheinungsbilds der Stadt (Nr. 215).

    Zweck des Wormser Reichstages war nach den Ankündigungen des unter erheblichem Zeitdruck stehenden Kaisers – gemäß dem Vertrag von Cambrai sollte er binnen vierzig Tagen nach der für den 1. April vorgesehenen, tatsächlich Mitte April erfolgten Eröffnung des Feldzugs durch seine Verbündeten die Kampfhandlungen aufnehmen – die angesichts seiner desolaten finanziellen Situation eigentlich dringend benötigte Reichshilfe für den Krieg gegen Venedig. Sein fortbestehendes Misstrauen gegen Frankreich und Angelegenheiten der Niederlande hatten den Kaiser länger als geplant dort aufgehalten. Gleichzeitig war der außenpolitische Systemwechsel von Cambrai den Reichsständen kaum kommuniziert worden.42 Noch auf dem Konstanzer Reichstag von 1507 und Šweit bis in das Jahr 1508 hinein hatte die habsburgische Propaganda gegen Frankreich als den natürlichen Erbfeind des Reiches polemisiert (z. B. Nr. 27, Anm. 2; 36, Pkt. 2; 44, Pkt. 1; 46). Verschiedentlich wird die Skepsis der Stände hinsichtlich der Folgen des Venezianerkriegs angesichts des militärischen Ungleichgewichts zwischen König Ludwig von Frankreich und Kaiser Maximilian erkennbar, wenn etwa Bischof Wilhelm von Straßburg die ersten französischen Siegesmeldungen zu der Einsicht veranlassten, dass „der Kg. von Frankrich triumphirt und wir armen Duetschen ganz und gar verloschen syn“ (Nr. 427, Pkt. 2).43 Anders als vor dem Konstanzer Reichstag von 1507 hatte Maximilian auch darauf verzichtet, die Positionen der Reichsstände zu sondieren und den Antagonismus zwischen seinem rein kriegsorientierten Regierungskonzept44 und der außenpolitisch defensiven bis passiven Ausrichtung der meisten Reichsstände aufzuweichen.45 Offenbar maß er angesichts der aus seiner Perspektive ohnehin ungenügenden Reichshilfen – wie zuletzt auf dem Konstanzer Reichstag kritisiert46 – einem Reichshilfebeschluss keine entscheidende Bedeutung zu. Nach seinem eigenen Bekunden hatte es Priorität, in Tirol persönlich die Kriegsvorbereitungen zu treffen und anschließend weiter nach Oberitalien zu ziehen. Der Kaiser verließ Worms nach nur dreitägigem Aufenthalt. Es ist müßig zu spekulieren, ob er länger geblieben wäre, hätten die anwesenden Stände nicht den hinhaltenden Bescheid erteilt, vor Eintritt in die Beratungen das Eintreffen weiterer Teilnehmer abwarten zu müssen (Nr. 260, Pkt. 4). Maximilian hatte schon vor seiner Ankunft einen nur kurzen Aufenthalt in Worms angekündigt (Nrr. 60, Pkt. 2; 219f.; 228; 229, Pkt. 1).47 Ungeachtet des Drängens seiner Verbündeten reiste der Kaiser indessen nur langsam weiter in Richtung Kriegsschauplatz. Erst am 29. Mai erreichte er Innsbruck, am 13. Juni ŠTrient. Für die europa- und reichspolitisch bedeutungslosen Unterredungen mit Herzog Wilhelm von Bayern in Kaufbeuren (Nrr. 146149, 395f., 433f.) hatte der Kaiser während seiner Reise ungleich mehr Zeit erübrigt als für den Reichstag.

    Offenkundig spielte dieser in den Planungen der Reichsregierung im Frühjahr 1509 keine entscheidende Rolle mehr. Die Verhandlungen mit den in Worms versammelten Reichsständen sollten einige bevollmächtigte Räte übernehmen, obwohl hinsichtlich der geringen Erfolgsaussichten einer Reichsversammlung absente imperatore nach den schlechten Erfahrungen von Lindau (1496/97), Worms (1497) und – bis zur monatelang verzögerten Ankunft des Reichsoberhaupts – auch Freiburg (1497/98)48 eigentlich kein Zweifel bestanden haben dürfte. Tatsächlich kalkulierte Maximilian selbst ein Scheitern des Reichstages durchaus ein (Nr. 61, App. g). So setzte er unabhängig vom Reichstagsgeschehen, dabei überaus erfolgreich, seine Bemühungen um die Erschließung ertragreicherer Geldquellen fort. Diese betrafen die Verbündeten49, befreundete Monarchen50, die Generalstaaten der
     ŠNiederlande51, die österreichischen Landstände52, die schwäbische Hochfinanz53 und als zufällig sich ergebende Gelegenheit das Erbe des Anfang März 1509 als einem der reichsten Männer Europas54 in Rom verstorbenen Kardinalbischofs von Brixen, Melchior von Meckau.55

    Die Frage drängt sich auf, warum der Kaiser überhaupt die Blamage eines gescheiterten Reichstages riskierte. Abgesehen von der Hoffnung, ungeachtet aller schlechten Vorzeichen doch wenigstens eine kleine Reichshilfe herauszuschlagen, scheint der Reichstag nicht zuletzt als Kulisse für die Verhandlungen mit den Landständen, vermutlich auch mit den Verbündeten und anderen Geldgebern des Kaisers gedient zu haben. Die von Maximilian genährte Aussicht auf die Beteiligung des Reiches am Venezianerkrieg mochte deren Investitionsbereitschaft noch steigern. Und jedenfalls die niederösterreichische ŠLändergruppe erklärte den Beistand des Reiches ohnehin zur Voraussetzung für ein eigenes Engagement in dem von den Landständen eigentlich abgelehnten Angriffskrieg gegen Venedig (Nrr. 135; 137, Pkt. 1).

    Die untergeordnete Bedeutung des Wormser Reichstages in den Planungen der Reichsregierung erklärt auch die Auswahl der kaiserlichen Reichstagskommissare. War kurzzeitig mit Graf Eitelfriedrich von Hohenzollern wenigstens ein Rat aus dem engeren Umfeld des Kaisers dafür vorgesehen (Nr. 381), so trifft dies auf die dann tatsächlich eingesetzten Vertreter nicht zu. Auch zählten die Kommissare mit Ausnahme Erasmus Toplers56 nicht einmal zu den ständigen Angehörigen des Kaiserhofes. Für den bedingungslos kaisertreuen Markgrafen Kasimir von Brandenburg sprach trotz seiner Jugend seine wiederholte Bewährung als Diplomat und Militär in Diensten Maximilians I.57 Die erneute Nominierung des bereits 1496/97 in Lindau, 1497 in Worms, 1497/98 in Freiburg und 1499 sowie 1508 in Mainz eingesetzten Grafen Adolf von Nassau-Wiesbaden stand vermutlich im Zusammenhang mit der vom Kaiser betriebenen Verlegung des Reichskammergerichts von Regensburg nach Worms. Nassau, bereits 1500/01 Kammerrichter, übernahm dieses Amt unmittelbar im Anschluss an den Reichstag erneut. Er konnte auf einen langen Cursus honorum im Dienst der Habsburger zurückblicken, unter anderem als Generalstatthalter in Geldern und als Hofmeister Maximilians. Was Nassau zudem für das Reichstagskommissariat qualifizierte, war sein hohes Ansehen bei den Reichsfürsten.58 Als Angehörige des Hochadels konnten er und Markgraf Kasimir wenigstens bis zu einem gewissen Grad auch den Ansprüchen an die Herrschaftsrepräsentation des Reichsoberhauptes Genüge leisten. So setzte sich der Markgraf bei den Verhandlungen, nachdem die Stände ihre Plätze eingenommen hatten, im Wortsinne an die Stelle des Kaisers, Nassau und Sigmund von Fraunberg platzierten sich ihm gegenüber (Nr. 260, Pkt. 7). Die übrigen Kommissare waren vor allem als Fachleute gefragt: Der frühere Marschall Herzog Georgs von Niederbayern und nach dem Landshuter Erbfolgekrieg in kaiserliche Dienste getretene Fraunberg empfahl sich aufgrund seiner langjährigen Reichstagserfahrung und als bewährter Diplomat.59 Der nachträglich hinzugezogene Nürnberger Erasmus Topler gehörte bereits auf dem Mainzer Tag zur kaiserlichen Delegation. Der vielfach im Auftrag Maximilians als Vermittler erprobte Stuttgarter Propst Ludwig Vergenhans qualifizierte sich außerdem wegen seiner Reichstagskompetenz und als Experte für den Schwäbischen Bund60, Šder als Sammelbecken der habsburgischen Klientel Südwestdeutschlands für die Reichspolitik Maximilians eine zentrale Rolle spielte. Der kaiserliche Rat Ernst von Welden und der – dringend erwartete (Nrr. 401, Pkt. 1; 406, Pkt. 3) – Protonotar Johann Storch wurden nach Beginn des Reichstages von Maximilian mit Spezialaufträgen nach Worms geschickt. Welden war anscheinend ausschließlich mit Verhandlungen über das Jubelablassgeld betraut61, Storch reiste mit den für die Ausfertigung der zu erstellenden Dokumente durch den Reichserzkanzler Erzbischof Uriel von Mainz benötigten kaiserlichen Siegeln (Nrr. 271, Pkt. 4; 342), als Ablösung oder Entlastung des Sekretärs der Kommissare, Andreas Christian, und zu Verhandlungen vor allem über Streitsachen, aber auch für weitere Instruktionen an die Kommissare (Nrr. 271; 406, Pkt. 3) nach Worms.62 Gleichwohl deuteten die Kommissare in ihren Berichten verschiedentlich sowohl ihre Arbeitsüberlastung (Nrr. 397, Pkt. 2; 402) wie auch ihre Unterfinanzierung an (Nrr. 397, Pkt. 3; 415; 420, Pkt. 7). Dabei handelte es sich jedenfalls um Risikofaktoren hinsichtlich des reibungslosen Ablaufs der Verhandlungen. Zu diesen ist auch die Außenkommunikation des Reichstages zu zählen.

    Die Kommissare waren bei den Verhandlungen an die Vorgaben ihrer Instruktionen und Weisungen – „daraus uns zu geen nit gepurt“ (Nr. 409) – gebunden und verfügten somit kaum über einen eigenen Spielraum. Mussten sie sich nach der Abreise des Kaisers am 24. April drei Wochen lang gedulden, bis endlich am 14. Mai ihre Reichstags-Instruktionen eintrafen (Nrr. 389, 392, 397) und zwei Tage darauf die Verhandlungen des Reichstages fortgesetzt werden konnten, sahen sie sich auch in dessen weiteren Verlauf wiederholt genötigt, auf Stellungnahmen des Kaisers zu warten (Nrr. 400, Pkt. 3; 401, Pkt. 1; 406, Pkt. 2; 408, Pkt. 2; 414, Pkt. 2; 416, Pkt. 2; 417, Pkt. 3; 418, Pkt. 5). Diese Verzögerungen mögen auch der Unausgeglichenheit und Entschlussschwäche des zusehends alternden Kaisers63 sowie Reibungen zwischen den führenden Škaiserlichen Räten Matthäus Lang, einem der Architekten des Vertragswerks von Cambrai, Zyprian von Serntein und dem einem Krieg gegen Venedig eher abgeneigten Paul von Liechtenstein64 geschuldet gewesen sein. Die ohnehin schon bestehende Ineffizienz einer überlasteten und nach heutigen Maßstäben systemisch korrupten Reichsregierung65 wurde dadurch noch vergrößert. Wenngleich sich der Kaiser immer weiter vom Tagungsort entfernte66 – seine letzte Weisung, die den Reichstag noch rechtzeitig erreichte, datierte aus Innsbruck vom 3. Juni (Nr. 411) –, stieg dank der von ihm verfügten Verdopplung der Postreiter (Nrr. 276, Pkt. 2; 421, Pkt. 8) wenigstens der Zeitaufwand für die Übermittlung der Weisungen, Berichte und Verhandlungsakten nicht entscheidend an.67 Die ständischen Gesandten hingegen begleitete das Problem einer möglichst zeitnahen Abstimmung ihres Vorgehens mit ihren Obrigkeiten zu Hause auf jedem Reichstag. Als grundsätzliches Handicap von Kommissar-Reichstagen gesellte sich noch hinzu, dass die kaiserlichen Vertreter viel weniger als das Reichsoberhaupt selbst den eingespielten Do-ut-des-Mechanismus zwischen der Betreuung der partikularen Anliegen der Stände und ihrem EntgeŠgenkommen bei den Reichshilfeforderungen des Kaisers bedienen konnten.68 Zwar sollten diese Defizite durch die den Kommissaren aufgetragene intensive Schiedstätigkeit (Nr. 271) kompensiert werden, doch zeitigte diese zusätzliche Kompetenz keine entscheidende reichstagspolitische Wirkung. Denn die Konstellation auf ständischer Seite stand für die kaiserliche Reichstagspolitik ungünstig.

    Immerhin konnte das Verhältnis des Kaisers zu den geistlichen Kurfürsten insgesamt als gut bezeichnet werden. Der 1508 gewählte Mainzer Erzbischof Uriel von Gemmingen galt als ergebener Anhänger Maximilians.69 Die anstehende, bei seinem Vorgänger Jakob von Liebenstein wegen der von Maximilian reklamierten Reichsunmittelbarkeit der Stadt Mainz noch problematische Reichsbelehnung legte überdies Wohlverhalten mit Hinblick auf die kaiserlichen Ziele für den Wormser Reichstag nahe.70 Durch die rasche Belehnung bereits bei der Eröffnung des Reichstages angesichts seiner bevorstehenden Abreise begab sich Maximilian allerdings dieses Druckmittels. Tatsächlich ist ein eigenständiges Profil Erzbischof Uriels bei den Verhandlungen kaum erkennbar. Gegen die Unterstützung der kaiserlichen Reichshilfeforderung sprach jedenfalls die angespannte finanzielle Situation des Erzstifts und mehr noch des Erzbischofs selbst.71 Die vom Kaiser erbetene und auch bewilligte Stellung von fünfzig Reitern für den Venezianerkrieg (Nr. 420, Pkt. 2) war mit keiner finanziellen Belastung verbunden, da Maximilian die Besoldung dieser Truppe übernahm (Nr. 339). Die als Kompensation für die entgangene Wormser Reichshilfe im Spätsommer 1509 geforderten Anleihe konnte der Erzbischof hingegen nur zum Teil aufbringen.72 Zwar ist das Bemühen um das kaiserliche Wohlwollen erkennbar, es stieß aber rasch an objektive Grenzen. Immerhin wird man Uriel als früherem Assessor am Reichskammergericht ein gewisses Interesse an den Reichstagsverhandlungen über Frieden und Recht unterstellen dürfen. Dem Mainzer Kurfürsten oblag außerdem auf ständischer Seite unangefochten die Geschäftsführung. Bei ihm akkreditierten sich die kaiserlichen Kommissare ebenso wie die ständischen Gesandtschaften (Nrr. 260, Pkt. 7; 261, Pkt. 8). Die kaiserlichen Vertreter reklamierten allerdings ihrerseits ebenfalls das Recht zur Prüfung der ständischen Vollmachten (Nrr. 259, Pkt. 8; 261, Pkt. 7; 363; 398, Pkt. 2, 4). Das Reichstagsschriftgut wurde zur Abschrift durch die Stände in die Mainzer Kanzlei gegeben (Nrr. 260, Pkt. 11; 261, Pkt. 7; 263, Pkt. 9, 19; 475, Pkt. 3).73 Bekanntlich übersandte Kaiser Maximilian dem Mainzer Erzbischof Šdas große und kleine Siegel zur Ausfertigung des auf dem Reichstag anfallenden Schriftguts.74 Diese exklusiven Kompetenzen reichten aber nicht annähernd aus, um das reichspolitische Übergewicht Kursachsens auszugleichen.

    Der hochgebildete Erzbischof Jakob von Trier darf grundsätzlich ebenfalls dem kaisernahen Lager zugeordnet werden75, doch hatte er es auf den Reichstagen in Köln und Konstanz weitgehend vermieden, sich gegenüber seinen Mitkurfürsten zu exponieren. Gleiches gilt für den Mainzer Tag, wo er zwar vorsichtig für einen Beitrag zum Venezianerkrieg eintrat (Nr. 21, Pkt. 5), aber auch eine gewisse Verärgerung in Bezug auf den Kaiser andeutete (Nr. 32, Pkt. 3). Auch der erst im November 1508 zum Erzbischof von Köln gewählte Philipp von Daun sollte sich als dem Kaiser „treu ergebener Reichsfürst“ erweisen76, der an den in seine Regierungszeit fallenden Reichstagen von 1509, 1510 und 1512 persönlich teilnahm und zwar nicht die im Spätsommer 1509 erbetene Anleihe gewähren konnte, dafür aber die in Augsburg und Köln/Trier bewilligte Reichshilfe gegen Venedig leistete.77

    Unter den weltlichen Kurfürsten stand der 1508 seinem Vater nachgefolgte Ludwig von der Pfalz in einem von Maximilian I. gezielt aufrechterhaltenen Abhängigkeitsverhältnis.78 Die Nichteinladung des neuen Kurfürsten zum Mainzer Tag war auch als Signal an diesen gedacht, dass die 1504 über Kurfürst Philipp verhängte Acht nach kaiserlicher Auffassung auch nach dessen Tod fortbestand.79 Der junge Kurfürst, der von Beginn seiner Regierung an „eine pragmatisch orientierte Friedens- und Ordnungspolitik“80 verfolgte, war seinerseits um Annäherung an den Kaiser bemüht. Gemeinsam mit seinem Bruder Pfalzgraf Friedrich gehörte er beim Einzug in Worms zu dessen Begleitern (Nrr. Š259, Pkt. 1; 260, Pkt. 1; 261, Pkt. 1; 438, Pkt. 3; 473, Pkt. 2). Zentrale Anliegen waren die anstehende Reichsbelehnung und eine Verständigung über die im Landshuter Erbfolgekrieg erlittenen territorialen Verluste (Nr. 97). Von Kurpfalz stand also trotz drückender finanzieller Probleme jedenfalls kein offener Widerstand gegen die kaiserliche Reichshilfeforderung zu erwarten.

    Ganz anders als mit den rheinischen Kurfürsten verhielt es sich mit Kursachsen und Kurbrandenburg. Für letzteres ist nach 1505 wohl ein mehrjähriger Tiefpunkt der Beziehungen zu Kaiser und Reich zu konstatieren. Joachim I. blieb von 1507 bis 1517 allen Reichstagen fern und markierte damit „die längste Phase der Abwesenheit eines brandenburgischen Kurfürsten vom Reichstag“81. Dieses Manko konnte auch die Vertretung durch den in Sachen Reich und Reichstag erfahrenen Eitelwolf von Stein nicht ausgleichen. Der Kurfürst hatte zwar noch eine Reitertruppe für den geplanten kaiserlichen Romzug gestellt, aber bereits seinen Anteil an der auf dem Konstanzer Reichstag 1507 bewilligten Bargeldhilfe ungeachtet wiederholter Aufforderungen durch den Kaiser wohl nicht mehr geleistet.82 Ebenso verweigerte Joachim die fälligen Beiträge für die Finanzierung des primär als Bedrohung seiner kurfürstlichen Prärogative wahrgenommenen Reichskammergerichts.83 Im Zentrum seines Interesses standen ausschließlich partikulare Angelegenheiten (Nrr. 104112, 425). So beklagte Stein in einem Bericht an seinen Kurfürsten: „Brandenburg, als ich glaub, in achtzig jarn nit cleyner gewicht im Reich gehabt hat“ (Nr. 425, Pkt. 3).

    Für Kursachsen traf das genaue Gegenteil zu: Kurfürst Friedrich hatte sich nach zunächst engen Beziehungen seit 1498 immer mehr vom Reichsoberhaupt distanziert. Nach dem Tod des Mainzer Kurfürsten Berthold von Henneberg im Dezember 1504 ging die Führungsrolle unter den Reichsständen beinahe automatisch auf ihn über.84 Dabei war Friedrich anders als Berthold kein Reformer. Dessen Plänen für eine Umgestaltung der Reichsverfassung war er skeptisch bis ablehnend gegenübergestanden.85 Wichtiger als die ständische Teilhabe an der Regierungsgewalt im Reich erschien ihm die Unabhängigkeit von jeglichen Kontrollinstanzen, etwa durch die gegen die Reichsgerichtsbarkeit betriebene Sicherung seiner kurfürstlichen Gerichtsfreiheit. Konsequent beschränkte er sich deshalb anfänglich auf eine Reichspolitik „des passiven Widerstands“.86 Auf dem Kölner Reichstag von 1505 war die Reforminitiative deshalb wieder an das Reichsoberhaupt zurückgefallen. 1507 in Konstanz hatte sich der im folgenden Jahr verstorbene Mainzer Kurfürst Jakob von Liebenstein ohne umfassende Reformkonzeption lediglich für die Reaktivierung des ReichskammerŠgerichts eingesetzt, während Friedrich einen eher destruktiven Part übernahm87, sich aber immerhin mit der Ernennung zum Reichsstatthalter einverstanden erklärte. Auf dem Mainzer Kurfürsten- und Fürstentag von 1508 nutzte er seine unbestrittene Führungsrolle, um die kaiserlichen Bemühungen um eine Kriegshilfe gegen Venedig auszuhebeln (Nrr. 13, 21, 25). Nachdem das von den Reichsständen großzügig unterstützte Romzugsunternehmen in einem militärischen Fiasko geendet hatte, stellte sich anscheinend nur Kurtrier gegen die Position Kursachsens. Trotz der offenkundigen Verstimmung gegen Friedrich am Kaiserhof, die auch durch plumpe Vertraulichkeiten (Nr. 47, Pkt. 3) nicht zu überdecken war, stand für Worms kein Kurswechsel zu erwarten. Schon seine beinahe demonstrativ langsame Anreise zum Reichstag ungeachtet der kaiserlichen Aufforderungen (Nrr. 61f., 219, 228, 233, 242f., 253), während gleichzeitig die bereits versammelten Stände die Eröffnung der Verhandlungen ohne den Ernestiner ablehnten, bremste die Reichstags-Regie Maximilians buchstäblich aus. Die Möglichkeit zur persönlichen Einflussnahme auf Friedrich oder zur Steuerung der Reichshilfe-Verhandlungen durch die schiere kaiserliche Präsenz wenigstens zu Beginn des Reichstages war damit ausgeschaltet. Auch Bemühungen, Friedrich durch das Angebot der Reichshauptmannschaft oder erneut des Reichsstatthalteramts für die kaiserlichen Ziele einzuspannen, hatten lediglich die Vorführung der ungenügend vorbereiteten kaiserlichen Gesandten in Worms zur Folge (Nrr. 391; 424, Pkt. 4). Unmittelbar danach erklärte das ständische Plenum die Einsetzung eines Statthalters für unnötig (Nr. 275, Pkt. 5). Tatsächlich betrieb Friedrich in Worms erfolgreich die vollständige Destruktion der kaiserlichen Ziele. Er verhinderte die beantragte Kriegshilfe gegen Venedig und unterband auch den Versuch, sich der noch im Reich verbliebenen Jubelablassgelder zu bemächtigen (Nrr. 269f., 284, 287, 362). Seine Maßgabe schien zu lauten, dem Kaiser nicht das Geringste an Hilfsmitteln zukommen zu lassen. Sogar die Lieferung von Salpeter für die kaiserliche Artillerie lehnte der Kurfürst unter fadenscheinigen Gründen ab (Nr. 362, Pkt. 2).

    Diese Konstellation im Kurfürstenrat wog um so schwerer, als die zweite Kurie wegen des überproportional hohen Anteils lediglich durch Gesandte repräsentierter Fürsten geringeres Gewicht als auf früheren Reichstagen besaß. Den regelmäßigen Reichstagsteilnehmern und zuverlässigen Reichssteuerzahlern88 Bischof Georg von Bamberg und Bischof Lorenz von Würzburg darf grundsätzlich kaiser- und reichstreue Politik unterstellt werden. Über ihre konkrete Haltung in Bezug auf den geplanten Venezianerkrieg geben die Quellen allerdings keinen Aufschluss. Der Hochmeister des Deutschen Ordens, FriedŠrich von Sachsen, kam mit dem Anliegen nach Worms, die Unterstützung von Kaiser und Reich in seinem Konflikt mit König Sigismund von Polen um die Anerkennung des zweiten Thorner Friedens (1466) einzufordern (Nrr. 124134). Von sofortiger militärischer Hilfe war noch nicht die Rede, dennoch stand sein Bemühen, die Aufmerksamkeit der Reichsversammlung auf einen zweiten außenpolitischen Brennpunkt zu lenken, im Widerspruch zu den Interessen des Kaisers. Persönlich angereist war auch Pfalzgraf Friedrich. Er befand sich in einem ähnlichen Abhängigkeitsverhältnis zum Kaiser wie sein Bruder Kurfürst Ludwig.89 Pfalzgraf Johann von Simmern hielt sich zwar kurzzeitig in Worms auf, doch überließ der reichspolitisch kaum profilierte Fürst die Verhandlungen seinem Hofmeister Johann von Eltz (Nr. 477, Anm. 7). Der kaiserliche Reichshauptmann Herzog Erich von Braunschweig hielt sich gegen Ende Mai nur drei Tage lang auf dem Reichstag auf. Für die Verhandlungen spielte er demzufolge ebenfalls keine Rolle. Eigentlich hätte er laut den kaiserlichen Planungen bis zum Ende des Reichstages in Worms bleiben sollen, um die Reichstruppen geordnet auf den Weg zu bringen (Nr. 391, Pkt. 3). Herzog Heinrich I. von Braunschweig-Wolfenbüttel, ein weiterer dem Kaiser nahestehender Fürst, traf erst in Worms ein, als mit der Resolution vom 29. Mai die ständische Blockadehaltung gegenüber einer Reichshilfe bereits festgeschrieben war. Seine vorzeitige Abreise am 9. Juni (Nr. 477, Anm. 8), also vor den Schlussverhandlungen über die Reichshilfe, könnte als Indiz für seine Distanzierung von der Marschroute der ständischen Mehrheit gelten. Der bedingungslos kaisertreue Markgraf Friedrich von Brandenburg-Ansbach hielt sich nur bis zum Einzug des Kaisers in Worms auf und ließ sich in der Folge durch Gesandte vertreten. Herzog Ulrich von Württemberg war als Partner der kaiserlichen Reichs- und Reichstagspolitik, trotz seiner Einbindung in den erweiterten habsburgischen Familienverband über die 1498 geschlossene Verlobung mit der kaiserlichen Nichte Sabine von Bayern, mittlerweile verloren. Hatte dieser ebenso selbstbewusste wie gewalttätige Fürst schon auf dem Kölner Reichstag von 1505 Neigungen zum Ausscheren aus dem habsburgischen Klientelverband des Schwäbischen Bundes erkennen lassen90, so knüpfte er während des Wormser Reichstages erfolgreich weiter an seinem eigenen Beziehungsnetz. In Worms wurde die Erneuerung der Einung mit Kurmainz und Brandenburg-Ansbach in Angriff genommen (Nrr. 335339). Und ihm gelang – gegen den erklärten Willen des Kaisers – die vorzeitige Verlängerung der Einung mit den Eidgenossen (Nrr. 161; 403, Pkt. 3). Die Nichterfüllung des Auftrags, für den Feldzug gegen Venedig auf Rechnung des Kaisers fünfzig Reiter anzuwerben, entschuldigte Šer wenig glaubwürdig mit Erfolglosigkeit ungeachtet aller Bemühungen (Nrr. 373; 403, Pkt. 2), während er noch 1508 bereit gewesen war, unter enormen Kosten persönlich am Romzug Maximilians teilzunehmen.91 Nur bei wenigen Fürsten im Reich wird die Enttäuschung über das klägliche Scheitern des Unternehmens größer gewesen sein.

    Österreich war nicht im Fürstenrat vertreten. Dieses weitere Handicap der kaiserlichen Reichstagspolitik war vermutlich weniger der Rücksicht auf den Sessionsstreit mit Magdeburg und Salzburg geschuldet (Nr. 410) als vielmehr der dünnen Personaldecke der kaiserlichen Vertretung. Anstatt der vorgesehenen acht kaiserlichen Räte92 hatten sich lediglich fünf Vertreter eingefunden. Ebenfalls nachteilig aus der Perspektive der Reichsregierung war der Umstand, dass zuverlässige Parteigänger der Habsburger wie Herzog Georg von Sachsen, Landgraf Wilhelm von Hessen und Herzog Wilhelm von Jülich93 nur durch Gesandte vertreten waren. Für Sachsen standen außerdem eigene Anliegen wie die Verteidigung der Exemtionen gegen die Reichsbesteuerung im Vordergrund (Nrr. 154f., 359). Die gemeinsamen politischen Interessen Wilhelms von Jülich mit den Habsburgern kulminierten in der Geldernfrage, die kaiserliche Italienpolitik dürfte er eher als gefährliche Aufspaltung der Kräfte bewertet haben. Auch für Wilhelm war mit der kaiserlichen Verfügung über das weibliche Erbfolgerecht im vereinten Herzogtum Jülich-Berg und in der Grafschaft Ravensberg am 4. Mai94 sein vorrangiges Anliegen erfüllt. Erneut hatte der Kaiser leichtfertig ein reichstagspolitisch nutzbares Druckmittel preisgegeben.

    Erzbischof Leonhard von Salzburg war einmal mehr auf die Konfliktfelder mit Österreich fixiert. Im Übrigen war seine Haltung in Bezug auf die Reichstagsverhandlungen durch die Abwehr jeglicher Belastung seitens Kaiser und Reich gekennzeichnet (Nr. 426).95 Veranschaulicht wird das Desinteresse seiner ŠDelegation durch die Tatsache, dass der Salzburger Schreiber sogar auf die vollständige Anfertigung der Reichshandlung verzichtete, sondern unvermittelt mit den Worten schloss: „Da hueben wir uns davon und zum tor aus“ (Nr. 292, Textkopf). Eher ablehnend gegenüber einer Reichshilfe dürfte sich der erzbischöflich Magdeburger Gesandte geäußert haben. Erzbischof Ernst hatte wahrscheinlich weder die Ungarnhilfe von 1505 noch die Romzughilfe von 1507 bezahlt.96 Seine regelmäßige persönliche Teilnahme an den Reichstagen zwischen 1500 und 151297 war nicht so sehr seinem Interesse an reichspolitischen Themen, sondern dem Vorrangstreit mit Salzburg und Österreich geschuldet. Bischof Wilhelm von Straßburg wies seinen Gesandten Johannes Sigrist an, gegen die Bewilligung einer Reichshilfe zu stimmen (Nr. 427, Pkt. 2).98 Ansonsten nutzte er den Reichstag als Plattform für Verhandlungen in Angelegenheiten seines Hochstifts vor allem mit Kurpfalz (Nrr. 427, Pkt. 1; 428). Bischof Heinrich von Augsburg zählte grundsätzlich zu den Parteigängern des Kaisers99, was er mit einer peniblen Erfüllung der Reichshilfebeschlüsse von 1505 und 1507 unterstrichen hatte.100 Er gehörte wohl zu den ersten Reichsfürsten, die dem Kaiser nach dem Wormser Reichstag einen freiwilligen Beitrag für den Venezianerkrieg anboten (Nr. 484), sodass auch von einer positiven Haltung gegenüber der zuvor geforderten Reichshilfe auszugehen ist. Allerdings stehen hinsichtlich der von seinen Gesandten wie auch von den Vertretern Worms’, Speyers101, Konstanz’, Eichstätts, Freisings, Fuldas und des Deutschmeisters eingenommenen Positionen auf dem Reichstag keine Quellen zur Verfügung. Hinsichtlich der Haltung des von Jülich vertretenen reichsfernen Lüttich werden sich die kaiserlichen Vertreter wohl keine Illusionen gemacht haben.

    Die Reichsstädte standen vermutlich geschlossen gegen die vom Kaiser geforderte Kriegshilfe. Die nach der erneuten Verschiebung nicht mehr geänŠderte Instruktion der Schwäbischen Bundesstädte für den im November 1508 einberufenen Wormser Reichstag ließ grundsätzliche Einwände gegen die zu Recht als überhöht angesehenen Reichshilfen erkennen. Ihre Gesandten sollten deshalb gegen eine neue Bewilligung möglichst lange Widerstand leisten und vor allem auf Berücksichtigung ihrer Beschwerden über die auf den letzten Reichstagen erfahrene Benachteiligung drängen (Nr. 80). Verschärft wurde die Opposition gegen die kaiserlichen Pläne noch durch das Interesse führender Städte, voran Augsburgs und Nürnbergs – Letzterem wurde nach dem Reichstag die Hauptverantwortung für die Verweigerung der Städte angelastet (Nrr. 485, Pkt. 1; 493f.; 495, Pkt. 2; 500)102 –, an der Aufrechterhaltung ihrer Handelsbeziehungen zu Venedig. Die Bemühungen der oberdeutschen Reichsstädte um die Abwendung der drohenden Reichsacht gegen den Dogen im Vorfeld des Reichstages (Nrr. 6677) konnten hinsichtlich ihrer Haltung gegenüber den kaiserlichen Kriegsplänen keinen Zweifel lassen. Auch Venedig, darin bestärkt durch die Einschätzung seiner Korrespondenten, betrachtete die Reichsstädte insgesamt als natürliche Verbündete bei seinen Friedensbemühungen.103 Dass die Gesandten der wichtigsten Städte erst nach der Abreise Maximilians aus Worms dort eintrafen (Nr. 438, Pkt. 1/4), kann kaum zufällig genannt werden. Die Abweichung von der eingeübten Beflissenheit gegenüber dem Reichsoberhaupt war augenfällig. Allerdings verzichteten die Reichsstädte vor dem Reichstag darauf, sich über eine gemeinsame Strategie zu verständigen. Daran änderte auch ihr verbindendes Interesse an der Verbesserung der Situation hinsichtlich Landfrieden und Reichsgerichtsbarkeit (Nrr. 80, Pkt. 1; 90; 170172) nichts. Auf die gemäß dem Speyerer Städteabschied vom September 1507 vorgesehene Einberufung eines Städtetags wurde deshalb verzichtet (Nrr. 8488). Dieses Versäumnis markiert den Beginn einer die Regierungszeit Maximilians I. überdauernden Krise dieser Institution.104 Erst 1522 kam wieder ein Städtetag zustande.

    « Š2.3. Verlauf der Reichstagsverhandlungen »

    Die vollständige Verweigerung der Reichsstände gegenüber der kaiserlichen Hilfsforderung prägte seit dem 16. Jahrhundert in der Historiographie105 das Bild dieses Reichstages und bestimmt es bis heute in der historischen Forschung106. Diese Wahrnehmung hatte der Kaiser selbst noch mit seiner am 26. Juni 1509 in Druck gegangenen Kritik an der Wormser Reichsversammlung und der von der Nachwelt in der Regel geteilten Zurückweisung der ständischen Argumente (Nr. 482) insinuiert. Die Verhandlungen und Ergebnisse des Reichstages in Bezug auf das Reichskammergericht wurden in Unkenntnis der in dieser Edition erstmals vorgelegten Quellen bislang vollkommen übersehen. Lediglich die von Kaiser Maximilian verfügte Verlegung von Regensburg nach Worms wurde verschiedentlich in ihrer Bedeutung als Beginn einer zehnjährigen, beinahe ununterbrochenen Wirkungsperiode des Gerichts gewürdigt.107 Ansonsten war eine eher punktuelle und ausschnitthafte Aufmerksamkeit für den Wormser Reichstag vorwiegend territorialgeschichtlich begründet.108 Eine etwas ausführlichere Darstellung der Verhandlungen als Wegweiser durch den „Reichstagskern“ erscheint deshalb geboten.

    ŠKaiser Maximilian zog am 21. April in vollem Harnisch, begleitet von den vier rheinischen Kurfürsten, Pfalzgraf Friedrich, den Markgrafen Friedrich und Kasimir von Brandenburg-Ansbach, den Gesandten des Papstes, Frankreichs und Spaniens sowie einer Reihe reichsständischer Gesandtschaften in Worms ein. Das reichsstädtische Protokoll gibt die Zahl seines Gefolges wahrscheinlich richtig mit ungefähr 1000 Pferden an.109 Dazu zählte eine vorausreitende Abteilung albanischer Stradioten, „uf ihre weise beinahe durkisch“ wirkend (Nrr. 259, Pkt. 1; 260, Pkt. 1; 438, Pkt. 3). Augenscheinlich wollte der Kaiser damit als eigentliche Zielsetzung des bevorstehenden Krieges symbolisch den Kreuzzug gegen die Türken andeuten110 und den in diesen Tagen durch König Ludwig von Frankreich eröffneten Venezianerkrieg als notwendige Voraussetzung dazu bewertet wissen. Am folgenden Tag ließ er die Stände durch den Reichserbmarschall Joachim von Pappenheim111 in seine Herberge, die bischöfliche Pfalz, bescheiden (Nr. 259, Pkt. 2).112 Über den zeremoniellen Rahmen der Eröffnung des Reichstages, etwa den üblichen Gottesdienst, liegen keinerlei Nachrichten vor. Offenbar fassten die Berichterstatter das Eröffnungsritual bereits als allgemein bekannte und deshalb nicht erwähnenswerte Selbstverständlichkeit auf.

    Auch der vom Kaiser bestellte Redner Matthäus Lang – Maximilian, „der bis dahin wohl redegewandteste deutsche König überhaupt“113, verzichtete Šbezeichnenderweise anders als 1507 in Konstanz114 darauf, selbst das Wort zu ergreifen und sein monarchisches Gewicht auszuspielen – suggerierte den Ständen den Türkenkrieg als eigentliches Ziel des bevorstehenden Unternehmens. Auf dem Weg dorthin sollte der Kaiser gemäß päpstlichem Wunsch Venedig zur Rückgabe der dem Kirchenstaat abgewonnenen Städte veranlassen. Dann stellte Lang allerdings die günstige Gelegenheit zur Rückeroberung auch der dem Reich entzogenen Gebiete in den Mittelpunkt. Dafür sollten die Reichsstände umgehend eine möglichst großzügige einjährige Hilfe bewilligen. Außerdem wurden die Stände angesichts der bevorstehenden längeren Abwesenheit des Kaisers aufgefordert, einen geeigneten Reichsstatthalter zu bestimmen (Nr. 264bzw. 266/II). Die Anwesenden verweigerten nach Beratung in den Kurien115 und erfolgter Relation am nächsten Tag, dem 23. April, unter Hinweis auf ihre geringe Zahl die Aufnahme der Verhandlungen. Man wollte das Eintreffen weiterer Teilnehmer, in erster Linie natürlich Kurfürst Friedrichs von Sachsen, abwarten (Nr. 260, Pkt. 3f.). Der Kaiser insistierte in seiner Erwiderung nicht auf sofortigen Verhandlungen, sondern forderte die Stände lediglich auf, in Worms zu bleiben. Er kündigte seinerseits an, sich für die Kriegsvorbereitungen unverzüglich in die Erblande zu begeben und den Reichstag durch Kommissare führen zu lassen (Nr. 260, Pkt. 5). Noch am gleichen Tag absolvierte er die wichtigsten anstehenden Reichsbelehnungen. Anders als 1505/07 gegenüber dessen Vorgänger Jakob von Liebenstein verzichtete Maximilian beim Mainzer Kurfürsten Uriel von Gemmingen (Nr. 307) darauf, den strittigen Status der Stadt Mainz zu thematisieren. Die Belehnung des neuen Kölner Erzbischofs Philipp von Daun war ohnehin unproblematisch (Nrr. 308310). Bei dieser Gelegenheit empfingen auch die dem Kaiserhof folgenden Bevollmächtigten Bischof Eberhards von Lüttich die Reichsregalien (Nr. 319). Vor ihrer Rückreise übertrugen sie im Gegenzug dem Jülicher Gesandten Friedrich von Brambach die Vollmacht für den Reichstag. Dagegen wurde bekanntlich dem neuen pfälzischen Kurfürsten die erbetene Reichsbelehnung verweigert (Nrr. 260, Pkt. 6; 261, Pkt. 4, 19; 262, Pkt. 16f.; 311–317; 421, Pkt. 9; 463, Pkt. 3; 471, Pkt. 3). Dieser Schritt offenbarte nicht nur das Abhängigkeitsverhältnis der Kurpfalz vom Kaiser, sondern verstärkte es zugleich noch. Ungeachtet der Intervention der noch während des Wormser Reichstages eingeschalteten Mitstände beharrte Maximilian auch wegen des Widerstands der früheren kurpfälzischen Kriegsgegner weiterhin auf seiner Position. Erst das Einverständnis Kurfürst Ludwigs Šzur Nachfolge Karls V. auf dem Kaiserthron wog schwer genug, um Maximilian auf dem Augsburger Reichstag von 1518 schließlich einlenken zu lassen.116

    Vor der Rückkehr einiger kurzfristig abgereister Fürsten, dem Eintreffen weiterer Teilnehmer und der Zustellung der kaiserlichen Reichstagsinstruktionen am 14. Mai geschah in der Folge nichts Wesentliches mehr. Maximilian betraute seine Räte und Kommissare in Worms lediglich mit einigen Vorgängen untergeordneter Bedeutung (Nrr. 259, Pkt. 4/6; 384–388). Die Frankfurter Gesandten mutmaßten außerdem Verhandlungen über Streitigkeiten der Fürsten (Nrr. 439, Pkt. 1/4; 441, Pkt. 1). Zu spät und vergeblich sprachen sich die vorab nicht informierten Kommissare am 5. Mai in Anbetracht des fortbestehenden Streits zwischen Stadtgemeinde und Stiftsklerus sowie der während der ersten Sitzungsperiode (1497–1499) gemachten schlechten Erfahrungen des Gerichtspersonals mit den Wormser Bürgern117 gegen die vom Kaiser bereits verfügte Verlegung des Kammergerichts nach Worms aus und schlugen stattdessen Verhandlungen mit den Reichsständen über Speyer oder Frankfurt als alternative Standorte vor (Nr. 390). Der Kammerrichter Bischof Wiguläus von Passau hatte gemäß kaiserlicher Weisung bereits alle notwendigen Schritte veranlasst (Nr. 65). Am 7. Mai traf das Gerichtspersonal in Worms ein (Nr. 473, Pkt. 6).

    Nach mehr als drei Wochen ereignisloser Untätigkeit vor allem für die reichsstädtischen Gesandten (Nr. 441, Pkt. 1) trugen die kaiserlichen Kommissare den Reichsständen am 16. Mai ihre Instruktionen vor. Die erste Instruktion (Nr. 266) wiederholte den kaiserlichen Vortrag vom 22. April, war allerdings von Maximilian selbst um einige Aspekte erweitert worden: Für die Stände sicherlich uninteressant waren die Erläuterungen zu den Feindseligkeiten mit Frankreich und die gegen Herzog Karl von Egmond erhobenen Vorwürfe wegen dessen angeblicher Vertragsbrüchigkeit. Ebenso wenig relevant dürfte für sie gewesen sein, dass der Kaiser, um den bevorstehenden Bruch des Waffenstillstands von Arco zu rechtfertigen, noch einmal herausstrich, das Bündnis von Cambrai nur auf Drängen des Papstes eingegangen zu sein, und gleichzeitig durch den Vorwurf eines Truppenaufmarsches gegen die erbländischen Grenzen den Verteidigungsfall gegenüber Venedig konstruierte.118 Die zweite Instruktion (Nr. 268) konfrontierte die Stände mit Einzelheiten der Venedighilfe wie die Benennung von Truppenbefehlshabern, die Dauer der Hilfe, die Stellung ausschließlich von Reiterverbänden durch die Reichsfürsten oder die Höhe des Reitersolds Šbei den ständischen Kontingenten, konkretisierte jedoch erstaunlicherweise nicht die Höhe der Forderung – ein schwerwiegender verhandlungstaktischer Fehler. Gleichzeitig regte der Kaiser – veranlasst von seinen Kommissaren in Worms (Nr. 390, Pkt. 2) – Verhandlungen über das Reichskammergericht an, im Einzelnen über eine verbesserte Finanzierung des Gerichts, Vorkehrungen gegen die Präsentation unerfahrener Assessoren, eine Reform der Kanzlei und Maßnahmen zur wirkungsvolleren Umsetzung der Urteile. Außerdem sollte allgemein über den Reichsfrieden und dessen Handhabung sowie das Reichsmünzwesen beraten werden. Schließlich ersuchte der Kaiser um die Stellungnahme der Stände zu einer Supplikation Bischof Jakobs von Cambrai (Nr. 318). Ungleich wichtiger war ihm vermutlich die Einschaltung der Autorität des Reichstages, um sich der noch in den Territorien deponierten Jubelablassgelder zu bemächtigen. Bei dieser den Ständen am 16. Mai präsentierten Fassung handelte es sich nur um einen von den Kommissaren angefertigten Auszug aus ihrer deutlich umfangreicheren Instruktion (Nr. 267). Darin war außerdem vorgesehen, bei den weiteren Verhandlungen über die Reichshilfe wie 1495 den Modus eines vierjährigen Gemeinen Pfennigs anzuregen. Von dem Geld sollten, verglichen mit den heterogenen ständischen Kontingenten, geeignetere Fußtruppen angeworben werden. Damit trug der Kaiser den Erfordernissen der neuen taktischen Infanterie119 Rechnung, doch um den Preis eines möglichen Scheiterns der Verhandlungen. Denn zuletzt auf dem Kölner Reichstag von 1505 hatte die Mehrheit der Stände eine Neuauflage dieses Steuermodells abgelehnt.120 Als Alternative wurde deshalb laut Instruktion auch eine über mehrere Jahre laufende „Beharrliche Hilfe“ erwogen, was aus kaiserlicher Sicht mit dem Vorteil verbunden war, die mit der Abhaltung von Reichstagen verbundenen Kosten zu sparen. Einige Fürsten sollten für den Kaiser auf dessen Rechnung Reiterkontingente anwerben. Daneben erhielten die Kommissare die Befugnis, gegebenenfalls unter Hinzuziehung der Reichsstände über die Streitsachen und Anliegen der vom Kaiser nach Worms zitierten Parteien zu verhandeln und zu entscheiden. Dieser Schritt entsprach eigentlich der üblichen taktischen Planung für die maximilianeischen Reichstage, in diesem Fall reagierte der Kaiser jedoch erst auf eine entsprechende Aufforderung seiner Vertreter (Nr. 389). Erst nach erfolgter Bewilligung der Reichshilfe sollten die Kommissare vorsorglich einen Protest bezüglich der Stände, die von den Erzherzögen von Österreich der Reichsbesteuerung entzogen worden waren, einlegen. Aufgrund des weiteren Verhandlungsverlaufs wurden allerdings sowohl Verhandlungen über den Modus der Reichshilfe als auch der vorgesehene Protest obsolet.

    Ohnehin ruhten die Verhandlungen bis zum Eintreffen Kurfürst Friedrichs von Sachsen am 21. Mai erneut. Schon sein Empfang durch die vornehmsten Šanwesenden Fürsten, verbunden mit einem einstündigen Einzug nach Worms (Nrr. 261, Pkt. 9; 473, Pkt. 8), seit der Abreise des Kaisers bis zum Ende des Reichstages der einzige nennenswerte zeremonielle Höhepunkt, machte dessen Ausnahmestellung augenfällig. Bereits tags darauf bildeten die Stände einen interkurialen Ausschuss zur Beratung über die beiden vorgelegten Instruktionen. Er setzte sich aus Räten der sechs Kurfürsten, je vier geistlicher (Bamberg, Würzburg, Straßburg, Deutschmeister) und weltlicher (Bayern, Brandenburg-Ansbach, Württemberg, Hessen) Vertreter des Fürstenrats sowie zweier Städte (Ulm, Frankfurt)121 zusammen (Nrr. 259, Pkt. 8; 260, Pkt. 10; 261, Pkt. 10; 262, Pkt. 1). Dieser Ausschuss war auch in der Folge mit der Ausarbeitung aller Vorlagen für die Reichshilfeverhandlungen beauftragt (z. B. 260, Pkt. 15; 261, Pkt. 20; 262, Pkt. 18). Da das Plenum seiner Generallinie folgte, war er maßgeblich verantwortlich für das Scheitern der kaiserlichen Ziele auf dem Reichstag.

    Maximilian I. initiierte einstweilen eine neue Informationskampagne: Am 14. Mai sandte er die gedruckte Bannbulle gegen Venedig122 und an die Kurfürsten adressierte päpstliche Schreiben (Nr. 272) nach Worms (Nr. 393). Julius II. betonte darin noch einmal die Notwendigkeit, die Einheit der Christenheit als Voraussetzung für den von ihm angestrebten Türkenkreuzzug herzustellen. Zu diesem Zweck sollten die Reichsstände den Kaiser bei der Beendigung der venezianischen Aggression gegen den Kirchenstaat unterstützen. Gleichzeitig instruierte Maximilian seine Kommissare, mit den Ständen über Mandate zur Aushändigung der im Reich eingesammelten Jubelablassgelder an die mit deren Abwicklung betrauten Fugger zu verhandeln (Nr. 394). Mit Schreiben vom 19. Mai informierte er den Reichstag über den französischen Sieg bei Agnadello (Nr. 399). Anscheinend ging er davon aus, dass die Nachricht das Verhandlungsklima günstig beeinflussen würde. Denn wiederum am gleichen Tag entsandte er zur Entlastung der Kommissare Ernst von Welden als Sondergesandten nach Worms, um mit den Reichsständen über die Jubelablassgelder zu verhandeln (Nr. 269). Doch die wenigen vorliegenden Nachrichten über die Reaktion der Reichsstände auf die Nachricht vom Sieg des französischen Verbündeten spiegeln eher Ungläubigkeit in Bezug auf deren Wahrheitsgehalt (Nrr. 401, Pkt. 2; 403, Pkt. 3) und Skepsis bezüglich der Folgen für das Reich (Nr. 427, Pkt. 2) wider. Die Teilnehmer am Konstanzer Reichstag von 1507 mochten sich an die düsteren Prognosen Maximilians hinsichtlich einer französischen Dominanz in Oberitalien mit der daraus resultierenden Kontrolle des Papsttums durch Frankreich und dem Verlust der Kaiserwürde für das Reich123 Šerinnern. Auch die am gleichen Tag, dem 22. Mai, übergebenen päpstlichen Breven und die vorgelegte Bannbulle zeigten keinerlei Wirkung. Die propagandistische Unterstützung durch den „Kriegerpapst“ Julius erschien unglaubwürdig.124 Die äußeren Umstände waren ebenfalls ungünstig. Die Versammelten mussten die Session stehend absolvieren, da im Fürstenrat nach dem Tod Herzog Albrechts von Bayern die Vorrangstreitigkeiten zwischen den Häusern Sachsen und Bayern wieder aufgeflammt waren (Nrr. 262, Pkt. 1, 410; 263, Pkt. 4–10; 400, Pkt. 1).

    Die Arbeit des interkurialen Ausschusses wurde von dem Sessionsstreit allerdings nicht tangiert. Dessen Verhandlungen am 23. und 24. Mai waren geprägt von scharfen Auseinandersetzungen zwischen Befürwortern – von denen allerdings nur Hessen eindeutig zu identifizieren ist (Nr. 483) – und Gegnern einer Reichshilfe. Die dem Gremium angehörenden Räte verpflichteten sich eidlich zu absoluter Geheimhaltung (Nrr. 261, Pkt. 13; 453). Diese Maßnahme zielte zweifellos in erster Linie auf die Unterbrechung der Kommunikation zwischen dem Brandenburg-Ansbacher Vertreter Theobald von Heimkofen und dem kaiserlichen Stellvertreter Markgraf Kasimir. Am 27. Mai gelangte der Resolutionsentwurf des Ausschusses (Nr. 275/II) in das Plenum. Die Gegner des Kaisers hatten sich weitgehend durchgesetzt: Sie verweigerten ihre Zustimmung zu den ihnen in den Details nicht bekannten Verträgen von Cambrai wegen möglicher nachteiliger Konsequenzen für das Reich. Explizit genannt wurde die durch die französische Besetzung in Frage gestellte Reichszugehörigkeit des Herzogtums Mailand. Zugleich formulierten sie die Einbeziehung der Reichsstände in den außenpolitischen Entscheidungsprozess als notwendige Voraussetzung für die Bewilligung von Reichshilfen. Ohnehin sahen man sich schon aus ökonomischen Gründen zur Leistung einer Hilfe außerstande. Die kaiserlichen Parteigänger im Ausschuss hatten allerdings für die weiteren Verhandlungen eine alternative Strategie vorbereitet. Ungeachtet der Zweifel am Nutzen einer solchen Bewilligung wollte man sich mit Rücksicht auf Kaiser und Papst in Verhandlungen über eine begrenzte Hilfsforderung einlassen (Nr. 275, App. r). Doch das Plenum einigte sich in nur zweitägigen Beratungen – den hinderlichen Sessionsstreit zwischen Albertinern und Wittelsbachern konnte Kurfürst Friedrich der Weise am 28. Mai für die Dauer des Reichstages beilegen125 – auf die Streichung dieses Passus. Auf Drängen Kursachsens wurde sogar die vorgesehene Bitte um Verzicht auf die Reichshilfe getilgt, da sie als implizites Eingeständnis der ŠBerechtigung dieser Forderung hätte ausgelegt werden können.126 Auch sonst zeigten die Stände keinerlei Entgegenkommen: Die vorgeschlagene Wiederbesetzung des Reichsstatthalteramts wurde als unnötig erachtet. Das Plenum distanzierte sich sogar von dem im Entwurf vorgesehenen Angebot, bei Bedarf zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal über diesen Punkt zu verhandeln. Damit war zugleich das Scheitern der von den Kommissaren parallel geführten Verhandlungen mit dem hinhaltend taktierenden sächsischen Kurfürsten sowie mit den Herzögen Erich und Heinrich von Braunschweig (Nrr. 391; 405; 406, Pkt. 2; 407; 424, Pkt. 4) besiegelt. Hinsichtlich des Kammergerichts begnügten sich die Stände mit einer unverbindlichen, offenkundig auch für Kursachsen, Kurbrandenburg und Sachsen tragbaren Erklärung zu dessen weiterer Finanzierung und erklärten zugleich ihre Unkenntnis bezüglich etwaiger Missstände. Eine Stellungnahme zum Reichslandfrieden und dessen Handhabung fehlt. Lediglich zu Verhandlungen über das Münzwesen auf der Basis der kurrheinischen Goldmünzordnung von 1490127 fanden sich die Stände bereit. Beratungen über die Supplikation Bischof Jakobs von Cambrai sollten nach Anhörung des Antragstellers und der mitbetroffenen Stadt Cambrai erst auf dem nächsten Reichstag stattfinden. Die erbetenen Mandate an einzelne Reichsstände zur Aushändigung der Jubelablassgelder wurden, ohne Angabe von Gründen, konsequenterweise ebenfalls verweigert. Diese – einhellig verabschiedete (Nrr. 260, Pkt. 12; 263, Pkt. 13) – Antwort sollte am Nachmittag des 29. Mai den kaiserlichen Vertretern übergeben werden. Kursachsen hatte sich auf der ganzen Linie durchgesetzt. Der Hochmeister des Deutschen Ordens, Friedrich von Sachsen, erkannte eine günstige Gelegenheit, um am Vormittag seinen Antrag auf Beistand des Reiches gegen Polen zu stellen (Nrr. 261, Pkt. 17; 297). Vermutlich ging er davon aus, dass die Verweigerung gegenüber dem Kaiser sich in einer großzügigeren Hilfsbereitschaft der Stände gegenüber seinem Orden niederschlagen könnte. Die Betrauung eines eigenen Ausschusses mit seinem Anliegen128 konnte der Hochmeister jedenfalls als Erfolg verbuchen.129

    Trotz gegenteiliger Beteuerungen (Nrr. 276, Pkt. 1; 414, Pkt. 1) stellte der abschlägige Bescheid der Stände auf die kaiserliche Reichshilfeforderung für die Kommissare keine völlige Überraschung dar. Maximilian selbst hatte, wie gezeigt, vor dem Reichstag durchaus mit einem Misserfolg gerechnet. Seine Stellvertreter verfügten zweifellos über Informanten unter den Reichsständen. BeŠreits mit Schreiben vom 27. Mai hatten sie ihren Dienstherrn um Anweisungen bei einer Ablehnung der kaiserlichen Hilfsforderung gebeten (Nr. 408, Pkt. 2). Als dieser Fall zwei Tage später eintrat, informierten sie unverzüglich den Kaiser (Nr. 409). Während die Kommissare auf dessen Erwiderung warteten, hielten sie den Ständen am 31. Mai die nachteiligen Folgen ihres Beschlusses vor Augen und baten um dessen Revision. In erster Linie ging es ihnen aber darum, die Teilnehmer bis zum Eintreffen der kaiserlichen Stellungnahme zum Bleiben zu bewegen (Nr. 276). Geschickt platzierten Kurfürst Ludwig von der Pfalz und sein Bruder Friedrich in dieser spannungsvollen Verhandlungspause ihre Bitte um Fürsprache beim Kaiser wegen der verweigerten Reichsbelehnung (Nr. 314). Die um ihre territorialen Gewinne fürchtenden ehemaligen Verbündeten Maximilians im Landshuter Erbfolgekrieg antworteten umgehend mit einer Supplikation an die Reichstags-Kommissare (Nr. 315). Der Reichsrat betraute daraufhin den Großen Ausschuss mit der Ausarbeitung einer Stellungnahme zu dieser prekären Angelegenheit (Nrr. 261, Pkt. 19; 262, Pkt. 18).

    Überraschenderweise blieben die Stände in der Reichshilfefrage nicht untätig, sondern bereiteten anscheinend auf Initiative Kursachsens (Nr. 227) eine weitere Rechtfertigung ihrer Position vor. Vermutlich wollte Friedrich der Weise die Dynamik der Entwicklung nutzen, um die keineswegs wirkungslose Einflussnahme der kaiserlichen Räte auf einzelne Stände – so distanzierte sich eine Reihe kaisernaher Reichsgrafen und -herren von der Mehrheitsmeinung (Nr. 414, Pkt. 1/3) – zu konterkarieren. Bereits am 2. Juni lag ein Memorandum des Großen Ausschusses vor (Nr. 278), das noch einmal die Legitimität der eingenommenen Verweigerungshaltung begründete: mit der unterbliebenen Konsultation der Reichsstände vor dem Abschluss der Verträge von Cambrai, mit der fehlenden Kenntnis vom Inhalt dieser Verträge und der damit einhergehenden Unmöglichkeit, deren Konsequenzen für das Reich zu kalkulieren, mit der aufgrund früherer Erfahrungen absehbaren Nutzlosigkeit, wenn nicht Schädlichkeit der geforderten Reichshilfe – dahinter verbarg sich das Unbehagen am Angriffsziel Venedig –, mit der direkten oder indirekten Stärkung der französischen Position in Oberitalien zum voraussichtlichen Nachteil des Reiches, mit der Übereiltheit der kaiserlichen Hilfsforderung und schließlich mit der finanziellen Überlastung der Stände durch die nutzlosen Reichshilfen der letzten beiden Reichstage in Köln und Konstanz. Bei den erneuten Beratungen hatte sich im Ausschuss außerdem die Einsicht durchgesetzt, dass ein Einverständnis zu Verhandlungen über eine kleine Reichshilfe den Kaiser und seine Kommissare eher verärgern würde. Vielmehr hätte ein kleinlautes Abweichen von der ersten ständischen Resolution nachteilige Konsequenzen für das Ansehen der Reichsstände beim Kaiser. Das Plenum folgte in seiner Erklärung vom 3. Juni (Nr. 279) dieser Linie: Die Reichsstände bekundeten ihre Verwunderung angesichts der von den Kommissaren geäußerten Enttäuschung über ihren Beschluss und betonten noch einmal ihre finanzielle Erschöpfung. Sie ergänzten den Entwurf außerdem dahingehend, dass die Bewilligung einer ŠHilfe als nachträgliche Zustimmung zum Vertragswerk von Cambrai ausgelegt werden könnte. Sie erkannten darin überdies einen Bruch mit den Verhandlungsergebnissen des Konstanzer Reichstages, wo die Stände Verhandlungen mit König Ludwig von Frankreich über das von diesem besetzte Herzogtum Mailand gefordert hatten. Damit verstießen die Stände ausnahmsweise gegen die Gepflogenheit, auf eine Kommentierung der kaiserlichen Politik zu verzichten.130 Sie zeigten sich zuversichtlich, dass der Papst ihre Haltung in Würdigung aller Umstände billigen würde, zumal der angeregte Türkenkreuzzug ihres Erachtens vorherige Beratungen der europäischen Mächte und eine umfassende Finanzierung erforderte, an der man sich gegebenenfalls beteiligen wollte. Wohl um die Wartezeit auf die kaiserliche Stellungnahme nicht ungenutzt zu lassen und den Reichstag nicht vollständig zum Scheitern zu bringen, regten die Stände unter Bezugnahme auf die Instruktion der Kommissare gleichzeitig Verhandlungen über Kammergericht, Landfrieden und Münzwesen an. Dagegen lehnten sie es erneut ab, die vom Kaiser erbetenen Mandate zur Aushändigung der Jubelablassgelder an die Fugger auszustellen (Nr. 284).

    Die Erwiderung der Kommissare vom 5. Juni ließ deren gereizte Stimmung angesichts der ständischen Totalverweigerung deutlich erkennen. Sie sahen die Verantwortlichen für die Kritik am Kaiser verpflichtet, sich die Konfrontation mit dessen Reaktion gefallen zu lassen. Gleichzeitig zeigten sie sich aber einverstanden, bis dahin über die vorgeschlagenen Themen zu beraten (Nr. 280). Die Stände bestritten noch am gleichen Tag in einer knappen Erklärung die von den Kommissaren unterstellte Verantwortlichkeit Einzelner und erklärten ihr Recht auf Abreise vom Reichstag, erneuerten aber zugleich ihr Verhandlungsangebot bezüglich des Kammergerichts und der übrigen Themen (Nr. 281). Die Kommissare forderten ihrerseits die Stände nachdrücklich auf, in Worms zu bleiben (Nr. 282). Zwar beharrten diese auf ihrer vorherigen Resolution (Nr. 283), dennoch reiste bis zum Eintreffen der kaiserlichen Erklärung (Nr. 411) am 7. Juni kein weiterer Teilnehmer vom Reichstag ab. Formal als Schreiben an seine Kommissare gehalten, kritisierte der Kaiser darin die kleinmütige Haltung der Reichsstände angesichts einer einmaligen Chance für seine Italienpolitik hart. Er machte, natürlich ohne Namen zu nennen, seine Neider für die Verweigerung verantwortlich.131 Das Argument der finanziellen Erschöpfung erklärte er für unglaubwürdig. Hatten doch die Stände selbst in Konstanz Zusagen für eine eventuelle weitere Hilfe im Bedarfsfall gemacht – was im Übrigen keineswegs zutrifft –, nur diese dann nicht erfüllt. Der Kaiser kreidete den Ständen an, mit ihren unzureichenden Reichshilfen weiterreichende Erfolge verhindert zu haben, während seine Erbländer unter hohen Kosten den Schutz des Reiches nach außen übernommen hatten. Seine Mailandpolitik sah er im Einklang mit den ständischen Empfehlungen auf mehreren Reichstagen. Nach eigenem ŠBekunden hatte er ungeachtet der dadurch verursachten Verzögerungen die Stände in jeder Phase seiner Politik durchaus konsultiert. Den Vorwurf der Eigenmächtigkeit wies er deshalb zurück. Der Kaiser forderte die Stände nachdrücklich auf, ihre Entscheidung auch in Rücksicht auf den Papst zu revidieren. Eventuelle negative Konsequenzen für das Reich im Falle einer weiteren Verweigerung lastete er vorsorglich ihnen an. Auf eine Stellungnahme zu anderen Verhandlungsmaterien wurde aufgrund des Zeitdrucks verzichtet. Am gleichen Tag ging den Ständen eine Nachricht über die militärischen Fortschritte der Franzosen in der venezianischen Terraferma (Nr. 404) zu.

    Angesichts der Verärgerung des Kaisers wagte der Ausschuss keine eigene Entscheidung mehr, sondern stellte das Plenum vor die grundsätzliche Entscheidung, am bisherigen Kurs festzuhalten oder einzulenken (Nr. 285). Über die zu treffende Wahl bestand indessen kein nach außen sichtbarer Zweifel. Bereits in ihrem Bericht vom 5. Juni hatten die Kommissare gegenüber Maximilian einräumen müssen, dass ihre Separatverhandlungen mit einzelnen Reichsständen über ein längeres Verbleiben auf dem Reichstag erfolglos verlaufen waren (Nr. 415). Tatsächlich zeigten sich die Reichsstände von der kaiserlichen Erklärung unbeeindruckt. Ein bezeichnenderweise nur in der kursächsischen Überlieferung enthaltener Entwurf (Nr. 286) kehrte nicht ohne Sarkasmus das Argument, dass die Vorwürfe gegen den Kaiser diesen persönlich beträfen, um, indem die Fortsetzung der Reichshilfe-Verhandlungen mit dessen Stellvertretern abgelehnt und gleichzeitig die Abreise der Stände angekündigt wurde. Die am folgenden Tag, dem 9. Juni, tatsächlich übergebene Erklärung war im Ton deutlich verbindlicher gehalten, änderte in der Sache aber nichts daran, dass eine ständische Majorität unbeirrt auf ihrer Position verharrte (Nr. 288). Wie groß diese Mehrheit war, ist nicht ganz klar. Der kursächsische Gesandte Friedrich von Thun deutete nach dem Reichstag gegenüber Landgraf Wilhelm von Hessen an, dass die Mehrzahl der Stände gegen eine Venedighilfe gewesen sei, räumte aber offen ein, dass Kurfürst Friedrich abweichende Voten zu unterbinden suchte132 – dies offensichtlich erfolgreich.

    Die Kommissare kündigten postwendend die unverzügliche Übersendung der ständischen Erklärung an den Kaiser an, bekundeten aber gleichzeitig ihre Bereitschaft, über ein etwaiges besseres Angebot der Stände weiterzuverhandeln (Nr. 289). Damit unternahmen sie einen letzten vergeblichen Versuch, die hinter der geschlossenen Front der ständischen Resolutionen festgestellten Verwerfungen auszunutzen (Nr. 417, Pkt. 1). Die ständische Gesamtheit zeigte sich am 10. Juni von der angedrohten Störung des Verhältnisses zum Kaiser Šunbeeindruckt. Eine Fortsetzung der Verhandlungen erklärte man für unnötig (Nr. 290). Die Kommissare mussten sich in ihr Scheitern fügen. Ihnen blieb nur, jegliches Verschulden ihrerseits zurückzuweisen. Gleichzeitig unternahmen sie noch einen Sondierungsversuch hinsichtlich der Einhelligkeit bzw. der Verantwortlichkeit bezüglich der ständischen Position133 (Nr. 291). Doch ließen sich die Stände nicht auseinanderdividieren, die zumindest nach außen demonstrierte Einheitsfront hielt (Nr. 292). Die Kommissare übersandten die an diesem Tag ausgetauschten Resolutionen kommentarlos dem Kaiser (Nr. 417, Pkt. 1). Nun reiste auch der Sondergesandte Ernst von Welden ab, nachdem die Stände ihm tags zuvor in Sachen Jubelablassgeld noch einmal die kalte Schulter gezeigt hatten (Nr. 287). Als Erfolg konnten die kaiserlichen Vertreter lediglich die Beilegung der Streitigkeiten zwischen der Stadt Worms und dem Stiftsklerus durch Erzbischof Jakob von Trier und Kurfürst Friedrich von Sachsen (Nrr. 329; 473, Pkt. 9; 564f.) vermelden. Damit war ein wichtiges Hindernis für eine störungsfreie Tätigkeit des Reichskammergerichts in Worms beseitigt. Immerhin hatte das Gericht in dem von den Herren von der Leiter anhängig gemachten Verfahren Venedig noch während des Reichstages, am 13. Juni, in die vom Kaiser gewünschte (Nr. 271, Pkt. 21) Reichsacht erklärt (Nrr. 301f.). Eine Einbeziehung der Reichsstände in diese Entscheidung ist nirgends erkennbar.134 Die erhoffte positive Wirkung im Sinne der kaiserlichen Venedigpolitik ging davon nicht aus.

    Anders als der Kaiser zeigte sich der Hochmeister des Deutschen Ordens, Friedrich von Sachsen, mit dem Ergebnis des Reichstages zufrieden. Stände und Kommissare hatten sich zur Beilegung des Konflikts mit Polen sehr rasch auf eine Vermittlungsinitiative des Kaisers und der Reichsstände gemeinsam mit dem Papst und Ungarn geeinigt. Sollte König Sigismund nicht einlenken, wurden für die nächste Reichsversammlung weitere Beratungen anberaumt (Nrr. 292, Pkt. 3; 298300).

    Ein Großteil der Reichsfürsten reiste an den folgenden beiden Tagen, dem 11. und 12. Juni (Nrr. 418, Pkt. 1; 477, Anm. 1, 2, 4, 5, 9, 14, 15), ab und überließ, wie zuvor verabredet135, die nur noch bis zum 16. Juni dauernden, dabei überaus produktiven Schlussverhandlungen einigen deputierten Räten (Kurmainz, ŠKurköln, Kurpfalz136; Speyer, Freising, Bayern, Hessen, Württemberg; Städte Köln und Worms; Nr. 418, Pkt. 3). Von den kaiserlichen Vertretern waren in der Schlussphase noch Nassau, Fraunberg, Vergenhans und ihr Sekretär Storch anwesend. Mit eine Voraussetzung für den Erfolg der Verhandlungen über das Reichskammergericht bildete das Fernbleiben Kursachsens, Kurbrandenburgs und Sachsens (Nrr. 418, Pkt. 5; 502), die sich mit Protesten gegen Eingriffe in ihre landesherrliche Jurisdiktion und gegen die Eintreibungspraxis beim Kammerzieler begnügten (Nrr. 357361). Sie sahen aufgrund der Nichtanerkennung ihrer Exemtionen durch das Kammergericht und den kaiserlichen Fiskal die Geschlossenheit ihrer Territorien in Frage gestellt. Die quasi auf einen Rätetag reduzierte Reichsversammlung fungierte an den letzten Verhandlungstagen zugleich als eine Art außerordentlicher Visitationstag, nachdem die für die Osterwoche vorgesehene reguläre Versammlung (Nr. 154) ausgefallen war. Die Vertreter des Kammergerichts legten ihre Abrechnung für den Zeitraum seit Ende 1507 sowie eine Aufstellung bestehender Missstände vor, worüber die kaiserlichen Stellvertreter gemeinsam mit den ständischen Deputierten berieten (Nrr. 293295). Ihre Ergebnisse wurden entweder dem Kammergericht direkt zugestellt oder flossen in den Abschied (Nr. 303) ein: Graf Adolf von Nassau selbst übernahm das Kammerrichteramt. Ihm wird man eine maßgebliche Rolle bei den Schlussverhandlungen über das Kammergericht zuschreiben können.137 Die vakanten Beisitzerstellen wurden besetzt. Die vom Kaiser angeordnete Verlegung des Gerichts nach Worms wurde bestätigt, diesem aber zugleich die Kompetenz zugebilligt, bei einer möglichen Gefährdung des Betriebs durch die Streitigkeiten zwischen Stadtgemeinde, Bischof und Stiftsklerus eigenverantwortlich den Umzug nach Frankfurt zu organisieren. Während der Wormser Unruhen übersiedelte das Gericht tatsächlich von November 1513 bis März 1514 vorübergehend in das sichere Speyer.138 Der Kammerrichter wurde beauftragt, die Wiedereröffnung des Gerichts im Reich bekannt zu machen. Zur Kostendeckung wurde ein weiterer Anschlag in Höhe der 1507 auf dem Konstanzer Reichstag und im folgenden Jahr durch den Regensburger Visitationstag verabschiedeten Matrikelsteuer von nominal 11 556 Gulden beschlossen. Außerdem sollten die Ausstände dieser beiden Anschläge sowie – zur Deckung noch offener Soldforderungen unter anderem Nassaus – die Restanten des Augsburger Anschlags von 1500 eingetrieben werden. Was die festgestellten Missstände im Verfahrensablauf am Gericht angeht, griffen die Deputierten nur vorsichtig ein. Im Wesentlichen mahnten sie eine bessere Umsetzung der Šgültigen Bestimmungen an. Zum Münzwesen wurden mangels Sachkompetenz der Beteiligten im Detail keine Beschlüsse gefasst, sieht man einmal von der projektierten Verlegung der Basler Reichsmünzstätte nach Straßburg ab. Dafür war der zum 3. September nach Frankfurt anberaumte Münztag vorgesehen (Nrr. 305f.).

    Der vom 16. Juni datierende Wormser Abschied wurde weder in einem zeitgenössischen Druck publiziert noch später in irgendeiner Form von der Reichspublizistik beachtet. Lediglich in der reichsstädtischen Registratur wird erwähnt, dass aufgrund der Reichshilfeverweigerung „kain rechtmessiger oder gewonlicher, sonder allain ain kurzer abschied verzaichnusweyse“ zustandekam (Nr. 476, Pkt. 5). Diese Einschränkung rekurriert auf das Fehlen von für Reichsabschiede zu Beginn des 16. Jahrhunderts bereits signifikanten Textelementen wie der Publikations- und der Verpflichtungsformel, der Subskriptionsliste und der Corroboratio.139 Dadurch war es bereits selbst sachverständigen Zeitgenossen erschwert, das Schriftstück als Reichsabschied zu identifizieren, wie auch der Gebrauch der unverbindlichen Überschrift „Das camergericht belangende“ erkennen lässt.140 Da der Abschied ausschließlich von bevollmächtigten Räten erstellt wurde, lag seine Ratifizierung durch den Kaiser und die Augsburger Reichsversammlung von 1510 nahe, aber nichts dergleichen geschah. Vielmehr traten die darin zusammengefassten Beschlüsse ohne weiteres in Kraft, was allein dazu berechtigt, ihn trotz seiner formalen Defizite als vollgültigen Reichsabschied zu klassifizieren.141 Der projektierte Reichsmünztag trat im September zusammen. Das Reichskammergericht begann im Anschluss an den Reichstag mit der Eintreibung des dort beschlossenen Anschlags und der festgestellten Ausstände. Selbst Details wie die Erhöhung des Solds der beiden hochadeligen Assessoren um 100 Gulden wurden penibel realisiert.142 Dies gilt allerdings auch für nicht in den Abschied eingeflossene Beschlüsse der Deputierten. Sie beauftragten Uriel von Mainz mit der Auswahl einer Šgeeigneten Person als reichsständischen Teilnehmer an der gemeinsam mit dem Kaiser durchzuführenden Gesandtschaft zu König Sigismund von Polen. Um die Umsetzung der von den Deputierten beschlossenen Finanzierung bemühte sich ebenfalls der Mainzer Erzbischof (Nr. 526). Aller Wahrscheinlichkeit nach verfassten sie auch namens der Reichsversammlung die vorgesehenen Schreiben an die als weitere Vermittler vorgesehenen Papst Julius II. und König Wladislaw von Ungarn-Böhmen.143 Über keinen dieser vermutlich nur dem Mainzer Kurfürsten und Reichskanzler mitgeteilten Beschlüsse liegen schriftliche Unterlagen vor. Die Hochmeister Friedrich von Sachsen in Worms zugesagte Gesandtschaft von Kaiser und Reich zu König Sigmund von Polen wurde durchgeführt. Auf einem Tag in Posen fanden im Juli 1510 die vom Wormser Reichstag projektierten Vermittlungsverhandlungen statt.144

    Auf die Bedeutung der Wormser Reichstages in der territorialgeschichtlichen Perspektive wurde bereits hingewiesen. Kaiser Maximilian hatte eine Vielzahl ständischer Angelegenheiten auf den Reichstag verwiesen und aufgrund seiner Abwesenheit weitgehend seine Kommissare mit deren Erledigung betraut (Nrr. 259, Pkt. 4, 6, 12f., 1619, 22; 267). Deren Erfolgsquote war allerdings gering. In keinem einzigen der wichtigeren Vorgänge gelang die Beilegung des Konflikts.145 Lediglich in einigen untergeordneten Fällen führten die Vermittlungsverhandlungen zu einem Ergebnis (z. B. Aachener Bürger gegen Stadt Aachen; Nrr. 167f.; 259, Pkt. 17). Die Sachlage war ausnahmslos juristisch kompliziert, fallweise auch politisch heikel, der Verständigungswille auf beiden Seiten in der Regel begrenzt, doch in Abwesenheit der personifizierten kaiserlichen Autorität waren die Kommissare ohnehin von vornherein zum Scheitern verurteilt. Etliche Parteien waren gar nicht erst in Worms erschienen oder reisten gleich wieder ab (z. B. Nrr. 259, Pkt. 6, 16; 413; 417, Pkt. 5). In der Frage des Kölner Stapelrechts etwa wagten die Kommissare trotz ihrer Beauftragung durch den Kaiser keine eigene Schritte (Nrr. 259, Pkt. 19; 267, Pkt. 17; 454, Pkt. 4; 456, Pkt. 2). Lag keine explizite Weisung vor oder war der Rahmen ihres Auftrags ausgeschöpft, verwiesen sie die Petenten anscheinend ausnahmslos an das Reichsoberhaupt (z. B. Nr. 421, Pkt. 3, 4, 6). Bezeichnenderweise wandten sich Regensburg und Bayern in ihrem Konflikt direkt an den auf dem Weg nach Süden befindlichen Kaiser.146 Herzog Wilhelm und seine Vormünder sahen Šihre Anstrengungen allerdings nicht belohnt, was vermutlich auch damit zu tun hatte, dass sie ihrerseits allen kaiserlichen Vorstellungen sowohl auf dem Reichstag in Worms als auch bei den bilateralen Verhandlungen in Kaufbeuren eher reserviert gegenüberstanden. Die kaiserliche Entscheidung favorisierte somit eher Regensburg (Nrr. 145; 324; 431; 434, Pkt. 2). Abgesehen von den ihnen aufgetragenen Vermittlungsbemühungen versuchten die Kommissare in Einzelfällen, durch Mandate für die äußere und innere Sicherheit im Reich zu sorgen (Nrr. 327, 379). Große Wirksamkeit wird man diesen Maßnahmen allerdings nicht unterstellen können.

    Auffällig groß für eine maximilianeische Reichsversammlung, jedoch vermutlich signifikant für einen Kommissar-Reichstag war eine zweite Gruppe territorialer Angelegenheiten, die von ständischen Vermittlern betreut oder in informellen Gesprächsrunden behandelt wurde – und dies insgesamt überraschend erfolgreich. Um nur die reichstags- und reichsgeschichtlich wichtigeren Fälle herauszugreifen: Kurfürst Friedrich von Sachsen gelang es, durch pragmatische Anwendung des Senioratsprinzips den Sessionsstreit zwischen den Häusern Sachsen und Bayern für die Dauer des Reichstages stillzulegen (Nr. 320). Gemeinsam mit Erzbischof Jakob von Trier vermittelte er einen tragfähigen Kompromiss zwischen der Stadt Worms und dem in ihren Mauern ansässigen Stiftsklerus (Nr. 329). Die Lösung der für die Friedenswahrung in Süddeutschland hochbrisanten Hinterlassenschaft des Bayerischen Erbfolgestreits, nämlich die genaue territoriale Abgrenzung des mit dem Kölner Spruch von 1505 neugeschaffenen Fürstentums Pfalz-Neuburg, wurde in ausschließlich mündlich geführten Verhandlungen ohne Aktenniederschlag während des Wormser Reichstages vorbereitet (Nr. 559). Ebenso einigten sich die ursprünglich von Kaiser Maximilian in ihrem Konflikt um Streitberg nach Worms geladenen Parteien Bamberg und Brandenburg-Ansbach in einer bilateralen Vereinbarung auf gütliche Verhandlungen im Anschluss an den Reichstag (Nr. 321).

    Ungewöhnlich hoch ist auf diesem kaiserlosen Reichstag auch die Zahl der von den Reichsständen betriebenen sonstigen partikularen Angelegenheiten. Dies hing auch, aber nicht nur mit der mehr als dreiwöchigen Wartezeit zwischen der Abreise des Kaisers aus Worms und der Aufnahme der Sachverhandlungen zusammen. Auf einem Reichstag ohne glanzvolle Höhepunkte – nirgends ist die Abhaltung von größeren Festlichkeiten, Tanzveranstaltungen, Turnieren oder auch nur eines Preisschießens vermerkt – waren die Stände in kleinerer Runde stärker als sonst aufeinander bezogen.147 Die Kurfürsten Šbzw. die rheinischen Kurfürsten waren noch mehr als auf anderen Reichstagen als Gruppe erkennbar. Während des Reichstages wurden die 1508 neu zur Regierung gelangten Kurfürsten von Mainz, Köln und Pfalz in den Kurverein aufgenommen (Nrr. 332f.). In Worms fand auch ein Tag der rheinischen Kurfürsten statt, die Verhandlungen über die Einbeziehung Hessens und Jülichs in ihre Münzeinung aufnahmen (Nrr. 78, 334). Kurmainz, Brandenburg-Ansbach und Württemberg trafen während des Reichstages eine Vereinbarung über eine Einung (Nrr. 335339). Beide Ansätze gelangten nach dem Reichstag zu erfolgreichen Abschlüssen (Nrr. 535554). Die neuen Kurfürsten, Erzbischof Philipp von Köln und mehr noch Ludwig von der Pfalz, nutzten den Reichstag als Rahmen für zahlreiche Belehnungen (Nrr. 343346, 348352, 354). Beim Pfälzer dürfte es sich dabei zugleich um eine gezielte Inszenierung in Reaktion auf die ihm verweigerte Reichsbelehnung gehandelt haben.

    Auch der Wormser Reichstag fungierte somit als ausgiebig genutzter Rahmen für Rechts- und Schiedstage, bilaterale Verhandlungen und informelle Gespräche. Anders als vorgesehen, wurde in Worms zwar kein Schwäbischer Bundestag abgehalten. Gleichwohl verhandelten die anwesenden Gesandten des Bundes über anstehende Angelegenheiten. Im Mittelpunkt stand natürlich die von Nürnberg und Augsburg betriebene Exekution gegen den Landfriedensbrecher Heinrich von Guttenstein (Nrr. 468, Pkt. 1; 469, Pkt. 1; 470; 471, Pkt. 2). Zwar wurden keine Fortschritte in der Reichsfriedensverfassung erzielt. Über die etwa von Nürnberg im Vorfeld des Reichstages angeregte Reform des Geleitwesens (Nrr. 80, Pkt. 1; 170172) wurde anscheinend nicht verhandelt. Doch erfüllte auch der Wormser Reichstag eine andere elementare Funktion, schon als Gesprächs- und Verhandlungsforum, nicht notwendig auch durch konkrete Vermittlungserfolge, zur Entschärfung der interterritorialen Konflikte im Reich beizutragen.

    «2.4. Ergebnisse und Folgen des Wormser Reichstages »

    Die zweifellos aufsehenerregendste Entscheidung des Reichstages war die erstmals vollständige Verweigerung einer Reichshilfe für den Kaiser. Auf die militärischen Geschehnisse des Sommers 1509 in Oberitalien hatte diese Entscheidung jedoch kaum Auswirkungen. Maximilian hatte, wie gezeigt, bereits alternative Ressourcen erschlossen. Selbst im Falle eines Hilfsbeschlusses wäre das Reichskontingent wohl zu spät auf dem Kriegsschauplatz eingetroffen und auch zu klein gewesen, um zu verhindern, dass die kaiserlichen Truppen bereits wenige Wochen nach Beginn des Feldzugs in die Defensive gerieten und von allen vorübergehenden Zugewinnen nur Verona behauptet werden Škonnte. Gravierender waren die reichspolitischen Konsequenzen. Maximilian selbst versuchte noch in einer vom 14. Juni datierenden Resolution (Nr. 482/III) die ständischen Argumente zu widerlegen. Sie traf jedoch erst nach Ende des Reichstages, am 21. Juni, in Worms ein. Die Stände und auch die kaiserlichen Kommissare mit Ausnahme der am Reichskammergericht verbliebenen Nassau und Storch waren bereits abgereist. Von Worms aus wurde die Erklärung wenigstens den wichtigsten auf dem Reichstag anwesenden oder vertretenen Reichsfürsten nachgeschickt (Nr. 486). Ohnehin zeigt eine Analyse des Stücks, dass es von vornherein nicht als Reichstagsschriftgut, sondern als – von Halbwahrheiten und Verdrehungen keineswegs freie – Rechtfertigung der kaiserlichen Politik und Diskreditierung der ständischen Opposition gegenüber einer breiteren Öffentlichkeit148 angelegt war. Bereits vom 26. Juni datiert deshalb die dann ab Juli im Reich verbreitete Druckfassung. Damit verbunden war eine Änderung der kaiserlichen Informationspolitik. Hatte der Kaiser bislang den Papst als Initiator der antivenezianischen Liga hingestellt, schrieb er das Verdienst für deren Gründung nunmehr sich selbst zu (Nr. 482, Pkt. 7) und konstruierte damit eine gesteigerte Verpflichtung zum Vollzug des Bündnisvertrags. Die habsburgische Propaganda149 wie auch der Kaiser selbst bei den Verhandlungen mit den Verbündeten definierte dabei als Kriegsziel nicht weniger als die Vernichtung Venedigs. Auch die anfänglich verfolgte Linie, die übrigen europäischen Mächte und vermutlich auch die Anfang Juni in Sterzing versammelten Tiroler Stände über die Verweigerung des Reichstages im Unklaren zu belassen150, wurde mit dem gedruckten Ausschreiben aufgegeben. Wichtiger erschien es der Reichsregierung, Druck auf die einzelnen, der Eigendynamik der Reichsversammlung wieder entzogenen Stände auszuüben. Ähnliche Misserfolge sollten für die Zukunft möglichst ausgeschlossen bleiben. Doch hatte sich ohnehin zumindest bei einem Teil der nach Ende des Reichstages wieder jeweils alleine mit dem Kaiser konfrontierten Ständen, vor allem natürlich den Reichsstädten, bereits erkennbares Unbehagen über die brüske Zurückweisung der kaiserlichen Hilfsforderung und ihre möglichen ŠKonsequenzen für das Verhältnis zum Reichsoberhaupt eingestellt.151 Noch vor Eintreffen des kaiserlichen Ausschreibens vom 14. Juni hatte etwa Nürnberg seinen Residenten am Kaiserhof angewiesen, etwaige Schuldzuweisungen an die Stadt hinsichtlich der Hilfsverweigerung zu dementieren, und zwei von Maximilian für den Venezianerkrieg angeforderte Büchsenmeister auf den Weg geschickt. Im August berieten die Schwäbischen Bundesstädte, ob sie, wie bereits einige Reichsfürsten und offenbar auch die Stadt Augsburg, eine freiwillige Kriegshilfe leisten sollten (Nrr. 474, Pkt. 4; 487; 496499). Der Kaiser griff die verbreitete Verunsicherung geschickt auf. Mit Ausschreiben vom 31. August ersuchte er eine Reihe von Ständen um Gewährung einer Kriegsanleihe.152 Sogar der kaiserferne Joachim von Brandenburg stellte für die Entlastung von der Verantwortung für die Desavouierung des Reichsoberhaupts durch den Reichstag die Zahlung der geforderten 2000 Gulden in Aussicht (Nr. 501).153

    Die vom Kaiser veranlasste und vom Reichstag ratifizierte Verlegung des Reichskammergerichts von Regensburg nach Worms (Nr. 303, § 8) stellte in dessen Entwicklung eine tiefere Zäsur dar, als bislang vermutet. Der Umzug nach Worms markierte nach wechselhaften Anfängen und zeitweiliger Stagnation die Sicherung des Neubeginns von 1507 und leitete zugleich eine immerhin zehnjährige, beinahe ununterbrochene Kontinuität ein, in der sich diese Institution trotz aller im Einzelnen fortbestehenden Mängel entscheidend stabilisieren konnte. Mit dazu beigetragen hat wohl der mit dem Umzug verbundene personelle Wechsel auf allen Ebenen. Mit dem Aufenthalt in Regensburg endete auch die unruhige Amtszeit Bischof Wiguläus’ von Passau als Kammerrichter. Auf dem Wormser Reichstag übernahm Graf Adolf von Nassau als Nachfolger des interimistisch amtierenden Grafen Adam von Beichlingen bis zu seinem Tod im Juli 1511 das Kammerrichteramt (Nr. 303, § 2). Ihm folgte Graf Sigmund von Fraunberg zum Haag (1512–1518) nach, bezeichnenderweise ebenfalls einer der kaiserlichen Reichstagskommissare von 1509. Auch im Kreis der Assessoren gab es einige Neubesetzungen: Augustin Lösch (Bayerischer Kreis) und Anton von Emershofen (Kurbrandenburg), gegen dessen Abberufung durch ŠKurfürst Joachim der Kammerrichter bis dahin Widerstand geleistet hatte, schieden im Zusammenhang mit dem Umzug des Gerichts aus (Nrr. 112, Pkt. 2; 293, Pkt. 3; 505, Anm. 1). Sebastian Schilling (Schwäbischer Kreis) war bereits im März ausgetreten. Bei der offiziellen Wiedereröffnung des Gerichts im September (Nrr. 303, § 9; 304; 503) kündigten Dietrich von Lautern (Kurtrier), Georg Besserer (Kursachsen) und Arnold von Rymerstock (Kurköln) ihr Dienstverhältnis auf (Nr. 293, Pkt. 3). Für die fälligen Neubesetzungen war während des Wormser Reichstages Vorsorge getroffen worden (Nr. 303, §§ 4–7). Ebenso waren für 1509 mehr als in den Jahren zuvor neue Zulassungen von Prokuratoren und Advokaten zu verzeichnen.154 Die Kanzleischreiber wurden anlässlich des Umzugs am 23. April entlassen und nur zum Teil in Worms wieder eingestellt.155 Insgesamt kam der personelle Wechsel ungeachtet aller fortbestehenden strukturellen Defizite und Missstände dem Gerichtsbetrieb augenscheinlich zugute.156 Nicht zuletzt wurde die weitere Finanzierung des Gerichts durch einen neuen, in den folgenden Jahren jeweils neu aufgelegten Anschlag wenigstens notdürftig gesichert. Da die jährlichen Einnahmen aus dem Kammerzieler nur eine Quote von durchschnittlich ca. 60 Prozent gegenüber dem nominalen Ertrag von 11 556 Gulden erreichten157, blieb das Gericht existentiell auf das ihm 1507 zugebilligte158, allerdings unsichere Aufkommen an Kanzleigebühren und fiskalischen Gefällen angewiesen.

    ŠDer von den Deputierten in Worms beschlossene Reichsmünztag159 trat tatsächlich pünktlich zum vorgesehenen Termin Anfang September in Frankfurt zusammen, war allerdings nur schwach besucht (Nrr. 523, Pkt. 20; 524, Pkt. 1). So blieben Kursachsen und Kurbrandenburg fern. Analog zum Reichstag fanden die eigentlichen Sachverhandlungen in einer Art interkurialem Ausschuss statt (Nr. 517, Pkt. 1). Eine maßgebliche Rolle in Frankfurt spielte der Kurtrierer Rat Jakob von Mertloch (Nrr. 517, Pkt. 2; 518, Pkt. 2). Der Ausschuss führte mit ernüchternden, vermutlich aber wenig überraschenden Ergebnissen eine Probation der im Reich gängigen Goldmünzen durch (Nr. 520). Nach zehntägigen Beratungen verabschiedete der Münztag eine Reihe von zukunftsweisenden Beschlüssen (Nr. 523), deren Genese durch die wenigen vorliegenden Gesandtenberichte leider nur unzureichend erhellt wird. Unstrittig war es offensichtlich, die Guldennorm des kurrheinischen Münzvertrags von 1490160 beizubehalten. Die Goldgulden sollten überdies, wie schon 1495 vorgesehen161, eine einheitliche Vorderseite erhalten. Aufgrund der festgestellten Vielzahl unterwertiger Prägungen sah sich der Münztag außerdem zur Erstellung einer ausführlichen Probationsordnung und zur Festlegung von Strafen gegen falschmünzende Stände und deren Personal veranlasst. Außerdem sollte ein Ausfuhrverbot für Edelmetalle verhängt werden. Als institutionelle Basis für das Reichsmünzwesen waren sechs Reichskreise vorgesehen, deren Zusammensetzung unter Einbeziehung der kurfürstlichen Territorien und Österreichs an die Augsburger Regimentsordnung von 1500 angelehnt war. Die von den kaiserlichen Vertretern Graf Adolf von Nassau und Johann Storch versuchte Einigung über die Silbermünzen gelang hingegen nicht (Nrr. 519, 522). Überhaupt blieb der Frankfurter Münzordnung trotz unbestreitbarer Fortschritte gegenüber der Ordnung von 1498162 zunächst jegliche Wirkung versagt. Die münzpolitischen Differenzen zwischen den Territorien waren so einfach nicht zu überbrücken. Sowohl die Ratifizierung der Münzordnung durch den Kaiser als auch ihre Annahme durch die Münzstände unterblieben deshalb. In den ständischen Münzordnungen und -verträgen der folgenden Jahre wurde sie übergangen. Zwar berief Maximilian noch den vorgesehenen Münztag nach Augsburg ein, doch wurden dort weitere Beratungen lediglich auf den nächsten Reichstag verschoben.163 In Trier und Köln 1512 verzichtete man dann jedoch Šaufgrund der Überlastung des Reichstages mit anderen Themen auf Beratungen zum Münzwesen. Trotz des tragfähigen Entwurfs von 1509 gelang in der Regierungszeit Maximilians I. keine Entscheidung mehr zur Lösung der Missstände beim Münzwesen.164 Die Stände waren weiterhin auf zwangsläufig unzureichende territoriale Ordnungen oder regionale Vertragssysteme angewiesen. Kurz nach dem Münztag setzten etwa die rheinischen Kurfürsten die in Worms eingeleiteten Bemühungen um eine Erweiterung ihrer Münzeinung fort. Zuerst trat im Oktober 1509 Hessen bei (Nrr. 535f.). Nur bei den Fachleuten blieb die Frankfurter Ordnung präsent. Noch auf dem Wormser Reichstag von 1545 wurde sie als Beratungsgrundlage herangezogen.165

    Die Bilanz des Wormser Reichstages von 1509 ist somit insgesamt bescheiden. Nur für die Geschichte des Reichskammergerichts kommt ihm einige Bedeutung zu. Die vollständige Verweigerung der geforderten Reichshilfe war gewiss spektakulär, Maximilian I. hatte dieses Ergebnis jedoch maßgeblich mitverschuldet. Dem politischen Gewicht Friedrichs des Weisen und seiner überlegenen Reichstagsregie hatten der abwesende Kaiser und seine ohnmächtig agierenden Kommissare wenig entgegenzusetzen. Doch hätte auch die Bewilligung einer Reichshilfe den letztlichen Misserfolg des Italienfeldzugs von 1509 nicht verhindern können. Ausschlaggebend waren militärische Fehlentscheidungen und die Zurückhaltung der Verbündeten, die ihre Kriegsziele realisiert hatten, bevor Maximilian überhaupt den Kriegsschauplatz erreichte. Im Nachhinein betrachtet bestand der entscheidende Fehler des Kaisers doch darin, das überaus entgegenkommende Friedensangebot Venedigs im Juni 1509 ignoriert166 und den absehbaren Bruch des Bündnisses mit Frankreich in ungewohnter Paktloyalität noch bis Juni 1512 hinausgezögert zu haben.